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Mehr Informationen„Aber das ist doch deine Familie!“ ist oft die Antwort, wenn man den Kontakt zur eigenen Familie abbricht. Gerade, wenn die Person, zu der man den Kontakt abbricht, (psychisch) erkrankt ist, stößt man auf wenig Verständnis. Doch die wenigsten fragen, warum dieser Schritt nötig war.
Anna erzählt uns von ihrer eigenen psychischen Krise und wie sie dadurch gemerkt hat, dass sie durch den Kontakt zur eigenen Familie belastet ist. Sie redet mit uns auch darüber, wie sie den Schritt auch in einer Freundschaft gegangen ist. Woran hat sie gemerkt, dass ihr der Kontakt nicht guttut? Wie geht sie mit ambivalenten Gefühlen um? Und wie empfindet sie Situationen, in denen sie ihrer Familie gern näher wäre? Wir reden darüber, was das mit Angehörigen macht, wenn der Kontakt einfach zu viel wird
Weiter unten findest du einen Themenüberblick (inkl. Zeitstempel) und das Transkript der Folge.
Weiterführende Links:
Locating your Soul zu Kontaktabbruch mit einem Elternteil:
https://locating-your-soul.de/pause-von-papa/
Instagram:
Falls du direkt zu einem Thema in der Folge springen möchtest:
03:20
Thema Kontaktabbruch. Anna erzählt, wie der Kontaktabbruch zu ihrer Mutter 2021 zustande kam.
12:38
Thema Komplexität der Emotionen. Anna spricht darüber, wie es ihr gelang, Verantwortung abzugeben.
29:08
Thema Kontaktabbrüche in (romantischen) Beziehungen.
Transkript der Folge
Nele
00:02 – 00:10
Herzlich willkommen bei UNERHÖRT NAH, dem Podcast des Bundesverbandes der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen. Wir, das sind einmal ich, Nele
Julia
00:10 – 00:10
und ich, Julia,
Nele
00:10 – 00:21
sprechen offen mit verschiedenen Gäst*innen über die Erfahrungen und Herausforderungen von Angehörigen psychisch erkrankter Menschen. Erlebt mit uns, was es heißt, UNERHÖRT NAH dran zu sein.
Julia
00:25 – 01:10
Hallo von uns aus unserem Angehörigen-Podcast UNERHÖRT NAH für Angehörige psychisch erkrankter Menschen. Ich bin Julia, ich sitze hier mit meiner Kollegin Nele und unserer Gästin Anna zusammen. Wir möchten heute über das Thema Grenzen sprechen, beziehungsweise ganz spezifisch zum Thema „Grenzen setzen“, indem Angehörige Kontakt abbrechen. Dafür haben wir uns wie gesagt unsere Gästin Anna eingeladen, die das Thema durch hat mit verschiedenen Personen aus ihrem Leben und hoffentlich mit uns heute ihre Geschichte teilen wird. Wir hoffen natürlich auf ein ganz spannendes Gespräch, freuen uns sehr, dass du da bist. Hallo Anna.
Anna
01:11 – 01:13
Hallo, ich freue mich auch, dass ich da bin.
Julia
01:13 – 01:44
Ja, das war wirklich, also wir kennen uns jetzt schon etwas länger und sind dann irgendwie, ich weiß gar nicht mehr wie, darauf gekommen, dass wir dich mal einladen könnten, und dann hat das irgendwie alles sehr gut zusammengepasst. Und deswegen sind wir jetzt hier zusammen. Anna, dann würde ich dich vielleicht direkt mal zu Anfang bitten, mal zu erzählen, was deine Geschichte ist und wie deine Geschichte mit dem Thema Kontaktabbruch zusammenhängt.
Anna
01:45 – 02:28
Ja, sehr gerne. Also vielleicht erst mal so zu mir. Ich bin die Älteste von vier Kindern, habe also kleinere Geschwister und mich da auch viel darum gekümmert, vor allem als ich noch kleiner war. Und meine Eltern sind getrennt. Zu meinem Vater habe ich schon lange keinen Kontakt mehr, aber genau den Kontakt zu meiner Mutter habe ich jetzt abgebrochen. 2021 vielleicht. Wir haben dann zwischendurch zwar immer mal wieder so ganz, ganz bisschen Kontakt gehabt, aber da war auf jeden Fall mal so ein großer Bruch drin. Genau. Sie geht leider nicht zur Psychotherapie oder hat eine Diagnostik gemacht.
Anna
02:30 – 03:15
Ich bin mir sicher, dass sie immer wieder depressive Phasen hatte im Laufe ihres Lebens. Auch irgendwie Wahrnehmungsstörungen, Stimmen hören und so. Also schon so Sachen, wo ich mich frage, vielleicht ist da noch irgendeine andere Erkrankung dahinter, eine Psychose, eine Schizophrenie oder so. Aber das ist nie so richtig abgeklärt worden. Auch meine Geschwister sind psychisch erkrankt. Ich habe einen Bruder mit Depressionen und eine Schwester mit einer Essstörung. Ich bin Angehörige auf mehreren Ebenen. Ich habe auch viele Freundinnen, die in irgendeiner Form eine Diagnose haben und war in Beziehungen mit Menschen, die psychisch erkrankt sind. Ich habe das immer wieder so mitbekommen, irgendwie im Außen.
Anna
03:15 – 03:20
Genau. Ja. Das erst mal zu mir.
Julia
03:20 – 03:25
Kannst du erzählen, wie es zu diesem Kontaktabbruch gekommen ist.
Julia
03:26 – 03:34
Also uns hattest du ja im Vorhinein schon ein bisschen was erzählt, aber die Zuhörenden mal abzuholen, quasi wie der Prozess dahinter war.
Anna
03:35 – 04:39
Ja, gerne. Ich bin selber an einer posttraumatischen Belastungsstörung erkrankt. Und Depressionen habe ich auch immer mal wieder. Das hat sicherlich miteinander zu tun. Und meinen ersten Klinikaufenthalt hatte ich 2019 und meinen zweiten Klinikaufenthalt 2021. Und dieser Kontaktabbruch 2021, nach dem Klinikaufenthalt, mit meiner Mutter, der liegt auch begründet in diesem Klinikaufenthalt, den ich hatte. Ich habe viel über meine Familie gesprochen während der Klinikzeit, viel darüber gesprochen, wo diese posttraumatische Belastungsstörung herkam. In meiner Kindheit … Ich habe nie so richtig Erinnerungen gehabt an Vorfälle, die da waren. Aber ich hatte dann ein Flashback in der Klinik und konnte das so ein bisschen für mich verfestigen, dass ich diesen sexuellen Missbrauch erlebt hatte in meiner Kindheit und auch emotionalen Missbrauch.
Anna
04:39 – 05:21
Und da merke ich, dass das was mit meiner Stimme macht. Genau. Ja, und das hat auf jeden Fall in mir viele Fragen aufgeworfen. Also viele Fragen, wie gehe ich damit um? Was erzähle ich meiner Familie davon? Erzähle ich meiner Familie davon? Und habe das dann natürlich auch in den Therapieeinheiten besprochen. Und ja, die eine Therapeutin, meine Traumatherapeutin, die ich da hatte, die hat mich dann irgendwann im Laufe dieses Prozesses mal gefragt, wie viel Kontakt ich dann überhaupt noch zu meiner Mutter haben möchte. Ja, und das war irgendwie … Ich musste erst mal nachdenken, es war eine große Frage, die sie da irgendwie aufgeworfen hatte.
Anna
05:21 – 05:48
Und hab dann eine Weile überlegt und irgendwie so was geantwortet wie ja vielleicht so einmal im Monat ein Telefonat oder so. Und ich glaube, die Therapeutin hat einfach gemerkt, wie sehr ich gezögert habe und hat dann zu mir gesagt, na ja, also wenn du möchtest, in der Klinik duzt man sich, in der ich war, wenn du möchtest, kannst du auch gar keinen Kontakt zu deiner Mutter haben, das ist auch in Ordnung. Und da war das das erste Mal so in meinem Kopf, dass das geht. Also,
Anna
05:49 – 06:31
Also, dass ich tatsächlich einfach keinen Kontakt zu meinen Eltern haben kann, wenn ich das nicht möchte. Ja, und das war ein sehr Augen öffnender Moment auf jeden Fall. Ja, und ich habe es mir dann so ein bisschen durch den Kopf gehen lassen. Und was ich total schön fand, war, dass ich damit überhaupt nicht die einzige war in dem Moment. Also, dass viele Mitpatientinnen in der Klinik sich auch gerade diese Frage gestellt hatten. Das war einfach irgendwie ganz verbindend, darüber zu sprechen und gemeinsam so ein bisschen anzuschauen, was für Ängste da hochkommen und für Sorgen. Es war schön, dass wir alle dann irgendwie im Laufe der Zeit zu unseren eigenen Entscheidungen gekommen sind ein Stück weit.
Anna
06:31 – 06:38
Uns war allen klar, okay, wir können die auch ändern. Das muss jetzt nicht für immer sein, aber wir dürfen jetzt auf jeden Fall sagen, dass wir für immer keinen Kontakt mehr haben wollen, wenn wir das wollen.
Anna
06:38 – 06:43
Genau. Ja, ich glaube, das war so der Moment.
Nele
06:43 – 06:58
Und sag mal, wie sah das dann praktisch aus? Also hast du diesen Kontaktabbruch dann vorher irgendwie, um dich darauf vorzubereiten, irgendwie eingeleitet? Und wie hast du ihn dann letztendlich umgesetzt? Hast du das dann mit der Mutter besprochen?
Anna
06:59 – 07:39
Also ich hatte in dem Moment für mich beschlossen, dass ich wenig Kontakt haben will. Und danach in den Gesprächen mit meiner Mutter, die dann irgendwie dann doch kamen, es gab einfach so ein, zwei Gespräche, wo ich gemerkt habe, ich werde sehr verletzt. Ich werde nicht so richtig gesehen in diesen Gesprächen. Und hab dann eher so ein bisschen verzögert, gemerkt, okay, das ist es nicht. Und dann so, also wie gesagt, nicht direkt, aber dann halt im Nachhinein so gemerkt, okay, das tut mir hier nicht gut. Also ich muss einfach jetzt hier eine Grenze setzen, weil mir geht es damit nicht gut mit dem, wie es jetzt hier gelaufen ist.
Anna
07:39 – 08:12
Hab das dann auch in der Therapie hinterher noch mal besprochen und dann beschlossen, okay, ich lass das. Und hab das gar nicht so richtig kommuniziert. Das hab ich durchaus mit Freund*innen oder so anders gemacht, dass ich dann, wenn ich gemerkt habe, dieser Kontakt tut mir nicht gut, dann auch ein Break-up-Gespräch geführt habe und das direkt kommuniziert habe. Aber mit meiner Mutter ist mir das nie so richtig gelungen. Ich glaube, weil das vielleicht auch so ein Thema ist, was sehr viel mit Angst besetzt ist, dass es so innere Kindanteile in mir gibt, die Sorgen haben, dass es dann wirklich für immer ist, wenn ich das jetzt einmal ausspreche oder so.
Anna
08:12 – 08:27
Deshalb ist es mehr so ein Entschluss, den ich gefasst habe und wie gesagt gar nicht so richtig kommuniziert habe. Ja, da merke ich schon auch, dass so ein bisschen so eine Scham in mir hochkommt oder so, wenn ich das jetzt sage, dass das irgendwie nicht so was klar Formuliertes ist, was ich mir eigentlich wünsche in Beziehungen.
Julia
08:27 – 08:39
Aber kam von deiner Mutter da was zurück? Also hat die jemals mal dann gefragt, warum meldest du dich nie? Also kam dann von ihr auch einfach nichts mehr? Also, als wär das so im Sand verlaufen?
Anna
08:40 – 09:13
Also im Sand verlaufen ist es im Endeffekt irgendwie. Aber von ihr kam immer schon recht viel. Also sie hat auch während meiner Kindheit, auch in meiner Jugend, als ich dann ausgezogen bin, sehr viel Kontakt gefordert. Und ich war schon immer diejenige, die dann eher nach einer gewissen Zeit, nachdem ich ausgezogen bin, gemerkt habe, ich habe mein eigenes Leben und es tut mir gut, mein eigenes Leben zu haben, habe ich mich immer weniger gemeldet. Das hat sie mir sehr angekreidet über viele Jahre. Diese Dynamik hatten wir sowieso schon, dass sie fragt, wie es mir geht und ich nicht darauf antworte und sie noch mal fragt, wie es mir geht und ich nicht darauf antworte usw.
Anna
09:15 – 09:23
Genau, und so ist es dann quasi auch passiert, nur dass es jetzt halt dann wirklich zum Stocken kam irgendwie, das Gespräch oder der Monolog, ich weiß nicht.
Julia
09:23 – 10:06
Ja, genau. Ich finde es super, dass du diese Scham eben angesprochen hast, weil ich glaube erstens sind, also bist du damit bestimmt nicht alleine. Ich kenne das Gefühl und ich glaube auch sehr, sehr viele andere. Und dachte aber gerade auch so, woher kommt denn diese Scham oder warum schämt man sich dafür, obwohl man eben aus einem Elternhaus in deinem Fall kommt, was einem einfach auch nicht guttut, also man ist ja den eigenen Eltern da eigentlich nichts schuldig in dem Sinne. Und dachte deswegen so vielleicht auch daran, das kommt ja oft auch von außen irgendwie, also das von außen ja viel, da dieser Druck drauf liegt, man muss ja ein gutes Verhältnis zu den Eltern haben und das sind ja die eigenen Eltern.
Julia
10:06 – 10:44
Und dachte grad, wenn du es erzählen magst, wie hat denn die restliche Familie auch darauf reagiert? Also hast du das zum Beispiel mit deinen Geschwistern kommuniziert? Haben die da irgendwie auch drauf reagiert? Haben die vielleicht auch den Kontakt abgebrochen? Also wie gesagt, nur soweit du es erzählen möchtest. Aber hat das vielleicht auch was damit zu tun, weil ich kenne es nur von außerhalb, zum Glück nicht aus der eigenen Familie, aber dass dann schon so nachgefragt wird, irgendwie so, aber das ist doch dein Elternteil und da musst du doch Interesse dran haben. Und gerade wenn es, glaube ich, aus der eigenen Familie kommt, dann ist es, glaube ich, nochmal anstrengender oder schwerwiegender, solche Vorwürfe zu bekommen.
Anna
10:44 – 10:54
Ja. Ja, also ich glaube, die Scham, die ich gerade angesprochen habe, das war mehr so ein Gefühl von, ich kommuniziere nicht so, wie ich gerne kommunizieren möchte.
Anna
10:54 – 11:29
Also ich habe schon den Anspruch an mich, dass ich klar und ehrlich und offen kommuniziere, irgendwie authentisch bin. Und das gemerkt habe, dass ich das im Kontaktabbruch zu meiner Mutter so nicht konnte. Da kam gerade diese Scham her. Aber ich kenne diese andere Scham, die du jetzt angesprochen hast, Julia, auf jeden Fall auch. So ein Gefühl von, darf ich das? Und ist das richtig? Und macht man das so und so? Und in meiner Familie, also meine Geschwister wissen von diesem Nichtkontakt, der da herrscht, leiden streckenweise auch drunter, haben mir das auch kommuniziert im Laufe der Zeit, dass sie sich irgendwie was anderes wünschen.
Anna
11:30 – 12:06
Ich glaube, weil in unserer Familie auch so ein Zusammenhalt gepredigt wurde, seit ich Jugendliche bin. Also irgendwie so ein, ihr müsst zusammenhalten und hier darf sich kein.., also ja, ihr müsst als Geschwisterkinder irgendwie nah zusammenstehen. Und das haben sie sich wohl auch für mich und meine Mutter dann halt gewünscht. Aber sie hatten selber streckenweise auch Phasen, wo sie gemerkt haben, wie schwierig es ist zu kommunizieren und wie unwohl sie sich gefühlt haben in Gesprächen oder so. Deswegen ist da, glaube ich, Verständnis da auf jeden Fall oder hat sich Verständnis gebildet im Laufe der Zeit.
Nele
12:06 – 12:38
Ist es denn so, ich weiß jetzt gerade gar nicht, wie lange das schon her ist, dass du da jetzt diesen Kontaktabbruch für dich so eingeleitet hast, dass du da mittlerweile auch so ganz gut mit klarkommst und das auch in gewisser Weise in Ordnung findest, wie du es gemacht hast? Also hast du deinen Frieden damit gefunden, dass du das eher für dich entschieden hast? Und wie lebt es sich damit? Fühlt sich das befreiend an? Ist es zwischendurch schon auch noch schwer? Denkst du da drüber nach? Es ist wirklich eher erleichternd.
Anna
12:38 – 13:26
Also manchmal kommt es mir schon noch ein bisschen irgendwie eckig und unwohlig vor. Gerade wenn ich mir zum Beispiel meine Geschwister anschaue, wie sie mit meinen Eltern kommunizieren, also mit meinem Stiefvater und meiner Mutter. Und ich das Gefühl habe, ich bin so außen vor. Dann merke ich, es war eine große Entscheidung, weil ich an dem Leben der anderen nicht mehr so sehr beteiligt bin. Und viele Sachen nicht mitbekomme, viele Witze nicht verstehe. Es sind Kleinigkeiten, die wehtun im Alltag und mich manchmal überfallen. Ich merke, heute ist wieder ein Tag, wo ich es bedauere. Genau, aber so im Allgemeinen, gerade wenn ich mir so die letzten Kontakte wieder ins Gedächtnis rufe und darüber nachdenke, was mich so verletzt hat und welche Aussagen so da waren, dass ich dann doch merke, oh ja, es war gut.
Anna
13:26 – 13:54
So dass auch eine Erleichterung da ist und so ein Gefühl, auch ganz erwachsen gerade zu handeln und so ein bisschen mein Leben selbst in der Hand zu haben, was mich dann auch wieder so ein bisschen empowert und wo ich merke, oh, da ist auch eine Stärke drin. Ich hab das für mich entschieden und das war eine gute Entscheidung und ich kann dabei bleiben, zumindest jetzt. Und wenn ich irgendwann das Gefühl habe, ich möchte das anders, dann kann ich mir das ja immer noch überlegen. Aber jetzt gerade fühlt es sich richtig an. Ja, also da sind auf jeden Fall auch Momente des Friedens, die irgendwie da sind.
Anna
13:54 – 14:19
Aber ich glaube, was ich so auch gelernt habe im Laufe meiner eigenen Erkrankung oder wenn ich mir andere Menschen angeschaut habe, ist, dass es selten im Leben so eine Entscheidung gibt, die dann einfach feststeht, sondern dass es immer wieder so ein Schwanken ist und es Tage gibt, wo es dann irgendwie doch wieder schwieriger wird. Und ich habe auch manchmal Momente, wo ich richtig ein ganz, ganz warmes Gefühl habe und einen Moment der Vergebung irgendwie fühle, wo ich denke, ach, jetzt gerade kann ich irgendwie verstehen, du bist auch nur ein Mensch und du hast so deine Päckchen getragen.
Anna
14:21 – 14:34
Dein Leben war auch schwierig. Und ich kann irgendwo ein Stück weit nachvollziehen, warum Dinge so gelaufen sind, wenn ich sie vielleicht auch nicht verstehen kann oder so. Aber ja, also auch diese Momente der Vergebung kommen dann zwischendurch rein. Und das ist dann auch schön, die dann irgendwie mitzunehmen und so richtig zu fühlen.
Julia
14:36 – 14:57
Es ist ja auch schön, nicht nur negative Gefühle dazu zu haben. So traurig so ein Kontaktabbruch ist, aber dann doch auch zu merken, da gibt es, wenn es auch nur eine schöne Erinnerung an irgendwann mal ist oder einfach nur ein schönes Gefühl. Ich glaube, das kann auch sehr entlastend sein, dass das nicht nur so ein schwarzes Loch ist, was irgendwo so existiert.
Anna
14:57 – 15:16
Aber ich glaube, dass es diese Phasen auch unter anderem deswegen gibt, weil ich klar gesagt habe, was ich nicht möchte und dadurch auch dieser Raum wieder da ist. Früher war das schwierig. Also ich weiß, dass ich eine ganze Zeit lang wirklich überlegt habe, was war denn gut in meiner Kindheit und mir nicht so richtig was eingefallen ist. Und das hat sich schon im Laufe der Zeit ein bisschen gewandelt und dafür bin ich auch super dankbar.
Julia
15:17 – 15:50
Ich dachte gerade, kannst du quasi für dich so einen Vergleich ziehen unterm Strich? Wie war es quasi vorher für dich gefühlt, also was hast du da so gefühlt, wie ging es dir, als du den Kontakt noch hattest und was hat sich seitdem für dich eben getan, also gibt es da irgendwas, was dir so besonders auffällt, dass du irgendwie in bestimmten Momenten befreiter bist oder jetzt aus anderen Gründen dann traurig oder was auch immer. Also gibt es da was, wo du wirklich sagst, so unterm Strich, das ist dir seitdem leichter, schwerer, was auch immer gefallen?
Anna
15:50 – 16:31
Also das Erste, was mir so eingefallen ist gerade, ist, dass ich ein Gefühl von Verantwortung abgegeben habe. Also so dieses Gefühl, ich bin dafür da, dass es dir gut geht. Ich sorge dafür, dass es dir besser geht. Ich bin da, wenn du suizidale Gedanken äußerst oder so. Also das ist, glaube ich, was, was ich dadurch wirklich ablegen konnte. Und ja, wo sich auch irgendwie die Dynamik in der Familie ein Stück weit geändert hat. Also wo ich wirklich merke im Nachhinein, das war eine Entscheidung, die das ganze System beeinflusst hat. Das, was systemische Therapeut*innen häufig sagen, wenn ein Teil des Systems sich verändert, dann verändert sich das System.
Anna
16:31 – 17:10
Ich habe das Gefühl, das kann ich sehen. Da hat sich auf jeden Fall was getan. Da bin ich ein Stück weit raus. Das merke ich auf jeden Fall. Dass dieses Gefühl von großer Verantwortung sich verteilt hat auf andere Schultern. Ich habe ja noch Geschwister, noch diesen Stiefvater, der da ist und so. Ich habe das Gefühl, andere Teile des Systems haben jetzt auch irgendwie Verantwortung gegriffen, was mir manchmal leid tut. Aber ich denke, okay, das ist jetzt euer Prozess geworden, das ist jetzt nicht mehr meiner. Die haben ja auch die Chance, sich verändern zu wollen oder den Kontakt verändern zu wollen, wenn sie das möchten.
Nele
17:11 – 17:49
Ja, du hast das für dich geschafft und ich glaube, das ist ein ganz großer, wichtiger und auch schmerzhafter Schritt wahrscheinlich gewesen. Das kann ich mir nur vorstellen, aber wollte jetzt auch noch mal kurz sagen, dass ich es auch selber gerade ganz beruhigend fand, als du das so meintest. Es ist nicht in Stein gemeißelt. Es muss nicht so sein. Es kann auch was Dynamisches sein, vielleicht lockert man das irgendwann mal wieder, man muss sich da jetzt nicht dieses Verbot auferlegen. Ich habe jetzt gesagt, ich möchte den Kontakt nicht mehr, das wird jetzt so bleiben. Ich finde, das macht das Ganze so ein bisschen lockerer und vielleicht auch die Entscheidung dazu, einen Kontakt mal abzubrechen…
Nele
17:50 – 18:31
…leichter fallend, wenn man weiß, das muss ich jetzt aber wirklich hier nicht auch bis ans Ende der Tage durchziehen. Also das fand ich gerade auch nochmal so ganz schön zu hören. Das kann auch ermutigend sein, so einen Schritt durchzuziehen, denke ich. Mich würde nochmal interessieren, müssen wir jetzt natürlich nicht genau so detailliert machen, wie wir das jetzt bei deiner Mutter gemacht haben, aber du sprachst ja auch davon, dass es diesen Kontaktabbruch auch in Bezug auf andere Menschen in deinem Leben gab. Also kann man da sagen, wo es besonders schwer fiel oder hast du da dann auch irgendwann vielleicht gelernt, das leichter umzusetzen? Ist es immer wieder schwer gewesen, diesen Schritt zu tun?
Anna
18:36 – 19:14
Ja, also ich glaube, das erste Mal so ganz bewusst Kontakt abgebrochen zu einem Menschen mit psychischer Erkrankung war die Beziehung zu einem Freund, noch bevor ich das erste Mal in der Klinik war, 2019, der selbst eine schwere Depression hatte. Ja, wo es zu so einem Moment kam, wo er einen Nervenzusammenbruch hatte auf offener Straße und angefangen hat zu schreien und sich selbst zu verletzen, also sich selbst zu schlagen. Und ich war halt dabei und habe gemerkt, wie überfordernd diese Situation war und wie ich überhaupt nicht wusste, was ich tun sollte. danach gemerkt habe, okay, das kann ich nicht.
Anna
19:14 – 19:43
Ich bin gerade selbst irgendwie belastet. Ich habe das damals noch gar nicht so richtig verstanden, was mit mir passiert, wie gesagt, vor dem ersten Klinikaufenthalt. Aber ich habe schon gemerkt, irgendwas funktioniert hier nicht. Und da habe ich das dann wirklich offen kommuniziert und gesagt, du, ich kann das gerade nicht mittragen. Ich kann gerade nicht so richtig für dich da sein, weil ich merke, dass ich mit mir selber beschäftigt bin und ich möchte jetzt erst mal hier, dass wir erst mal keinen Kontakt mehr haben. Und ich wünsch dir alles Gute. Und das war schon wirklich schwierig, weil ich wusste, da waren suizidale Gedanken und auch streckenweise Handlungen im Raum.
Anna
19:43 – 20:22
Und das war schwer, also so zu merken, Gott, ich mach das jetzt. Und ich setz mich selbst jetzt gerade an erste Stelle. Und das war wirklich damals irgendwie auch fast eine schwerere Entscheidung als die Entscheidung zu meiner Mutter, die halt, wie gesagt, eher so ein Übergang war irgendwie. Von jetzt auf gleich, ich kann nicht mehr. Und ja, das war wahrscheinlich auch irgendwie im Nachhinein was, was dann auch den Kontaktabbruch zu meiner Mutter irgendwie ein bisschen gebahnt hat vielleicht. Also auch einfach mal zu merken, ich habe das schon mal gemacht und dem Menschen geht es gut.
Anna
20:22 – 20:34
Also das weiß ich so, ich habe diesen Menschen noch mal getroffen und es geht ihm gut und das ist schön. Und dann auch zu merken, okay, ich kann mich aus einem System rausziehen. Und das heißt nicht unbedingt, dass alles untergeht. Genau.
Julia
20:35 – 20:37
Selbst wenn, muss man ja auch sagen, es wäre ja nicht deine Schuld.
Julia
20:38 – 21:17
Das muss man, glaube ich, an der Stelle noch mal betonen. Auch gerade in Freundschaften oder in der Familie, ist dabei egal. Aber zu sagen, du bist schuld, weil ich pack’s nicht alleine, ist natürlich … Das Gefühl sollte ja niemand jemals irgendwie haben. Ja, aber ich finde es ganz spannend, was du gerade meintest, weil bei mir war es quasi eher umgekehrt, dieser Lernprozess. Also ich habe es erst in der eigenen Familie erlebt und seitdem denke ich, wenn ich es in der eigenen Familie hinkriege, dann kriegt mich auch kein anderer mehr damit. Und das fällt mir seitdem leichter. Deswegen dann sozusagen eine Freundschaft, die jetzt über eine gewisse Zeit bestanden hat, fällt mir leichter abzubrechen, auch aus belasteten Gründen.
Julia
21:17 – 21:41
Denn natürlich breche ich zu niemandem einfach mal so den Kontakt ab. Sowas hat ja meistens schon tiefer sitzende Gründe, weil ich halt denke, ich hab’s eben hingekriegt und ich hab’s in einem harten Weg hingekriegt mit einer Person, die mir sehr, sehr nahe stand und dann kann ich’s auch bei anderen. Das klingt vielleicht auch ein bisschen gemein, aber fast wie so eine Übungssache, dass eben diese Grenze immer wieder gesetzt werden darf.
Anna
21:42 – 21:59
Das Wort habe ich auch gerade fast in den Mund genommen. Es war eine gute Übung, da dachte ich, ui, ui, ui. Ja, aber irgendwo ist es so, oder? Irgendwo macht man Sachen halt irgendwann mal zum ersten Mal und merkt dann, ah ja, okay, das hat irgendwie funktioniert und es ist gar nicht so schlimm gelaufen, wie ich dachte. Ja, kann ich nachvollziehen. Ja, definitiv.
Julia
22:01 – 22:34
Und ich glaube, es kann hart sein, weil ich dann schon manchmal wirklich den Gedanken habe, du denkst, du kannst mir jetzt irgendwie doof kommen, aber glaub mir mal, was ich erlebt habe, da kommst du nicht gegen an. Das ist natürlich auch irgendwie wirklich sehr hart und auch sehr gemein. Ich kann es sehr gut verstehen. Man hat es einmal durch und dann weiß man ja auch so ein bisschen die Gefühle einzuschätzen. Dann weiß man, ach dann bin ich vielleicht so ein bisschen verloren, dann bin ich vielleicht ein bisschen traurig, dann bin ich ein bisschen dies, das, was auch immer.
Julia
22:34 – 22:43
Das ist ja so ein bisschen, weiß ich nicht, wie so beim ersten Liebeskummer oder so. Irgendwie, dass man einfach weiß, okay, das kommt jetzt auf mich zu und das wird aber auch irgendwann dann wieder besser.
Nele
22:45 – 23:01
Ja, es ist eine sehr vielschichtige Entscheidung, ne? Mit sehr komplexen verschiedenen Gefühlen, die damit einhergehen. So kann ich es mir zumindest vorstellen. Man ist erleichtert, man ist supertraurig, man ist wütend, dann ist man vielleicht auch wieder resigniert und denkt sich, ach, du kannst mich mal, ich hab sowieso keinen Bock.
Nele
23:02 – 23:27
Irgendwie ist das doch alles besser so jetzt gerade. Dann vermisst man die Person vielleicht wieder. Also, ja, einfach sehr, sehr vielschichtig und dadurch auch anstrengend. Und ich frage mich halt, ob sich da irgendwann vielleicht aber auch so ein eher gleichförmiges Gefühl einstellt oder ob man da wirklich immer begleitet ist, von diesen großen Schwankungen, die das auch mit sich bringen kann.
Anna
23:28 – 24:04
Ich kann mir vorstellen, dass die Schwankungen kleiner werden. Aber ich habe nicht so das Gefühl, also ja, es ist vielleicht schon irgendwie geworden. Aber ich habe auch das Gefühl, dass ja nicht nur diese Entscheidung eine komplexe war und die Emotionen, die dabei entstehen, sondern dass ich ja auch noch meine ganzen kleinen inneren Anteile habe, die irgendwie da mit reinspielen und dann irgendwie sich melden. Und plötzlich kommt ganz viel Verlustangst, die eine Rolle spielt oder irgendwie so alte Ängste aus der Kindheit. Und dann wird das gefühlt noch komplexer. Ich hab das Gefühl, selbst wenn ich die Gegenwart so einigermaßen im Griff habe, kommen dann vielleicht halt diese Teile in mir hervor, die dann irgendwie sich auch melden und was dazu zu sagen haben.
Anna
24:05 – 24:25
Und dann wird’s wieder ganz schwankig und emotional. Genau, also ich hab das Gefühl, dass es schon dauert. Also wie lange ist man Kind? Und dann ein Kontaktabbruch ist ja eine große Sache. Das dauert dann irgendwie einfach wirklich lange. Zumindest sage ich mir das, um mich ein bisschen zu trösten, wenn ich merke, ist schon immer noch dasselbe oder so.
Julia
24:26 – 24:48
Ja, aber ich glaube, das ist ja auch normal. Also ich denke da auch noch immer an das Thema, was wir in der letzten Folge besprochen hatten, da hatten wir Mandy zu besuchen, haben auch über dieses Thema uneindeutigen Verlust gesprochen. Und so ein Kontaktabbruch hat ja auch was mit so einem uneindeutigen Verlust zu tun. Diese Person gibt es ja noch, du könntest deine Mama anrufen, machst es aber halt nicht.
Julia
24:49 – 25:02
Das heißt, diese Person an sich ist ja noch da, aber du hast sie ja trotzdem für dich verloren. Du hast dein Familiengefüge zu einem Teil verloren, was du eben beschrieben hast. Du bist nicht mehr Teil von Insiderwitzen oder vielleicht auch nicht mehr von Weihnachten oder was weiß ich.
Julia
25:03 – 25:36
Das gehört ja alles irgendwie da mit rein. Und dass ich denke, es ist ja bei einem Todesfall oder so ähnlich, dass ja so ein, also weiß ich nicht, ich denke dann an meine Eltern, die manchmal noch immer weinen, weil ihre Eltern vor über zehn Jahren verstorben sind. Weil dann gibt es halt wieder einen Geburtstag, da tut es besonders weh, dass die eigenen Eltern nicht mehr da sind oder so. Ich glaube, das gilt halt auch für den uneindeutigen Verlust, dass man da wahrscheinlich immer wieder mal Phasen hat, wo es besser oder schlechter ist irgendwie, wo so ein Kontaktabbruch auch besser oder schlechter läuft.
Julia
25:36 – 26:05
Also wahrscheinlich, weiß ich nicht, wenn du jetzt den ganzen Tag deine Sachen so machst und deine Freundinnen triffst, dann ist wahrscheinlich erstmal so alles okay. Und dann triffst du halt oft deine Geschwister und die machen einen Insiderwitz, der deine Mutter irgendwie mitbetrifft und dann ist es in dem Moment nicht mehr so okay. Also, so stelle ich es mir zumindest vor. Ich habe es jetzt so, also ich kenne es wie gesagt, aber bei mir ist das ganze Familiengefüge davon betroffen sozusagen. Deswegen spielt das für mich jetzt in so Momenten zum Beispiel keine Rolle.
Anna
26:05 – 26:39
Ja, vielleicht ist es wirklich so, dass die Schwankungen, die du angesprochen hast, Nele, dass die bleiben. Weil auch Menschen, die einen Verlust erlebt haben im Sinne von „jemand ist verstorben“, die sagen ja auch, ich habe hinterher noch irgendwie an der Beziehung gearbeitet. Ich habe irgendwie versucht, meinen Frieden damit zu machen oder diese Beziehung quasi im Nachhinein noch aufzuarbeiten, obwohl der Mensch gar nicht mehr da ist. Und wenn das geht und ich dann immer noch diese Schwankungen empfinde, dann ist es vielleicht auch wirklich einfach so, dass es einfach eine Weile hält. Dass es immer wieder Auf- und Ab-Phasen gibt mit allen möglichen Emotionen.
Julia
26:42 – 27:06
Ich hab da manchmal auch so Neidgefühle quasi dann, wenn ich dann andere sehe, wie sie halt mit ihren Eltern umgehen, dass das irgendwie eine schöne Beziehung ist oder so. Und ich denke, warum kann ich das nicht auch haben sozusagen? Also so kleine Momente, so dass es dann halt so ein Stich, der dann halt ab und zu mal hochkommt, dass ich denke, ich kann das halt nicht, was ihr jetzt macht. Ich kann nicht mit dieser Person irgendwie ins Kino gehen oder mal essen oder unbeschwert anrufen. Das gibt´s in meinem Leben nicht.
Anna
27:08 – 27:22
Ja, total. Also ich habe nicht nur Neid auf die Gegenwart, sondern dann auch mal Neid auf die Vergangenheit und denke mir, oh, du hast eine gute Kindheit gehabt. Ich möchte auch eine gute Kindheit. Ja, das kenne ich auf jeden Fall auch.
Julia
27:22 – 27:46
Aber gibt es dann manchmal Momente, also klar, so Familiengefüge vermissen und so ist ja so die eine Sache, aber wo du auch sagst, du vermisst, ob jetzt an deiner Mutter oder an diesen Freund oder so, gibt es Momente, wo du denkst, oh, jetzt vermisse ich die Person aus xy Grund. Also da war, ich weiß nicht, ein Witz oder so, der hat mich total an meine Mutter erinnert. Da würde ich sie eigentlich gerne anrufen und ihr das erzählen. Oder sagst du, das gibt es gar nicht?
Anna
27:49 – 28:09
Doch, das gibt es auf jeden Fall. Ich habe ja besagten Freund dann auch später noch mal getroffen und in dem Treffen auch gemerkt, eine Wärme da zu dieser Person, die ich irgendwie empfinde. Irgendwo hab ich gemerkt, dass ich es bedauere, dass wir so lange keinen Kontakt hatten. Und muss mir dann wirklich ganz bewusst selber sagen, ja, aber es hat mir nicht gut getan.
Anna
28:10 – 28:44
Es war trotzdem eine gute Entscheidung. Aber da war auf jeden Fall ein Bedauern, dass wir uns lange nicht gesehen haben. Und dann damit auch irgendwie so ein Gefühl von Vermissen irgendwie. Ich wünschte, es wäre so gewesen oder so. Und dass ich meine Mutter vermisse, kommt auch vor. Also gar nicht so oft. Oder … ja. Also ich glaube, wenn ich halt so in meinem Alltag bin und meine Menschen um mich herum habe, die ich sehr mag und so weiter, dann ist der Gedanke nicht so unglaublich präsent. Aber wenn er dann halt mal kommt, dann ist da auf jeden Fall auch ein Gefühl von Bedauern und Vermissen und ich wünschte, es wäre anders oder so.
Julia
28:44 – 28:54
Ich denke auch, ich kenne es zumindest von mir natürlich, so ein Kontaktabbruch führt ja auch ein bisschen dazu, dass man einfach die Person ein Stück weit irgendwann vergisst und dadurch nicht mehr vermisst, weil sie ja nicht mehr tagtäglich Teil ist.
Julia
28:54 – 29:17
Und das ist ja gar nichts, was man bewusst macht oder wo man es drauf anlegt oder so. Aber das fiel mir irgendwann auf, dass ich merke, es gibt einfach viele Momente, da denke ich dann gar nicht mehr wahnsinnig dran, weil das einfach schon so lange Teil meines Lebens ist, es so zu handhaben, wie ich es handhabe.
Anna
29:17 – 29:25
Ja. Ja, total. Und als ich das gerade eben gesagt habe, habe ich auch gemerkt, so huh. Und auch wieder so ein Schuldgefühl. Aber ja, also irgendwo ist es wie…
Julia
29:25 – 29:26
Ich glaube, das ist halt irgendwie normal.
Anna
29:27 – 29:50
Ich glaube auch. Also in einer Beziehung zu einem Menschen, wenn ich jetzt eine romantische Beziehung nehme und da habe ich, man hat sich irgendwann getrennt oder so, dann an irgendeinem Punkt… Ich weiß nicht, ob ich sagen möchte, Zeit heilt alle Wunden, weil also finde ich auch nicht so, aber vielleicht ein Stück weit zumindest. Oder ja, dieses Gefühl von vergessen oder von es nicht so präsent haben, passiert halt irgendwann.
Nele
29:50 – 30:18
Ich habe überlegt, dich auch noch mal nach dem Kontaktabbruch in Bezug auf die romantische Beziehung zu fragen. Ich meine, das war auch ein Thema. Ich weiß nicht, ob du da auch vielleicht etwas zu sagen möchtest. Das würde mich auch nochmal interessieren, wie das da abgelaufen ist, warum das dazu gekommen ist und wie sich das jetzt auch im Nachhinein anfühlt, weil jede Beziehung ist ja auch ganz anders.
Anna
30:20 – 31:02
Also ich hatte einen Exfreund, der auch depressiv war in der Zeit, in der ich dann tatsächlich selber auch meine Depression entwickelt habe, der auch suizidal war. Also es war alles ein bisschen gleichzeitig. Meiner Mutter ging es nicht gut, besagter Freund, zu dem ich den Kontakt abgebrochen hatte, ging es nicht gut. Dem Exfreund ging es nicht gut. Aber er hat sich tatsächlich in der Zeit, in der ich in der Klinik war, das erste Mal von mir getrennt. Der Moment war absurd, weil ich habe diese Nachricht gelesen, in der er sich von mir getrennt hatte und mein nächster Gedanke war, na ja, dann gehe ich jetzt zum Briefkasten und werfe mal die Briefe ein, die ich da noch habe.
Anna
31:02 – 31:34
Und dann gehe ich mal einen Moment raus. Also es war irgendwie gar nicht, ich konnte damit emotional gar nichts anfangen in dem Moment. Man war dann bei meinem praktischen Alltag der Klinik. Und das hat sich auch eine ganze Weile so gehalten, dass ich gemerkt habe, ich ignoriere das jetzt einfach ein Stück weit. Vielleicht auch so ein bisschen aus Selbstschutz. Ich mache das jetzt nicht. Und wir haben aber dann tatsächlich danach noch mal Kontakt gehabt und irgendwie war es dann auch wieder so, ein halbes sind wir zusammen, sind wir nicht zusammen, ist das hier noch eine romantische Beziehung oder ist das irgendwie eine Freundschaft?
Anna
31:34 – 32:10
Und ich habe auch da an irgendeinem Punkt wirklich für mich die Entscheidung treffen müssen, ich lasse das hier, es tut mir nicht gut, weil ich mich wirklich sehr gebraucht gefühlt habe, auf so eine unangenehme Art und Weise. Also ich habe sehr viel für diesen Menschen gemacht in dieser Zeit, in der das so ein bisschen so eine On-Off-Beziehung war. Und was ich total spannend fand, war, dass mein Körper mir ganz klar gesagt hat, das ist ja jetzt nicht gut. Und ich trotzdem eine ganze Weile noch in dieser Beziehung drin geblieben bin. Also irgendwie hat so diese romantische Beziehung ein Stück weit fast so einen stärkeren Sog gehabt.
Anna
32:10 – 32:36
Also dass es mir sehr, sehr schwer gefallen ist, aus der rauszutreten. Das habe ich bei den anderen nicht so erlebt. Da habe ich mich ein bisschen klarer erlebt als in dieser romantischen Beziehung. Da musste ich wirklich gefühlt kämpfen oder dagegen ankämpfen. in dieser Beziehung zu bleiben. Und wirklich, ich hatte klare Gedanken im Kopf. Mir war ganz bewusst, dass das mir hier nicht gut tut, was hier gerade passiert. Und ich hatte wirklich viel gelernt, auch in diesem Klinikaufenthalt, den ich davor hatte. Aber das war schwierig.
Julia
32:36 – 33:26
Das ist dann auch spannend. Ich kenne es jetzt von meinen Beziehungen bisher nicht, also romantischen Beziehungen. Das kriegt man ja immer wieder viel mit, dass das irgendwie gerade, wenn es halt nicht gesund für einen ist und die andere Person irgendwie, also die meisten machen es ja nicht mal böswillig, aber die andere Person irgendwie einfach ein großes Päckchen zu tragen hat, dass dann irgendwie so, also ich glaube das ist allgemein, ich glaube das ist auch bei Familien ein großes Thema, aber ich glaube auch in romantischen Beziehungen dieses Ding von, du musst halt drum kämpfen. Also das hab ich oft das Gefühl, dass das zu sehr in den Fokus gestellt wird, dass so drum kämpfen, erst dann ist es was wert irgendwie und erst dann lohnt sich das und erst wenn du dich zehn Jahre abgerackert hast, bis du eben selber mehrfach in Kliniken warst im schlimmsten Fall, Dann war es das wert und dann darfst du dich dann auch trennen, wenn es nicht klappt.
Julia
33:26 – 34:07
Und selbst das ist aber eigentlich nicht ganz okay irgendwie. Habe ich mal so ein bisschen überzogen dargestellt, aber so Gefühle kriege ich halt bei anderen dann oft mit, dass erst dann eine Beziehung quasi lohnenswert war, wenn du dein letztes Hemd gegeben hast. Vielleicht macht es das so schwer. Das ist ja auch was, was so sehr viel transportiert wird. Und gerade Menschen in akuten Krisen, die darf man ja auf gar keinen Fall alleine lassen und die darfst du auf gar keinen Fall verlassen. Und was bist du für ein Mensch, wenn du das tust? Wo ich dann immer denke, na ja, aber so eine Angehörige sollte ja auch fit bleiben, um selber auch agieren zu können.
Julia
34:08 – 34:13
Und wenn es soweit führt, dass am Ende zwei Menschen psychisch labil sind, hat ja irgendwie keiner gewonnen.
Anna
34:14 – 34:45
Ja, total. Also ich habe gerade im Kopf gehabt, ich glaube, für mich war auch mein Verantwortungsgefühl ein ganz hohes. Also so, dass ich das Gefühl hatte, okay, meiner Mutter geht es nicht gut, ich werde jetzt mal alle einspannen, die sonst noch mit im Boot sitzen, was in unserer Familie dann doch einige sind. Und in dieser Beziehung hatte ich das Gefühl, aber ich bin ja jetzt hier die Einzige, die da ist. Also ich kann ja jetzt nicht einfach hier gehen, weil wie macht denn dieser Mensch dann weiter? Und ja, da war einfach das Verantwortungsgefühl ein riesiges und vermutlich das, was mich daran gehindert hat, da rauszugehen.
Anna
34:45 – 35:05
Mal abgesehen natürlich von diesem Gefühl von, oh, da ist Liebe und da ist ein Bedürfnis, dem anderen zu helfen und so weiter. Da war gefühlt nicht so eine Wahl da. Das musste ich erst mal für mich auflösen, dass es trotzdem gut ist, wenn ich mich um mich selber kümmere. Selbst wenn der andere Mensch dann vielleicht augenscheinlich niemand anderen hat.
Julia
35:07 – 35:43
Das ist nämlich auch noch eine Frage, die ich hier stehen habe, wo wir gerade so ein bisschen auf diesem quasi übergeordneten Thema sind, auch was andere, da irgendwie, also dass du ja auch sagst, du hast geguckt, ob du deine Mutter quasi anderweitig angebunden bekommst, bevor du gehst. Und ich erlebe das immer wieder, dass wenn man halt irgendwie, also und höre das auch viel von anderen, wenn man erzählt, dass man eben keinen Kontakt hat oder dass man den Kontakt bewusst abgebrochen hat, dass die Reaktionen sehr spannend sind, sage ich mal. Also irgendwie von sehr mitleidig bis zu halt, aber das ist doch dein Elternteil, wie kannst du das denn machen?
Julia
35:43 – 35:59
Wenn du das damals erzählt hast, als du es gemacht hast, was waren so die Reaktionen oder was kriegst du bis heute für Reaktionen, wenn du jetzt, weiß ich nicht, Leute auf Partys kennenlernst und sagst, ja, aber ich habe keinen Kontakt zu meiner Mutter oder was auch immer. Was kommt da so?
Anna
35:59 – 36:25
Ich glaube, ich habe einfach Glück mit meinem Umfeld. Also ich habe einfach Freundschaften, Freundinnen, die mich schon lange kennen und die auch meine Geschichte kennen und die mich eher dazu beglückwünschen, dass ich diese Entscheidung getroffen habe. Und ich glaube, ich erzähle es nicht so losgelöst. Also ich sage nicht, ich habe keinen Kontakt mehr zu meiner Mutter und lasse das so stehen, sondern ich erkläre dann auch ein Stück weit, warum das so ist.
Anna
36:25 – 36:55
Und ich glaube, das macht es Menschen dann leicht, das nachzuvollziehen. Aber ich bin auch relativ offen mit dem Thema. Also ich kann dann schon auch meine Emotionen und meine Gedanken dazu so ein bisschen zusammenfassen und den Menschen vielleicht die Möglichkeit geben, das nachzuvollziehen. Ich glaube, wenn ich es einfach nur so hinstellen würde, dann, ja, wären sicherlich auch Reaktionen anders. Und dann wäre vielleicht auch so ein Schuldgefühl, das irgendwie transportiert werden würde, da oder so. Aber das habe ich selber tatsächlich nicht so erlebt.
Anna
36:55 – 37:31
Oder vielleicht haben es mir Menschen auch einfach nur nicht so oft kommuniziert, das kann natürlich auch sein. Aber ich habe eher das Gefühl, dass Menschen sagen, dass das eine mutige Entscheidung ist und dass sie das selber nicht könnten. Aber vielleicht auch, dass es für sie auch streckenweise gut wäre, nicht so viel oder einen anderen Kontakt zu ihren Familienmitgliedern zu haben. Also die Reaktionen kommen dann tatsächlich eher. Wo sich dann plötzlich ein Gespräch irgendwie ergibt und der andere Mensch auch sagt, ich kenne da auch jemanden und mit dem Menschen finde ich es auch superschwierig und ich wünschte, ich könnte das, aber das macht man doch nicht.
Anna
37:34 – 37:49
Wo Menschen wirklich klar sagen, das war bis jetzt noch nicht mal in meiner Vorstellung da, dass ich das machen kann und darf. Ich habe eher das Gefühl, dass es Raum gibt, wenn ich davon erzähle. Ich glaube, so war es eher bei mir.
Nele
37:49 – 37:49
Aber voll schön.
Anna
37:49 – 37:49
Total schön.
Nele
37:49 – 38:29
Ich finde, das ist eigentlich auch ein ganz, ganz schöner Gedanke, der das nochmal so umfasst, was wir jetzt ja auch hier heute so besprochen haben. Ich finde das sehr ermutigend. Also ist natürlich auch toll, wenn man das Glück hat, so ein Umfeld zu haben, bei dem man da auf positive Resonanz stößt, was einen da auch eher so unterstützt, neugierig ist, vielleicht auch fragt, wieso, warum, weshalb. Kann ich mir gar nicht vorstellen, aber ich kann verstehen, dass du das für dich so entschieden hast. Das finde ich wirklich, das ist sehr, sehr wertvoll. Und das Umfeld, also gerade so dieses Freundesumfeld oder so, das kann man sich ja glücklicherweise auch einfach selber so aussuchen im Vergleich auch zur Familie.
Nele
38:29 – 38:53
Da wird man dann reingeboren oder da kommt man rein auf Umwegen und da ist man dann halt irgendwie drin. Ja, wie man das dann erzählt und wie die Leute damit umgehen, das hat man dann ja auch wieder so ein bisschen selber in der Hand, dachte ich gerade. Aber ich fand es auf jeden Fall total ermutigend und mir ist vor allem hängen geblieben, dass man diese Entscheidung wirklich auch immer so ein bisschen mit Stellschrauben neu bearbeiten kann.
Nele
38:53 – 39:28
Dass man das lockern kann, dass man das intensivieren kann und dass es auch in Ordnung ist, das nicht unbedingt vielleicht mit der Person zu kommunizieren, sondern das mit sich auszumachen. Wenn man dann vielleicht irgendwann in der Lage ist, weiß ich jetzt nicht, wie das so bei dir aussieht oder ob da das Bedürfnis da ist, das irgendwann auch noch mal zu erklären oder zu sagen, das ging damals nicht, ich konnte das nicht mit dir besprechen, dass ich diesen Kontakt nicht will. Das kann sich ergeben, vielleicht auch nicht, aber auch, dass das in Ordnung ist, wenn man das nicht möchte und dass das auch nicht schambehaftet sein muss.
Nele
39:28 – 39:59
Das finde ich, finde ich einen ganz angenehmen Gedanken, dass ist mir besonders jetzt so hängen geblieben. Also ich finde, das war wirklich ein ganz, ganz schönes, interessantes Gespräch, was dieses Thema „Grenzen ziehen und Kontaktabbruch“ für mich auch nochmal nachvollziehbarer und ermutigender gemacht hat, muss ich ganz ehrlich sagen. Also ich fand es wirklich sehr schön, da etwas zuzuhören und auch ganz toll, dass du da so offen über deine Erfahrungen mit uns gesprochen hast.
Julia
39:59 – 40:16
Dann hätte ich nämlich nur noch die letzte Frage, ob es irgendwas gibt, was du noch gerne mitteilen würdest, ob du was hast, was du den Hörenden gerne mitgeben würdest zu diesem Thema, auf diesem Weg, was auch immer, ob es ein Learning gibt, wo du sagst, ja, das sollten andere wissen, oder hast du es schon gesagt?
Anna
40:16 – 40:59
Vielleicht als letzten Gedanken auch zu dem, was du gerade noch gesagt hattest, Nele, dass jede Emotion in dem Zusammenhang wirklich in Ordnung ist. Also es ist in Ordnung, Scham zu empfinden, es ist in Ordnung, Schuld zu empfinden. Es ist in Ordnung, Traurigkeit zu fühlen, Vergebung, auch eine Ruhe, einen Frieden vielleicht. Also dass das alles irgendwie okay ist und dass das für mich zumindest nichts ist, was einfach die ganze Zeit anhält, sondern was, was sich wandelt. Auch zu wissen, okay, ich fühle jetzt gerade Scham und Schuld, aber das wird auch wieder weggehen. Und dann kommt es vielleicht wieder, aber es wird auch auf jeden Fall wieder weggehen.
Anna
40:59 – 41:01
Ja, das vielleicht noch als letzten Gedanken dazu.
Julia
41:01 – 41:21
Ja, es hat wahnsinnig viel Spaß gemacht. Ich fand es ganz, ganz interessant. Wir bedanken uns fürs Dasein, Anna, fürs Zuhören für alle, die das jetzt hören werden. Und ja, bis hoffentlich bald.
Nele
41:21 – 41:21
Ja, bis bald.
Julia
41:21 – 41:34
Das war UNERHÖRT NAH, der Podcast für Angehörige psychisch erkrankter Menschen. Dies ist ein Projekt des BApK mit Unterstützung der Barmer Krankenkasse. Hört nächstes Mal wieder rein, wenn wir mit Menschen sprechen, die verdammt nah dran sind.
