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Mehr InformationenWie geht man als angehörige Person damit um, wenn eine mögliche Diagnose fehlt?
In unserer elften Folge ist Leonie zu Gast. Als wir sie zum Podcast eingeladen haben, wusste sie nicht was sie erzählen soll, weil ihr erkranktes Familienmitglied nie eine Diagnose gestellt bekommen hat. Wir fanden: genau das muss Thema sein! Denn wie Leonie geht es vielen Angehörigen. Oft sind sie sogar die, denen auffällt, dass etwas nicht in Ordnung ist.
Wie merkt man dann, dass jemand psychisch erkrankt ist? Wann fängt man an, sich mit psychischen Erkrankungen auseinanderzusetzen? Wie und mit wem redet man darüber, wenn dieses diffuse Gefühl da ist? Wie geht sie in ihren familiären Beziehungen damit um, dass es vielleicht nie eine Diagnose gibt? – und vor allem: Was macht das mit den Angehörigen, wenn eine Diagnose fehlt?
Wir sprechen mit Leonie darüber, wie es für sie war, mit diesem ungreifbaren Gefühl aufzuwachsen, aber keinen Namen dafür zu haben. Sie erzählt uns von ihrer Geschichte mit dem Thema bis heute, wie sie ihren Umgang damit gefunden hat und welche besondere Bedeutung ihre Geschwister in der Situation für sie haben.
Weiter unten findest du einen Themenüberblick (inkl. Zeitstempel) und das Transkript der Folge.
Weiterführende Links:
PEER4U:
www.peer-for-you.de
Selbsthilfenetz:
https://www.bapk.de/angebote/selbsthilfenetz-psychiatrie.html
Die Diagnosen-Broschüre des BApK:
https://www.bapk.de/publikationen/produkt/diagnosen.html
Material zum Thema Deeskalation:
https://www.bapk.de/deeskalation.html
Leonie im Video zum Thema Angststörung:
https://www.youtube.com/watch?v=xRf9pl9YJjc
Leonies Informationsquellen bei Instagram:
@therapy.with.josh
@dr.aylin.thiel
@healing_notes_
@bencoleedwarts
Falls du direkt zu einem Thema in der Folge springen möchtest:
15:10
Thema: Dysfunktionale Familie und die Auswirkungen. Leonie beschreibt ein damaliges starkes Gefühl von Abhängigkeit und Hilflosigkeit, das aus der Beziehung zu einem Elternteil entstanden ist.
18:58
Thema: Reaktionen des Umfelds. Manche Reaktionen gaben ihr Verständnis und Halt, während sie andere, direkte Rückmeldungen wütend und hilflos machten, weil sie sich der familiären Abhängigkeit noch nicht entziehen konnte.
27:51
Thema: Loslösung. Leonie hat sich innerlich abgelöst und auf sich selbst geachtet. Sie fühlt keine Verantwortung für ihre Eltern, sondern leidet daran, dass diese ihrer Verantwortung nicht nachkamen.
38:46
Thema: Geschwister als Halt. Leonie erzählt, wie sie und ihre Geschwister sich gegenseitig unterstützen und stärken, um sich gemeinsam von belastenden familiären Dynamiken zu lösen.
41:11
Thema: Bedeutung einer Diagnose. Leonie reflektiert, dass eine Diagnose vor allem Verantwortung seitens der Eltern bedeutet hätte, sich mit der Situation auseinanderzusetzen und für sich selbst und das Umfeld zu sorgen.
Transkript zur Folge
Nele
00:08 – 00:29
Herzlich willkommen bei unerhört nah, dem Podcast des Bundesverbandes der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen. Wir, das sind einmal ich, Nele und ich, Julia, sprechen offen mit verschiedenen GästInnen über die Erfahrungen und Herausforderungen von Angehörigen psychisch erkrankter Menschen. Erlebt mit uns, was es heißt, unerhört nah dran zu sein.
Julia
00:29 – 00:46
Hallo und herzlich willkommen zurück zu unserem Podcast Unerhört Nahe, der Angehörigen-Podcast von BRPK. Und heute wird es um das Thema fehlende Diagnosen gehen. Also was passiert eigentlich, wenn so eine Diagnose erst spät oder gar nicht gestellt wird? Und was macht das dann eben mit den Angehörigen?
Julia
00:46 – 00:52
Und dafür haben wir natürlich mal wieder eine Gästin da. Aber erstmal begrüße ich dich, Nele. Hallo, Nele.
Nele
00:52 – 01:15
Hallo, ich freue mich auch wieder dabei zu sein und mit dir gemeinsam jetzt hier wieder mal eine Folge aufzunehmen. Ich freue mich auch sehr auf das Thema heute. Das ist schon ein Thema, was viele von uns beschäftigt und begleitet, schon seit vielen Jahren. Manche vielleicht auch erst seit kurzem, wenn man sich noch nicht so lange Gedanken darüber gemacht hat, aber es ist ein sehr wichtiges Thema.
Nele
01:15 – 01:27
Da freue ich mich, dass du, Leonie, heute da bist, um mit uns darüber zu sprechen. Und ich würde jetzt tatsächlich zu Beginn erstmal dir das Wort geben, dann kannst du dich gerne einmal kurz vorstellen.
Leonie
01:27 – 01:44
Hi, ich freue mich auch sehr hier zu sein. Danke für die Einladung. Ich bin Leonie, ich bin 25 und ich habe Erziehungswissenschaft und Medienkulturwissenschaft studiert. Aktuell arbeite ich als Inklusionsbegleiterin an der Schule.
Leonie
01:44 – 02:11
Ich liebe Pflanzen und Tiere und ich mag es total gerne, sowohl auf meiner Arbeit als auch privat, Menschen zu unterstützen und zu helfen. Also das ist so meine Leidenschaft, weil ich einfach selber Erfahrungen damit gemacht habe, Hilfe zu brauchen und die halt nicht so zu bekommen. Ja, ich glaube, das sind so die wichtigsten Sachen über mich.
Nele
02:11 – 02:56
Genau und wir widmen uns ja heute, danke dir erstmal Leonie, speziell dem Thema fehlende Diagnosen, natürlich wieder aus der Sicht einer angehörigen Person. Und da würde ich jetzt gerne direkt mal so ein bisschen drauf eingehen. Wir haben uns im Vorhinein schon darüber unterhalten, Leonie ist nämlich auch bei uns in der jungen Selbsthilfe tätig in unserem Verband und da kam das Thema so ein bisschen auf und wir haben auch gemerkt, dass das viele andere damit tatsächlich ein Thema haben. Es ist ein großes Ding, dieses Thema fehlende Diagnosen und möchte jetzt an der Stelle gerne nochmal fragen, warum ist das Thema für dich so wichtig, um jetzt erstmal so eine allgemeine große Frage zu stellen?
Leonie
02:58 – 03:29
Also ich bin ja selber in einer Familie aufgewachsen, wo das Thema war und für mich auch ein Problem war, dass eben ein Elternteil nicht diagnostiziert, aber jetzt im Nachhinein ist für mich klar, diese Person ist auf jeden Fall psychisch erkrankt. Ich bin selbst damit aufgewachsen, das heißt, es war mein Leben lang eigentlich schon ein Thema. Erst mal unbewusst und später dann bewusst. Und das war für mich aus vielen Gründen sehr, sehr belastend.
Leonie
03:29 – 03:45
Und deswegen finde ich es einfach wichtig, darüber offen zu sprechen. Ich habe das nämlich auch so wahrgenommen, auch so erlernt einfach, dass es ein Tabuthema ist. Wir haben nie darüber gesprochen. Vor allem als Kind, man kommt ja nicht selber darauf, darüber zu sprechen.
Leonie
03:45 – 03:59
Also ich musste mir das quasi erarbeiten. Und genau, da finde ich es einfach total hilfreich, von anderen die Geschichten zu hören. Ja, zu hören, wie andere damit umgegangen sind. Und ja, ich hätte mir das ja gewünscht.
Leonie
03:59 – 04:01
Deswegen finde ich das sehr, sehr wichtig.
Julia
04:01 – 04:28
Das war ja auch so ein bisschen der Grund, warum wir uns dafür entschieden haben. Weil als wir mit dir gesprochen haben, ob du nicht mal Gästin sein willst, Meintest du ja so ein bisschen, du weißt ja gar nicht genau, worüber du reden sollst, weil es gibt ja keine Diagnose. Und dann war ja so, daraus ist ja die Idee geboren zu sagen, vielleicht ist aber genau das das Thema. Weil wir das glaube ich auch zu Genüge kennen, dass ganz viele Angehörige eben auch noch gar nicht wissen oder vielleicht auch nie erfahren, was die Diagnose ist.
Julia
04:28 – 04:53
Entweder weil die Personen nicht in Behandlung gehen oder weil die Person die Diagnose nicht sagen will. Das ist ja auch irgendwo verständlich vielleicht. Und dass es dann aber total schwer ist für Angehörige zu fassen, was da eigentlich los ist. Und ich kann mir aber vor allem vorstellen für dich als Kind eines solchen Elternteils, ist das ja nochmal, glaube ich, ein anderes Thema, weil du damit eben groß geworden bist.
Julia
04:53 – 05:10
Und weil das ja nochmal auch ein bisschen speziell ist, wenn man das so dann vielleicht auch als normal wahrnimmt oder so, je nachdem. Und da würde ich dich gerne fragen, wie du das denn so erlebt hast, als du jünger warst. Also quasi so ein bisschen den Werdegang. Wie hast du das wahrgenommen?
Julia
05:10 – 05:20
Hast du wahrgenommen, dass deine Eltern anders waren oder Und wann kam vielleicht auch der Moment, wo du dachtest, irgendwie ist hier was komisch?
Leonie
05:20 – 05:36
Also klar, ich bin damit aufgewachsen. Das heißt, ich habe das nicht gewusst. Also mir war es nicht bewusst, dass vielleicht irgendwas anders bei uns ist. als in anderen Familien zum Beispiel.
Leonie
05:36 – 06:25
Ich habe aber schon recht früh ein diffuses, unangenehmes Gefühl entwickelt, einfach generell, was die Familiendynamik anging. Ich erinnere mich leider an sehr, sehr vieles nicht mehr, aber ich habe viel mit meinen Geschwistern gesprochen und aus den Gesprächen weiß ich auch zum Beispiel, dass es wirklich sehr viel Streit gab. Genau, also sowohl zwischen meinen Eltern und es waren wirklich keine, ja, also es waren keine Diskussionen, sondern das war wirklich teilweise sehr Gewaltsam, gewaltvoll irgendwie, also verbal gewaltvoll. Ähm, weshalb ich das vermutlich auch verdrängt hab irgendwie, weil’s sehr belastend für mich war.
Leonie
06:25 – 07:11
Und genau, zwischen meinen Eltern und mir gab’s auf jeden Fall auch sehr viele Streitigkeiten, wo ich auch sagen würde, das waren irgendwie keine Diskussionen auf Augenhöhe, sondern es war häufig ein Machtgefälle irgendwie spürbar für mich, dass ich mich unwohl gefühlt hab, nicht gesehen gefühlt hab. generell meine Bedürfnisse, die ich so hatte und versucht habe zu äußern, wurden nicht erfüllt. Also teilweise wurde es versucht, aber es hat eben nicht so geklappt aus verschiedenen Gründen. Genau, und ich habe dann irgendwann selbst auch, also in meiner Jugend, ja, echt starke psychische Probleme entwickelt, dass ich halt starke Ängste bekommen habe zum Beispiel.
Leonie
07:11 – 07:40
Ich mich einfach total verzweifelt gefühlt habe und überhaupt nicht wusste, wohin mit mir. Und mir einfach gemerkt habe, irgendwie, das stimmt hier nicht. Es war halt immer noch, auch in meiner Jugend, sehr diffus, weil ich eben auch keine Vorbilder hatte. Meine Eltern waren eigentlich so meine einzigen erwachsenen Bezugspersonen, was dann für mich auch einfach nicht gesund war, weil die Dynamik halt einfach nicht gut für alle war.
Leonie
07:40 – 08:02
Genau, und schon als Kind hatte ich auch, da erinnere ich mich dran auf jeden Fall, so sehr, also ich würde sagen, also wie Wutausbrüche, aber es war nicht nur Wut, sondern es war einfach generell Verzweiflung. Und das hat sich dann so durchgezogen, genau. Und ist dann besser geworden, als ich mich halt quasi Stück für Stück ablösen konnte. Das war ein sehr schwieriger Prozess.
Leonie
08:02 – 08:09
Und genau, ich habe mich da, ja, mehr oder weniger alleine so rausgekämpft.
Nele
08:09 – 08:32
Das wäre jetzt nämlich eine Frage gewesen, da habe ich jetzt gerade schon darüber nachgedacht, als du erzählt hattest, hast du Geschwister, mit denen du dich damals darüber ausgetauscht hast oder bei denen du vielleicht auch das Gefühl hattest, du musst sie ein bisschen davor abschirmen oder sie haben dich mit abgeschirmt, hat man sich da so ein bisschen zusammengetan und darüber gesprochen und gegenseitig unterstützt?
Leonie
08:33 – 09:07
Ja genau, also ich habe zwei jüngere Geschwister und wir haben auch ein sehr gutes Verhältnis mittlerweile. Ja, mittlerweile reden wir da auch recht offen drüber, also mehr oder weniger. Das ist für uns alle natürlich auch ein sehr belastendes Thema einfach und gerade weil wir da auch, ja, sehr ähnliche Erfahrungen natürlich gemacht haben und da einfach alle zusammen drin waren, kann es auch einfach sehr belastend sein, darüber zu sprechen. Gleichzeitig ist es aber auch total hilfreich und niemand kann einen so gut verstehen wie die eigenen Geschwister.
Leonie
09:07 – 09:43
Also es kommt natürlich auf das Verhältnis an, aber bei uns ist das so, dass wir einfach teilweise genau fühlen, was die andere Person fühlt. Und es ist super, super schwierig, das so für mich zurückzuverfolgen, wie das war, als ich Kind war, ehrlich gesagt, weil ich einfach wirklich sehr viel vergessen habe und verdrängt habe. Ich glaube, ich habe nicht bewusst etwas abgeschirmt, also versucht, meine Geschwister abzuschirmen. Ich glaube, ich war sehr mit mir selbst beschäftigt.
Leonie
09:43 – 10:08
Ich hatte auch häufig ein schlechtes Gewissen deswegen, weil ich immer sehr auf mein Wohlbefinden fokussiert war, was ja eigentlich auch gesund ist. Ich bin ja auch rational gesehen überhaupt nicht für meine Geschwister verantwortlich. Aber ich habe einfach gemerkt, dass ich irgendwie so eine Verantwortung eigentlich übernehmen möchte und das aber nicht kann und will irgendwie. Also es hat so ein bisschen in mir gekämpft.
Leonie
10:08 – 10:44
Und als wir Kinder waren, Da haben wir das alle nicht so ganz verstanden, was eigentlich los ist, aber wir haben alle darunter gelitten. Wir hatten auch alle unsere Phasen, wo wir dann gemerkt haben, ja, okay, also das war jetzt so eine Ablösungsphase so ein bisschen. Ja, ich glaube, nachdem wir das alle so ein bisschen durch hatten, konnten wir dann anfangen, darüber zu sprechen, weil wir halt gemerkt haben, okay, wir haben jetzt alle drei gemerkt, wir fühlen uns nicht wohl mit der Situation. Und dann haben wir halt versucht zu analysieren.
Leonie
10:44 – 11:05
Also erst mal jeder für sich. Und dann haben wir aber uns auch gegenseitig quasi so weitergebildet und darüber gesprochen und halt auch erst mal Worte gefunden. Die haben uns gefehlt. Wir hatten überhaupt keine Ahnung, was zum Beispiel auch ein dysfunktionales Familiensystem bedeutet, was für psychische Erkrankungen es gibt.
Leonie
11:05 – 11:08
Ja, das alles haben wir uns selbst beigebracht.
Nele
11:08 – 11:33
Das dachte ich nämlich gerade, weil man nimmt das ja wahrscheinlich auch eine ganze Zeit lang, gerade wenn man noch jung ist und damit aufwächst, unterschwellig war. Du merkst, dass du dich vielleicht ängstlich oder unwohl fühlst, so mit Eltern zusammen zu Hause generell, vielleicht auch mit anderen, wenn sich das auswirkt. Aber du findest keine Worte dafür. Ich finde, das war wirklich sehr gut ausgedrückt an der Stelle.
Nele
11:33 – 11:37
Wenn man etwas nicht richtig beschreiben kann, weil man gar nicht weiß, wie kann
Julia
11:37 – 11:37
man
Nele
11:37 – 12:08
es beschreiben, gibt es dafür überhaupt Worte für dieses Gefühl? Ich merke nur, da stimmt etwas nicht. Und du sagtest ja, glaube ich, gerade, dass das dann erst besser geklappt hat oder dass du das eher erkennen konntest, als da so eine Art Abnabelungsphase stattgefunden hat. Ist damit genau der Übergang gemeint, quasi vom, weiß ich nicht, vom Jugendlichenalter hin zu, ich ziehe jetzt aus, ich habe meine Schule fertig und mache mein eigenes Ding oder gab es da vorher schon mal
Leonie
12:08 – 12:31
Momente? Also darüber habe ich mir auch schon oft Gedanken gemacht. Ich glaube, es gab ganz viele Momente, in denen das Stück für Stück passiert ist, auf jeden Fall. Also ich glaube, ja, der erste Moment war wahrscheinlich, nachdem ich mein Abitur hatte, und dann ein FSJ gemacht hab, da hab ich ja das erste Mal gearbeitet, war so lange weg von zu Hause.
Leonie
12:31 – 12:46
Und meine Eltern waren nicht so involviert in das, was da so passiert ist. Sie kannten meine Arbeit nicht so richtig. Und da war ich mehr Expertin. Ich glaub, das war so, würd ich jetzt so spontan sagen, einer der ersten Momente.
Leonie
12:46 – 13:13
Ähm, was mir auch wirklich gutgetan hat, so da ein bisschen wegzukommen. Aber in der Zeit hab ich eben noch zu Hause auch gewohnt. Und ich glaube, so wirklich große Schritte habe ich gemacht, als ich ausgezogen bin. Da habe ich wirklich gemerkt, jeden Monat ist irgendwas Neues dazugekommen, dass ich irgendwie merke, Ich werde, also ich entwickle irgendwie eine Identität so richtig.
Leonie
13:13 – 13:29
Also davor war ich einfach noch so geprägt von den Werten, die ich so mitgegeben bekommen habe, die ich irgendwie übernommen habe. Und dann habe ich halt viel hinterfragt und überdacht und mich irgendwie selber weitergebildet.
Julia
13:29 – 13:58
Kannst du denn sagen, woran du dann gemerkt hast, oh, ich glaube, mein Elternteil ist erkrankt? Kannst du diesen Schritt benennen, wo du gemerkt hast, das war vielleicht nicht nur dysfunktional oder kein so gesundes Gefüge für dich, weil das heißt ja nicht immer unbedingt, dass jemand psychisch erkrankt ist, sondern ob es so einen Punkt gab, wo du irgendwann realisiert hast, dass was da vorliegen könnte, war eine Erkrankung?
Leonie
13:58 – 14:47
Da gibt es sicherlich nicht nur eine Situation, aber ich glaube, das ist auch so, also das habe ich mich glaube ich auch erst getraut, so richtig mir einzugestehen, beziehungsweise mich darüber zu informieren, mehr nachzudenken, als ich den Abstand hatte. Ja und da habe ich einfach Ich glaube tatsächlich, ich habe sehr viel auf Instagram, so auf Seiten geschaut, die sich eben mit Familiendynamiken quasi beschäftigen und in dem Zusammenhang eben auch mit psychischen Erkrankungen und darüber bin ich glaube ich so ein bisschen darauf gekommen. Darüber nachzudenken, ja, ob das sein könnte, ob da etwas vorliegen könnte. Und ja, hab dann mit der Zeit einfach immer mehr gedacht, ja, auf jeden Fall.
Leonie
14:47 – 15:10
Also, das könnte ich mir auf jeden Fall sehr gut vorstellen. Auch wenn keine Diagnose einfach vorliegt, aber einfach durch die Symptome, die aufgetreten sind, konnte ich da schon irgendwie einiges … mir herleiten. Ich hab dann auch gemerkt, als ich alleine gewohnt hab, dass ich wirklich, was bestimmte Themen angeht, so starke Ängste hatte.
Leonie
15:10 – 15:19
Also wirklich … ja … Ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll. Also, Todesangst ist vielleicht zu viel gesagt.
Leonie
15:19 – 15:41
Aber ich hatte schon das Gefühl, ich bin lebensunfähig. Und das ist irgendwie so ein Gefühl, und das hab ich auf jeden Fall von diesem Elternteil mitgegeben bekommen. Es war nicht bewusst, ich weiß das, aber ich hatte das Gefühl, ich bin ohne dieses Elternteil nicht lebensfähig. Also, ich brauche dieses Elternteil, um zu überleben, ich werd sonst krank.
Leonie
15:41 – 15:58
Also, ich hab jetzt nicht direkt gedacht, ich werde dann sterben, aber ich hatte wirklich große Angst. Ich hatte … ja, einfach ganz viele Themen … wo ich einfach gemerkt habe, wow, deswegen habe ich mich auch lange nicht getraut, von zu Hause auszuziehen.
Leonie
15:58 – 16:13
Also es war wirklich ein riesiger Schritt. Ja, obwohl das ja eigentlich klar war, dass ich klarkomme. Ich habe ja die Fähigkeiten gehabt, aber ich habe das nicht wahrgenommen.
Julia
16:13 – 16:34
Das heißt, das war so ein bisschen so eine Mischung quasi, so wie ich dich jetzt verstehe, aus einem seltsamen Abhängigkeitsverhältnis. gepaart mit Symptomen, die an dich auch so weitergegeben wurden sozusagen so ein bisschen. Also durch die Werte, die vielleicht auch eben nicht, also die auf eine gewisse Art krankhaft sozusagen sind, dass sich das so in dir wiedergefunden
Leonie
16:34 – 17:07
hat. Genau, also ich würde sagen, das waren halt so sehr misstrauische Anteile und so in so eine Richtung, dass man einfach andere Menschen als nicht vertrauenswürdig häufig wahrnimmt. Deswegen hatte ich auch große soziale Ängste, Angst zu Ärztinnen zu gehen zum Beispiel. Ich dachte, die sind alle nicht so kompetent, die können mir sowieso nicht helfen, wenn ich irgendwas hab.
Leonie
17:07 – 17:39
Und ansonsten, was auch so andere Symptome angeht, habe ich tatsächlich dann auch viel mit meinen Geschwistern gesprochen. Genau, weil eines meiner Geschwister kann sich an sehr, sehr viel erinnern und hat mir tatsächlich sehr viel erzählt, was alles so, ja, noch auf bestimmte psychische Erkrankungen hindeuten könnte. Und dann habe ich mich teilweise durch die Erzählungen auch wieder an Sachen erinnert. Und das hat dann einfach ein Gesamtbild ergeben, was einfach Sinn gemacht hat.
Nele
17:39 – 18:00
Ich habe gerade noch daran gedacht, ob es möglicherweise Menschen im näheren Umfeld gab, also seien es jetzt andere Familienmitglieder, wenn es irgendwie vielleicht mal Feten oder so gab oder irgendwelche anderen Anlässe oder vielleicht auch Freundinnen, die mal bei einem zu Hause waren, falls das der Fall gewesen ist,
Julia
18:00 – 18:01
die
Nele
18:01 – 18:28
das vielleicht auch mitbekommen haben, also sowohl Familienmitglieder als auch andere die dich auch darauf angesprochen haben oder so von wegen ja irgendwie stimmt doch hier was nicht oder du bist so komisch momentan in der schule oder du bist so zurückgezogen oder haben haben haben leute das mitbekommen oder war das wirklich etwas was was wirklich nur so im familiären engkreis stattgefunden hat
Leonie
18:29 – 18:58
Ja, also als ich Kind war, hat das tatsächlich niemand mitbekommen. Ich würde auch sagen, ich war insgesamt eher unauffällig, also dass man es mir jetzt nicht direkt angemerkt hat. Oder halt dann immer, also auf jeden Fall nicht quasi so Rückschlüsse gezogen worden, ja, das liegt jetzt an der familiären Situation, sondern vielleicht eher, ja, mir geht es nicht gut, weil, keine Ahnung, Pubertät, ich weiß es nicht. Dass es einfach nicht allzu gravierend eingeschätzt wurde.
Leonie
18:58 – 19:16
Aber Es gab auf jeden Fall Situationen, an die ich mich erinnern kann, also gerade durch Freundinnen. Das wurde schon bemerkt. Also wahrscheinlich konnte es auch nicht so eingeordnet werden. Aber ich habe mich dann teilweise sogar auch verstanden gefühlt.
Leonie
19:16 – 19:37
Als ich älter war, so 17 ungefähr, da hat eine Freundin zum Beispiel auch mal eine Situation mitbekommen. live dabei, mehr oder weniger, und hat einfach wirklich gemerkt, okay, nee, also das, was dein Elternteil da gerade sich zusammen reimt, das ist ja kompletter Quatsch. Das macht überhaupt keinen Sinn. Du hast nichts falsch gemacht.
Leonie
19:37 – 20:01
Und da habe ich mich sehr verstanden gefühlt. Also das war auf jeden Fall Da hab ich dann auch langsam mehr gemerkt, okay, also, es liegt nicht immer an mir. Genau, und ein bisschen früher, paar Jahre vorher war das, glaub ich, da hat auch meine Freundin, die mich schon sehr, sehr lange kannte, also, wir waren wirklich befreundet, seit wir im Kindergarten waren. Und sie war auch sehr, sehr oft bei mir zu Hause.
Leonie
20:01 – 20:26
Seit dann irgendwann, als wir dann so Teenies waren, zu mir gesagt, dass das Verhältnis zwischen … dem Elternteil und mir eher ungesund ist. Und ich war halt noch sehr abhängig. Und diese Aussage, obwohl sie rational gesehen im Nachhinein absolut richtig ist, hat mich irgendwie total wütend gemacht, weil ich halt nicht da raus konnte.
Leonie
20:26 – 20:37
Und das einfach mich in meiner Unfähigkeit, irgendwie zu handeln, total … also, gestärkt hat. Das war irgendwie … Das hat so dieses …
Leonie
20:37 – 21:04
Dieses Dilemma total verstärkt einfach, dass ich mich eigentlich Unruhe gefühlt habe, irgendwie da raus wollte, aber das Gefühl hatte, das geht nicht, ich bin ja abhängig, ich kann hier nicht raus, weil ich kann ja sonst nicht irgendwie gut leben. Ähm, genau, und … da hab ich einfach gemerkt, dass ich da wirklich so eine … Also, dass ich das noch nicht so aufnehmen konnte und da einfach noch nicht, ja, so konstruktiv mit umgehen konnte.
Leonie
21:04 – 21:20
Weil ich hab dann natürlich mich auch so hilflos gefühlt. Ich dachte dann so, ja, du kannst was nicht zu mir sagen und dann nichts dagegen machen. Was natürlich auch nicht ihre Aufgabe war, muss man dazu sagen. Aber genau, das war so ein bisschen mein Gedanke, den ich damals hatte, weil es mir einfach so schlecht damit ging.
Julia
21:20 – 21:40
Ist ja, glaube ich, auch das Schwierige, wenn man auch noch so jung ist. Also wie du sagst, man ist ja auch auf eine gewisse Art abhängig, weil man lebt ja noch zu Hause. Also du kannst ja nicht einfach deine Tasche packen und gehen. So einfach ist das ja oft nicht, gerade wenn man in diesem Gefüge groß geworden ist und sich davon auch nicht wirklich abgrenzen kann.
Julia
21:40 – 21:54
Irgendwie, ob jetzt räumlich oder emotional. Aber was ich gerade so dachte, ich finde es interessant, dass das offensichtlich Freundinnen aufgefallen ist, die ja in deinem Alter waren. und Erwachsenen weniger. Kannst du dir das erklären?
Leonie
21:54 – 22:07
Ja, total. Ich hatte einfach nicht wirklich Kontakt zu erwachsenen Menschen. Abgesehen von meinen Eltern und Großeltern, die aber da so mit drin waren. Sie hatten gar nicht dieses Wissen darüber.
Leonie
22:07 – 22:30
Die haben dieses Wissen einfach nicht, also die haben die Worte auch nicht dafür, wie das… Für die ist es einfach eine ganz normale Familie mit halt normalen Problemen. die aber nicht benannt werden müssen, weil man liebt sich ja und dann verzeiht man sich auch wieder. Damit konnte ich halt nicht so viel anfangen, als es mir so schlecht ging.
Leonie
22:30 – 23:11
Die haben das auch mitbekommen, aber dadurch, dass sie dieses Wissen nicht hatten, da einfach selbst ja auch mit drin hingen quasi, haben da dann auch mir nicht helfen können. Und ja, also zum Beispiel in der Schule, Lehrkräften hätte es ja irgendwie vielleicht auffallen können, denen ist schon aufgefallen, dass es mir schlecht ging, auf jeden Fall, weil ich hatte da auch manchmal dann Zusammenbrüche in der Schule. Aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, da wirklich drüber zu reden, weil ich habe immer gedacht, mir kann ja eh niemand helfen und die Hilfe, die mir hätte angeboten werden können, die hätte ich dann nicht annehmen können. Ich habe einfach gelernt, dass man da einfach nicht drüber redet und dass es auch zu anstrengend ist.
Leonie
23:11 – 23:34
Ich hatte auch keine Energie. muss man auch dazu sagen, ich habe auch immer, wenn ich überlegt habe, bei Streitigkeiten meine Meinung zu sagen, für mich zu kämpfen, ich war einfach, ich konnte nicht mehr. Ich war einfach so geschwächt von dieser ganzen Schwere der Situation, dass ich da meistens einfach gar nichts gemacht habe und einfach versucht habe, irgendwie weiterzuleben.
Nele
23:35 – 23:59
Gab es einen Moment, in dem du mal versucht hast, Das Elternteil zu konfrontieren? Oder kann natürlich auch ein bisschen seichter sein, versucht ein Gespräch darüber zu führen, dass du den Eindruck hast, da läuft was gar nicht richtig, ich fühle mich nicht wohl und ich habe das Gefühl, wenn man noch einen Schritt weiter geht, bei dir ist was los. Gab es so einen Moment?
Leonie
23:59 – 24:18
Also so wirklich dieses direkte Konfrontieren auch mit den Problemen des Elternteils gar nicht, weil das war so ein Tabu. Und ehrlich gesagt ist das immer noch. Das würde ich auch heute nicht machen. Ich habe das Gefühl, das würde nicht klappen.
Leonie
24:18 – 24:28
Das würde nichts bringen. Das würde nur mich stressen. Und ich bin halt der Meinung, ich bin nur für mich verantwortlich. Deswegen kümmere ich mich um mich und lasse das Thema ruhen.
Leonie
24:30 – 24:51
Über das andere Elternteil teilweise gab es solche Gespräche. Also, dass ich mit dem anderen Elternteil dann darüber gesprochen habe. Und dieses Elternteil ist auch verhältnismäßig offen dafür, ist aber selber auf jeden Fall auch emotional einfach abhängig. Und in dieser Beziehung dementsprechend auch in einem Dilemma, ne?
Leonie
24:51 – 25:03
So merkt, okay, eigentlich stimmt … Also, es ist nicht in Ordnung teilweise. Meinem Partner, meiner Partnerin geht’s nicht gut. Aber inwiefern die dann darüber sprechen, das weiß ich auch nicht.
Leonie
25:03 – 25:11
Oder auch wie das in der Vergangenheit war. Ich hab mich da auch immer sehr rausgehalten. Ich hab mich da immer zurückgezogen. Ich hab nicht sehr viel mitbekommen oder vieles vergessen.
Leonie
25:11 – 25:35
Ich hab aber durchaus geäußert, dass es mir mit bestimmten Sachen nicht gut geht. Also, dass bestimmte Themen für mich einfach unangenehm sind. Dass ich manche Sachen einfach nicht möchte, die sie gesagt haben oder die das Elternteil zum Beispiel gesagt hat. Oder ja, wie es auch vielleicht im Haushalt manche Sachen abgelaufen sind.
Leonie
25:35 – 25:59
Also bin ich schon teilweise für mich eingestanden und habe dann gesagt, was ich mir auch wünsche, habe dann wirklich versucht, so konstruktive Kritik zu äußern. Und teilweise, je nach Stimmung, muss man auch sagen, war das sehr, sehr unterschiedlich. Teilweise hat das dann auch gut funktioniert und wurde auch erstmal gut aufgenommen. Dann war aber das Problem, dass es eben nicht nachhaltig war.
Leonie
25:59 – 26:19
Und dann irgendwann wurde es wieder komplett ignoriert, was ich gesagt hatte und wie es mir da geht. Und das war natürlich sehr frustrierend, da mitzubekommen, dass meine Bedürfnisse einfach nicht den gleichen Stellenwert haben wie die meiner Eltern. Und meinen Geschwistern ging es auch so. Also wir mussten uns einfach ständig anpassen.
Leonie
26:19 – 26:41
Generell war die Dynamik eher so, dass sich alle dem erkrankten Elternteil angepasst haben, auch das andere Elternteil. Das andere Elternteil war aber nun mal erwachsen und konnte halt, hat halt dadurch mehr Freiheiten und wir als Kinder nicht und waren da eben sehr, ja, Also hatten nicht so viele Möglichkeiten
Julia
26:41 – 27:07
uns zu wehren. Da gibt es diesen schönen Spruch, der fällt mir dazu immer ein aus der Selbsthilfe. Man kann das System nur verändern, wenn man das System bricht quasi. Und das ist es ja so ein bisschen, wenn alle so mitziehen, dann bleibt das so in der Bubble und dann ist auch so eine Ja wird so eine fehlende Diagnose halt irgendwie so hingenommen also dann sind so alle da in ihren Aufgaben und tragen das halt irgendwie so
Julia
27:07 – 27:36
ungefragt mit. Ich habe mich nur gerade gefragt um dann auch wieder auf das Thema fehlende Diagnose nochmal ein bisschen mehr zu kommen. Du meintest ja, das war so ein schleichender Prozess, dass du dich damit mehr auseinandergesetzt hast und irgendwann hattest du so das Gefühl durch auch Gespräche mit deinen Geschwistern so, okay, ich glaube, hier liegt mehr vor. Und jetzt frage ich mich so ein bisschen, wie bist du damit umgegangen, weil dann weiß man oder hat man so dieses bestärkte Gefühl, das ist eine Erkrankung.
Julia
27:36 – 27:50
Hattest du dann Ideen oder Pläne, dass du sagst, da muss was passieren, kriege ich die Person vielleicht in Therapie oder was auch immer? Oder hast du gesagt, ich glaube, da kann ich nichts dran ändern und dann müssen die damit selber klarkommen?
Leonie
27:51 – 28:10
Ich hatte nie solche Pläne oder Ideen. Also, ich hab mir schon vorgestellt, was an der Stelle meiner Eltern sinnvoll wäre, wie ich damit umgehen würde an deren Stelle, was ich mir wünschen würde. Aber ich hab da niemals irgendwie … ja, wirklich was angesprochen.
Leonie
28:10 – 28:25
Also, wenn dann nur nebenbei. Aber hab nie gedacht, das würden die sowieso umsetzen. Ich hab mich in dem Moment, wo mir das so bewusst war, schon so … Also, hab ich mich schon so abgelöst, dass ich …
Leonie
28:25 – 28:43
Also, ich hatte auch einfach die feste Überzeugung schon, dass ich mich da überhaupt nicht mit auseinandersetzen muss. Und ich halt in erster Linie auf mich aufpassen muss. Und ich hatte überhaupt nicht das Bedürfnis, meinen Eltern da zu helfen. Also, auch wenn das teilweise vielleicht …
Leonie
28:43 – 29:15
für manche irgendwie gemein klingt, aber ich hab auch gar kein, also rational gesehen, gar kein Verantwortungsgefühl. Also, ich finde eher immer noch umgekehrt, dass ich halt immer noch teilweise daran zu knabbern habe, dass meine Eltern ihrer Verantwortung einfach nicht nachgekommen sind, sich um uns zu kümmern, wie sie das meiner Meinung nach hätten, tun sollen. Deswegen … Ja, hab ich da nie wirklich so was angesprochen.
Leonie
29:15 – 29:37
Aber durch … ich glaub, auch meine Geschwister und einfach generell, was alles so vorgefallen ist, ist denen das schon bewusst, dass wir uns das an sich wünschen würden. Wir gehen da zwar nicht aktiv auf sie zu, aber die wissen schon Bescheid, was da unsere Einstellung ist. Wir sind da auch alle recht ähnlich.
Leonie
29:38 – 29:40
Genau, und der Rest der Verantwortung ist bei meinen
Nele
29:40 – 29:54
Eltern. Es ist eine sehr reflektierte Sicht auf die Situation. Ich glaube, da muss man auch erstmal hinkommen. Das geht bestimmt leichter, wenn man sich da etwas abgrenzen konnte.
Nele
29:55 – 29:55
Das
Julia
29:55 – 29:55
war
Nele
29:55 – 30:22
ja auch, wie du eben sagtest, kein einfacher Schritt für dich, aber wahrscheinlich konntest du eben dadurch auch genau dahin kommen. dass du eben auch sagst, die Verantwortung liegt nicht bei mir. Es hat was mit mir gemacht und mit Sicherheit auch die fehlende Diagnose, die ja vielleicht für das Elternteil wichtig wäre, natürlich aber auch für die Angehörigen, die dann vielleicht irgendwie mehr wissen würden, wie man dann damit umgeht. Aber so war es jetzt eben nicht.
Nele
30:22 – 30:50
Mich würde an der Stelle noch interessieren, ob da noch Kontakt besteht, wenn du dazu was sagen möchtest, ob man sich jetzt quasi so ein bisschen darauf geeinigt hat, dass man sich unter den und den Umständen dann halt mal trifft und sich austauscht. Kann man das Thema dann so ein bisschen wegdenken? Ignoriert man das eher? Weil man vielleicht auch weiß, das macht jetzt nicht so viel Sinn und ich kann ja aber auch zum Glück wieder in meinen Schutzraum zurück, weil ich
Julia
30:50 – 30:50
nicht
Nele
30:50 – 31:00
mehr Teil dieses Systems bin. Also vielleicht hast du Lust mal so ein bisschen was zu diesem Kontakt, wie er jetzt ist, mit dem Abstand, den du jetzt hast, zu sagen.
Leonie
31:00 – 31:39
Also ich wohne jetzt in einer anderen Stadt als meine Eltern, was mir wirklich noch mal extrem geholfen hat, weil jetzt kann ich wirklich in diesem Safe Space auch einfach existieren, ohne, also auch manchmal habe ich Tage, wo ich da echt nicht dran denken muss, wie belastend ja meine Vergangenheit da war. Und ja, ich habe auf jeden Fall noch Kontakt zu meinen Eltern. Es ist eher so, dass ich meine Eltern besuche, wenn ich da quasi in der Stimmung dazu bin, mich fit genug fühle, die Energie dazu habe, mich damit auseinanderzusetzen.
Leonie
31:39 – 32:12
Ich weiß aber auch, dass diese schweren Themen eher nicht zur Sprache kommen, vor allem nicht von meinen Eltern aus. weil ja einfach nach wie vor immer noch diese Themen als Tabuthemen gelten. Ich glaube, meine Eltern sind sich auch dessen bewusst, dass das für mich eigentlich nicht mehr so ist und ich auch sehr stark für mich einstehe und auch für meine Geschwister. Und ich glaube, das ist auch ein Grund, warum meine Eltern damit jetzt so vorsichtig auch umgehen.
Leonie
32:12 – 32:44
und mich nicht mit irgendwas dann konfrontieren, weil sie genau wissen, dass ich da meine Einstellungen habe und da dann auch gegebenenfalls mal kontergeben kann im Gegensatz zu früher. Ich glaube, für sie ist es einfach leichter, sich damit nicht zu beschäftigen. Und das müssen sie jetzt auch nicht mehr, weil wir alle ausgezogen sind. Und ja, deswegen gehe ich dann halt eher zu meinen Eltern und schreiben, ja, es ist dann vielleicht eher Smalltalk oder ja, halt irgendwie.
Leonie
32:44 – 33:04
Also ich empfinde das dann schon auch als relativ entspannt, weil ich mache mir das dann so, wie es für mich passt und wie es für mich angenehm ist. Wenn ich mich mit irgendwas nicht wohlfühle, dann grenze ich mich ab, dann kann ich auch gehen. Ähm, genau, aber so komm ich damit gut klar. Und ich musste halt einfach lernen, zu akzeptieren, dass es nur so funktioniert.
Leonie
33:04 – 33:21
Und dass ich das aber auch darf. Also, dass ich nicht jetzt die Verantwortung hab, mich mit irgendwas auseinanderzusetzen. Sondern, ja, dass ich das auch für mich, für mich selber, also mich mit den Themen beschäftigen kann. Aber ich muss das nicht mit meinen Eltern zusammen machen.
Julia
33:21 – 33:50
Hast du, also wo wir gerade jetzt nämlich auch dabei sind, wie du dich damit auseinandersetzt, weil deswegen sind wir ja hauptsächlich hier. Wie du damit deinen Umgang gefunden hast, kannst du ein bisschen darüber erzählen? Also weil du wirkst wirklich sehr reflektiert und als ob du damit zumindest halbwegs, auch wenn es nicht immer einfach ist, aber so ein bisschen deinen Frieden gefunden hast, dass es diese Diagnose nicht gibt, dass diese Gespräche nicht möglich sind. Wie bist du da hingekommen?
Julia
33:50 – 34:07
Also so als Inspiration sozusagen auch ein bisschen für andere, weil das ist ja auch nicht nur für Kinder ein Thema. Das ist ja auch für andere ein Thema zu sagen, also womit beschäftigst du dich, beziehungsweise womit hast du dich beschäftigt? Hast du Diagnosen gegoogelt? Keine Ahnung.
Julia
34:07 – 34:14
Hast du irgendwann gesagt, bringt sowieso alles nichts, ich muss mich jetzt nur noch um mich kümmern? Also wie war so ein bisschen der Werdegang dahinter?
Leonie
34:15 – 34:40
Ja, da hatte ich, glaube ich, auch echt ganz unterschiedliche Phasen. Also es gab da echt Phasen, da habe ich dann einfach mich nur auf mich konzentriert, konnte dieses Thema komplett erstmal wegschieben, weil ich glaube, das braucht man zwischendurch auch einfach mal, dass man sich auch erlaubt, dass das jetzt gerade einfach mal kein Thema ist. Das funktioniert halt natürlich nur, wenn man den nötigen Abstand gewinnen kann. Teilweise habe ich auch gegoogelt, genau.
Leonie
34:40 – 35:00
Also, ich weiß ehrlich gesagt gar nicht mehr, wie ich irgendwas gegoogelt habe. Und ich denke mal, ich habe mich da mit meinen Geschwistern einfach mal ausgetauscht. Und vielleicht habe ich auch auf Insta zum Beispiel irgendwas angezeigt bekommen, weil ich natürlich viel mich mit dem Thema beschäftigt habe. Und da bekommt man dann ja gerne mal da irgendwas in den Feed rein, was dann zu einem passt.
Leonie
35:00 – 35:26
Und ich glaube, darüber habe ich tatsächlich wirklich sehr viel gelernt. Und ich glaube, daraufhin habe ich dann wiederum Sachen gegoogelt und das ging dann immer so ein bisschen hin und her. Ja, und ich habe mich zum Beispiel sehr viel damit auseinandergesetzt. Ja, mit diesem Dilemma, ob ich quasi diese Schuldgefühle, die ich immer hatte, dass ich irgendwie für meine Eltern verantwortlich bin.
Leonie
35:26 – 35:45
die loszulassen, weil es gibt einfach immer noch ganz, ganz oft so die Meinung, dass man seinen Eltern etwas schuldig ist. Also zum Beispiel ihnen dankbar zu sein, einen guten Kontakt zu ihnen zu haben, solche Dinge. Hab ich auch schon ganz, ganz oft gelesen, noch immer noch. Und da hab ich halt versucht, Menschen zu finden, die da …
Leonie
35:45 – 36:28
Nicht so denken, weil das sehr, sehr ungesund für mich ist, so zu denken, sondern auch die Meinung vertreten, dass man für sich selbst die Verantwortung hat und nicht für seine Eltern. Und dann für sich selbst das Beste machen sollte. Und das war wirklich ein langer Weg, da so hinzukommen, weil ich eben auch innerhalb der Familie einfach nur ständig, also am Anfang in den ersten Jahren, gehört habe, dass wir als Kinder, die sich distanzieren, die Familie zerstören, dass wir dafür verantwortlich sind, dass es dem Elternteil noch schlechter geht und auch dem gesunden Elternteil jetzt auch ganz schlecht geht.
Leonie
36:28 – 36:52
Das war wirklich sehr, sehr hart. Also, da durchzugehen und trotzdem quasi stark zu bleiben und sich trotzdem in der Zeit noch abzugrenzen. Also, da hatte ich ganz viel mit mir zu hadern. Und seit wir aber alle ausgezogen sind, jetzt so ein paar Jahre so vergangen sind und wir mehr quasi so einen schützenden Raum um uns aufbauen konnten, ist es halt einfach leichter geworden.
Leonie
36:52 – 37:05
Und ich hab auch das Gefühl, dass tatsächlich auch meine Eltern jetzt besser damit umgehen können. Weil wir einfach ganz, ganz klar sagen, wo unsere Grenzen sind. Und da gibt’s halt gar nichts mehr zu diskutieren.
Julia
37:05 – 37:41
Das heißt auch wirklich noch immer, dass du und deine Geschwister da weiterhin auch so ein gutes Team seid quasi. Also, wie das so klingt, dass die restliche Familie da eher so, ja, ich mach die Familie kaputt und so was kann ich ja schon gar nicht mehr hören, dann krieg ich ja echt zu viel. Weil ich dann denke, die Leute müssen erst mal das erleben, was man selbst erlebt hat, damit sie mitreden dürfen. Aber das klingt ja so, als ob du dann mit deinen Geschwistern dann auch noch immer euch gegenseitig so stützen würdet und kannst du dazu noch mal ein bisschen mehr erzählen, weil ich auch immer finde, Geschwisterbeziehungen werden in so Kontexten oft total unterschätzt, weil ich immer finde, Geschwister sind
Julia
37:41 – 38:05
ja die ersten, die es mit am besten nachvollziehen können, auch wenn es nicht die Haargenau gleiche Geschichte ist, weil jeder hat eine eigene Geschichte. Aber am Ende sind es ja doch die, die so einen Elternteil eben zumindest eins zu eins miterlebt haben irgendwie in vielen Fällen. Und ja, ich glaube, da kann man nochmal vielleicht auch plädieren, dass so, wenn es geht, was ja auch nicht immer leicht ist, aber Geschwisterbeziehungen auch sehr hilfreich sein können.
Leonie
38:05 – 38:32
Ja, genau, also tja, ich weiß nicht genau, aus welchen Gründen das bei uns jetzt so gelaufen ist. Also es hatte sicherlich unterschiedliche Gründe, wie wir an den Punkt gekommen sind, an dem wir jetzt sind. Also sehr viel Arbeit an uns selber, dass wir diese Beziehung so aufrechterhalten konnten, beziehungsweise eigentlich erst mal entwickeln konnten. Weil als Kinder, also teilweise haben wir es so wahrgenommen, als hätten wir eine gute Beziehung, teilweise aber auch nicht.
Leonie
38:32 – 38:46
Also es war auch eine sehr unterschiedliche Wahrnehmung. Daran merkt man einfach, wie unterschiedlich auch echt die Geschichten von den einzelnen Geschwistern natürlich sind. Genau, wir waren Kinder, so. Deswegen, damit haben wir dann auch abgeschlossen.
Leonie
38:46 – 39:15
Also wir haben dann wirklich eine erwachsene Beziehung zueinander entwickelt. Und wir haben da wirklich hart dran gearbeitet, haben uns ausgetauscht immer wieder, wie es uns mit bestimmten Sachen geht, wie es uns mit dem Kontakt zu unseren Eltern geht. und akzeptieren einfach jede Entscheidung, die jeder von uns quasi für sich selber trifft. Und ich glaube, für uns ist das eigentlich alle, für uns alle ist das so Priorität, dass es uns gut geht und dass wir aufeinander achten.
Leonie
39:15 – 40:06
Und das ist natürlich, also es war viel Arbeit, aber es ist auch echt ein Privileg, weil ich habe zum Beispiel auch schon öfter gehört von Geschwistern, dass zum Beispiel ja ein Geschwisterkind sich quasi so ablöst und das andere halt gar nicht. und dann halt da noch mehr, ja noch mehr Gegenwind quasi bekommt und das halt noch schwieriger ist und da war es bei uns natürlich ja wirklich wow, ich bin immer noch sehr begeistert davon, wie das bei uns gelaufen ist. Ich kann es irgendwie gar nicht glauben, wie gut wir uns da einfach gegenseitig erstärken konnten, dass wir uns alle irgendwie davon lösen konnten, obwohl wir teilweise echt dachten, wir schaffen das nicht. Und ja, ich glaube echt, teilweise so ohne meine Geschwister hätte ich es nicht geschafft, obwohl ich ja die Älteste bin sogar.
Leonie
40:06 – 40:13
Aber die haben mir ja trotzdem total helfen können. Ja, das war schon spannend, ja.
Julia
40:13 – 40:24
Ich finde, da kann man immer nur lächeln. Also Nele und ich, glaube ich, kennen das beide. Wir haben ja auch Geschwister und können da nur sagen, die sind, glaube ich, eine große Stütze in dem, was man so erlebt. Ich habe
Nele
40:24 – 40:51
gerade noch eine Frage. Ich weiß gar nicht, ob man die jetzt so direkt überhaupt beantworten kann. Weil, ja, denkst du, dass eine Diagnose die Dinge anders hätte laufen lassen? Weil wir ja auch unter anderem hier mit Gästinnen zu tun hatten, die konnten ganz klar sagen, mein Vater, meine Mutter, mein Bruder, meine Schwester, beste Freundin, wie
Julia
40:51 – 40:51
auch
Nele
40:51 – 41:08
immer, sind erkrankt. Also das war immer klar. Deshalb finde ich, ist das ja auch heute ganz besonders, dass wir über so eine Situation reden, in dem Fall, wo keine klare Diagnose vorliegt. Denkst du, das hätte irgendwas für euch verändert?
Nele
41:08 – 41:11
Für euch als Kinder, Jugendliche, für die Situation?
Leonie
41:11 – 41:54
Also der erste Gedanke, der mir gerade total in den Kopf kam, ist, dass eine Diagnose, also zumindest wenn man sich selber darum kümmert, eine zu bekommen, selber zum Beispiel zum Psychiater geht und ein Gespräch dann führt und dann zum Beispiel eine Diagnose bekommt, Das ist ja irgendwie immer eine Verantwortungsübernahme für sich selber und für sein Umfeld. Und wenn man das so betrachtet, dann hätte das ja bedeutet, dass meine Eltern oder das eine Elternteil, wie auch immer, eine Verantwortung übernommen hätten. die ich persönlich sehr, sehr wichtig finde als Elternteil.
Leonie
41:55 – 42:25
Ich finde die auch persönlich wichtig, wenn man kein Elternteil ist. Ich persönlich würde mich auf jeden Fall darum kümmern, also es muss jetzt nicht unbedingt eine feste Diagnose sein, aber zumindest mich damit auseinanderzusetzen, in welche Richtung das gehen könnte, woher vielleicht irgendwas kommt. Und natürlich vor allem, wie ich mich am besten dann um mich selber kümmere, dass es auch besser wird und dass ich auch meinem Umfeld zum Beispiel nicht schade, wenn es anderen schadet. Ich finde, da hat man als Eltern schon eine Verantwortung.
Leonie
42:25 – 42:44
Und denen wären meine Eltern ja danach gekommen. Muss natürlich nicht unbedingt dann dazu führen, dass alles gut wird und da wirklich jemand gesund wird oder sich wirklich drum kümmert. Aber es wäre vielleicht ein Anfang gewesen. Und das hätte dann vielleicht schon was verändert.
Leonie
42:44 – 42:58
Also es wäre dann vielleicht in eine andere Richtung gegangen. Da kommt es dann aber auch natürlich wieder darauf an, wie meine Eltern damit umgegangen wären und ob sie Hilfe hätten annehmen können zum Beispiel. Was eben aus meiner Erfahrung her nicht so der Fall war. Ich
Julia
42:58 – 43:39
kann mir aber vorstellen, dass das auf jeden Fall schon mal leichter macht, dass du zum Beispiel nicht hättest so im Trüben fischen müssen. Also nur diese Tatsache zu haben, da liegt was vor, das hat einen Namen und ich kann mich, selbst wenn es meine Eltern nicht selbst tun, weiter darüber informieren, wenn ich denn dann möchte, ist ja glaube ich schon eine enorme oder hätte zu einer Erleichterung führen können. Ich denke gerade als Jugendliche, also da denke ich das ganz oft, dass die ja Dann so in diesem in diesen unklaren Schwaden irgendwie so für sich so rumfischen und also es gibt ja auch Fälle da ist ein Elternteil dann sogar in der Psychiatrie aber da wird trotzdem nicht darüber gesprochen welche Diagnose vorliegt und dann weißt du okay irgendwas ist da aber du weißt irgendwie nicht was.
Julia
43:39 – 44:03
Also das führt ja auch zu enormen Verunsicherungen und so. Und ich kann mir vorstellen, dass allein das schon zu einer Entlastung führen würde. Einfach nur zu wissen, aha, das Ding hat einen Namen und deswegen ist mein Elternteil mal so und so drauf. Das kann man ja vielleicht dann, also es rechtfertigt natürlich noch immer kein ungesundes Handeln gegenüber dem eigenen Kind oder egal welchen Menschen.
Julia
44:03 – 44:11
Es würde ja zumindest ein oder andere mal erklären können, welche Knöpfe da quasi gedruckt werden in solchen Momenten.
Leonie
44:11 – 44:23
Also das sehe ich auf jeden Fall genauso. Es hätte mir total geholfen, einfach schon einen Namen dafür zu haben. Ich hatte das bei mir selber. Ich habe eine Angststörung diagnostiziert bekommen, eine generalisierte Angststörung, mit 17 schon.
Leonie
44:24 – 44:42
Ich habe mich halt sehr darauf fokussiert dann, also dass das halt auch der Ursprung aller meiner Probleme irgendwie ist. vielleicht auch ein bisschen zu doll. Aber es ging halt irgendwie dann auch immer nur darum, was für Probleme wir Kinder haben. Und da wurde sich komplett drauf fokussiert.
Leonie
44:42 – 45:23
Es war wirklich bei uns allen dreien so, dass bei jedem von uns sich damit beschäftigt wurde nur, wenn ich dann zum Beispiel versucht hab, auch mich zu wehren und zu sagen, hey, ich hab grad das Gefühl, das ist ungerecht, was du machst oder was du sagst. Dann wurde immer gesagt, dass ich das Problem bin, also ziemlich offen auch, dass ich unfreundlich und respektlos bin, weil ich vielleicht gereizt war, weil ich wütend war. Und das gezeigt habe, ich habe es nicht getraut und habe dafür dann aber wirklich richtig Ärger bekommen. Genau, deswegen, das habe ich mich überhaupt nicht mehr getraut dann irgendwann.
Leonie
45:23 – 45:27
Deswegen wurde darüber einfach nicht gesprochen, was bei meinen Eltern los
Julia
45:27 – 46:11
ist. Ich habe nur noch eine Frage, die hatten wir mit dir ganz am Anfang des Vorbereitungsgesprächs geführt oder darüber nachgedacht, weil du auch meintest, du weißt nicht genau, wie du darüber reden sollst, weil eben auch diese Diagnose fehlt. deswegen hatte ich mir jetzt hier noch als frage aufgeschrieben die ich glaube ich einfach so ganz interessant fänd wie sprichst du über deine eltern also es gibt ja diesen klassiker man ist irgendwie mit relativ unbekannten menschen und dann wird man so gefragt wer denn so die eltern sind oder so ich glaube vielleicht in unserem alter noch mehr als wenn man jetzt 50 plus wäre aber so Und dann, also mir geht es auch so mit meinem erkrankten Elternteil.
Julia
46:11 – 46:17
Ich weiß da nicht so ganz genau, was ich antworten soll. Also ich überlege mir dann auch jedes Mal was anderes quasi. Wie sprichst du
Leonie
46:17 – 46:28
darüber? Das kommt natürlich sehr darauf an, mit wem ich spreche. Ja, was ich auch teilen möchte. Also ich kann da ganz unterschiedlich auch drüber sprechen.
Leonie
46:29 – 46:53
Ich glaube, egal wer es ist, ich erzähle auf jeden Fall immer zumindest, dass es ein schwieriges Verhältnis gab oder gibt, je nachdem. Und ja, je nach Person dann halt auch mehr. Also wie ich mich gefühlt habe in meiner Kindheit und Jugend. Also ich fokussiere dann schon meistens eher, wie ich mich gefühlt habe, weil es halt auch eben keine Diagnose gibt.
Leonie
46:53 – 47:26
Und ich da jetzt nicht sagen kann, ja, mein Elternteil hat das und das. Manchmal stelle ich da schon dann auch Vermutungen in den Raum, wenn es dann eben darum geht, wie genau sich jemand verhalten hat und wie ich irgendwie vielleicht dann auch die Dynamik erklären kann und sowas. Also generell spreche ich sehr offen darüber, weil mir das einfach wichtig ist, diese Offenheit zu zeigen. Ich brauche das auch irgendwie für mich, da einfach frei zu sein, darüber sprechen zu dürfen.
Leonie
47:26 – 47:36
Ich habe immer gedacht, ich dürfte das nicht. Das hole ich mir jetzt zurück. Ich möchte das nicht mehr. Ja, da so ein Tabu draus zu machen.
Leonie
47:36 – 47:57
Und ich finde auch, das ist mein Recht, darüber zu sprechen, weil ich habe das erlebt. Ich finde das, was man erlebt hat, auch wie Menschen einen behandelt haben, das darf man auch erzählen. Also ich kann halt mittlerweile auch viel erklären, auch über die Hintergründe. des Verhaltens meiner Eltern und das beziehe ich dann auch mit ein oft.
Leonie
47:57 – 48:05
Also Offenheit ist mir ganz wichtig und sonst kommt es einfach auf die Situation an, wie ich darüber spreche.
Nele
48:05 – 48:45
Das hat jetzt schon so ein bisschen die eine Frage beantwortet, die ich gerade noch im Kopf hatte, nämlich was hättest du dir gewünscht? Und ich glaube, da ist gerade dieses Thema Offenheit, Enttabuisierung, was diese Themen angeht, sehr, sehr wichtig. Vielleicht macht der Abstand diese Offenheit möglich, vielleicht aber auch so ein bisschen sich das selbst zusammenreimen, dass es ein Problem gibt, sich zu überlegen, welche Diagnose könnte vorliegen, weil je mehr man die Situation auch einschätzen kann, umso einfacher fällt es vielleicht auch unter Umständen darüber offen zu sprechen, wenn man es so ein bisschen mehr framen kann, kann ich mir zumindest vorstellen.
Nele
48:45 – 49:17
Ich finde es ganz, ganz bewundernswert und toll, dass du dich sehr, sehr viel um dich kümmerst und auch dieses Verantwortungsgefühl gar nicht wirklich hast. Es war vielleicht früher ein bisschen mehr vorhanden, vor allem als man sich noch in diesem System selber befand, aber ich habe so den Eindruck, du stehst wirklich für dich ein. dieses Verhältnis zu den Eltern auch selber so ein bisschen mit vorgegeben und guckst, unter welchen Umständen das geht und wo die Grenzen liegen. Du hast selber jetzt diesen Schutzraum.
Nele
49:17 – 49:32
Du hast dich um deine Diagnose gekümmert, weil du gemerkt hast, da stimmt was nicht. Also das ist ja eigentlich wieder dieses gute Beispiel dafür, dass man sich um sich selber kümmern kann. Man kann jetzt im Nachhinein sich überlegen, hätte eine Diagnose irgendwas verändert? Ja oder nein?
Nele
49:32 – 49:39
Vielleicht schon. Vielleicht wäre man trotzdem noch lange Teil des Systems gewesen, hätte aber sich Sachen mehr erklären können.
Julia
49:39 – 49:39
Das kann
Nele
49:39 – 49:40
man im Nachhinein nicht wissen, aber man
Julia
49:40 – 49:41
kann
Nele
49:41 – 50:09
es eben für sich selbst besser machen und das fand ich gerade sehr schön zu hören und kann mir auch vorstellen, dass das anderen, die das kennen, Ich persönlich selber auch, dieses Thema fehlende Diagnose ist auch in meinem familiären Umfeld recht groß, dass es hilfreich ist, auch dann wieder auf sich zurück zu gucken und zu merken, alles klar, ich kann da keine Stellschrauben drehen, aber ich kann auf mich schauen und gucken, dass es mir gut geht. Und
Julia
50:09 – 51:08
ich will hier auch noch mal seltenerweise eine Lanze für Social Media brechen, weil ich so oft auf Fachtagen und so immer wieder, es werden dann so Witze gemacht, ja jeder kriegt jetzt eine ADHS-Diagnose über Social Media, kann man sich darüber streiten, will ich jetzt auch keinen Riesenfass drauf aufmachen, aber ich finde man merkt an deinem Beispiel dann doch, dass man zumindest sich Infos holen kann, die helfen können und da wirst du uns ja netterweise auch noch ein paar Social-Media-Accounts nennen, die wir in den Shownotes verlinken werden, wo man sich vielleicht genau zu den Themen beispielhaft mal informieren kann, weil ich denke, wie du sagst, nur wenn man es laut ausspricht und nur wenn man sagt, was einem passiert ist oder wie man Dinge wahrnimmt, kann man seinen Weg damit dann auch finden und ich denke, da ist Social-Media durchaus Kann auch eine Hilfe sein, nicht immer, kann einen natürlich auch überladen und Falschinformationen und so weiter, aber genau, das nur noch am Rande, dass ich glaube, da wirst du uns noch ein paar Informationen zukommen lassen.
Leonie
51:08 – 51:29
Ja, ich finde bei Social Media, da geht es auch darum, also das ist meine Erfahrung, nicht mal unbedingt darum, jetzt irgendwie komplett korrekte Informationen zu bekommen, sondern vielleicht das Gefühl, was man hat, so gespiegelt zu bekommen und gezeigt zu bekommen, okay, andere haben das auch und sich nicht allein zu fühlen. Das war für mich ein ganz großes Thema.
Julia
51:30 – 52:01
Dann würde ich sagen, wir hoffen, wir haben den Zuhörenden einen guten Überblick mal darüber gegeben, was es heißt, vor allem natürlich als Kind damit groß zu werden. Wir hoffen aber auch, dass das anderen weiterhilft, wo die Diagnose vielleicht trotzdem fehlt, weil ich denke, die Verantwortung, wie du sehr schön immer betont hast, gehört halt vor allem natürlich auch zu der Person, die betroffen ist. für sich Verantwortung und Selbstwirksamkeit zu spüren und zu übernehmen. Genau, und wir danken dir sehr, dass du da warst.
Julia
52:01 – 52:03
Danke Leonie, es war ein ganz, ganz
Nele
52:03 – 52:04
schöner Austausch
Julia
52:04 – 52:04
mit
Leonie
52:04 – 52:07
dir. Ja, danke euch. War sehr schön hier.
Julia
52:08 – 52:23
Das war Unerhört Nah, der Podcast für Angehörige psychisch erkrankter Menschen. Dies ist ein Projekt des BAPK mit Unterstützung der Baumer Krankenkasse. Hört nächstes Mal wieder rein, wenn wir mit Menschen sprechen, die verdammt nah dran sind.
