Wenn die erste Liebe suizidal ist

Diese Folge wird im Rahmen eines Projekts gefördert vom Bundesministerium für Gesundheit.

Sie enthält Gespräche über Suizid und suizidale Gedanken. Bitte achte gut auf dich und entscheide selbst, ob und wann du diese Folge hören möchtest.

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Podigee. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

In der neunzehnten Folge ist Sarah Jane zu Gast. Sie war 21 Jahre alt, als ihr erster Freund, den sie seit der siebten Klasse kannte und liebte, sich das Leben genommen hat. Im Gespräch erzählt sie offen über die Zeit davor – über Warnzeichen, die sie als Teenager nicht einordnen konnte, über die erdrückende Last, das Geheimnis alleine zu tragen, und darüber, wie das Unterstützungsnetzwerk rund um sie beide versagt hat.

Ein Thema zieht sich durch die gesamte Folge: die Last, alleine zu wissen, dass jemand in einer Krise steckt. Sarah Jane hat Freunde eingeweiht, Warnsignale benannt und immer wieder darauf hingewiesen, dass etwas nicht stimmt. Doch niemand hat ihr geglaubt, auch weil ihr Freund nach außen hin ein anderes Bild von sich zeigte. Am Ende wusste sie, dass sie handeln müsste, hatte aber niemanden an ihrer Seite, der ihr dabei geholfen hätte.
Das Unterstützungsnetzwerk – Freunde, Lehrkräfte, schließlich auch ein Therapeut – hat in entscheidenden Momenten nicht gegriffen. Und die Frage, ob sie etwas hätte verhindern können, hat sie lange nicht losgelassen.

Heute ist Sarah Jane in Traumatherapie und arbeitet selbst in einer Schule – wo sie für Jugendliche genau die Person sein kann, die sie damals selbst gebraucht hätte. Sie erzählt, welche Spuren diese frühe Erfahrung in ihren heutigen Beziehungen hinterlassen hat, warum das Verantwortungsgefühl für andere Menschen so schwer loszulassen ist – und was sie all jenen mitgeben möchte, die gerade Ähnliches durchmachen.

Weiter unten findest du einen Themenüberblick (inkl. Zeitstempel) und das Transkript der Folge.

Weiterführende Links:

IN AKUTFÄLLEN:
112: Feuerwehr & Rettungsdienst – europaweit kostenfrei erreichbar (auch vom Mobiltelefon, selbst ohne Mobilfunknetz).
110: Die Polizei – bei Unfällen, Bränden oder in akuten, lebensbedrohlichen Notlagen.
Notfallbehandlung in akuten Krisen: Alle Kliniken für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.

Instagram:

Falls du direkt zu einem Thema in der Folge springen möchtest:

07:05
Warnzeichen damals vs. heute. Sarah Jane beschreibt, wie sie das Verhalten ihres Partners damals nicht als problematisch wahrgenommen hat – und was sie heute, mit dem Abstand von über zehn Jahren, darin erkennt.

12:39
Last und Geheimhaltung.
Ihr Partner wünschte sich, dass sie mit niemandem spricht. Wir sprechen darüber, wie es sich anfühlt, eine solche Last alleine zu tragen – und was das mit der angehörigen Person macht.

16:21
Was die junge Sarah Jane gebraucht hätte.
Was wäre hilfreicher gewesen als Verurteilung? Sarah Jane erzählt, welche Art von Unterstützung gefehlt hat – bei ihr, bei ihm, und im Schul- und Freundesumfeld.

32:29
Warnzeichen im Rückblick.
Starke Stimmungsschwankungen, Rückzug, Kontaktabbrüche, Idealisierungsphasen – welche Muster fallen ihr heute auf, die sie damals nicht benennen konnte?

44:50
Ratschläge an junge Angehörige. Sarah Jane richtet sich direkt an Menschen, die gerade in einer ähnlichen Situation sind: Geheimnisse teilen, Hilfe holen, und wissen – man muss das nicht alleine tragen.

Transkript der Folge

Nele
00:08 – 00:41
Herzlich willkommen bei unerhört nah, dem Podcast des Bundesverbandes der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen. Wir, das sind einmal ich, Nele, und ich, Julia, sprechen offen mit verschiedenen GästInnen über die Erfahrungen und Herausforderungen von Angehörigen psychisch erkrankter Menschen. Erlebt mit uns, was es heißt, unerhört nah dran zu sein. Diese Folge wird im Rahmen eines Projekts gefördert vom Bundesministerium für Gesundheit und enthält Gespräche über Suizid und suizidale Gedanken.

Nele
00:43 – 00:59
Bitte achte gut auf dich und entscheide selbst, ob und wann du diese Folge hören möchtest. Herzlich willkommen zu unserer heutigen Folge unseres Podcasts Unerhört Nah. Inzwischen schon die 19. Folge.

Nele
00:59 – 01:14
Ich bin Nele. Hallo Jule. Hi, schön, dass wir heute hier sind. Wir sind hier heute zu dritt mit Sarah Jane und widmen uns einem Thema, das wir bislang so noch nicht besprochen haben.

Nele
01:14 – 01:54
Unsere Gästin war gerade 21, als ihr Freund sich damals das Leben genommen hat. Und in dieser Folge sprechen wir mit ihr über die Zeit davor, über die Dynamiken in der Beziehung und darüber, wie sie gelernt hat, mit diesem Verlust und den Fragen danach umzugehen. Liebe Sarah-Jane, wir freuen uns sehr, dass du heute da bist und haben dieses Gespräch in verschiedene Teile für uns gedanklich aufgebaut und würden jetzt erst mal mit einem ganz entspannten Einstieg starten. Vielleicht kannst du uns so ein bisschen über die Beziehung allgemein erzählen.

Nele und Sarah Jane
01:54 – 02:07
Wie und wann hast du deinen damaligen Partner kennengelernt? Vielen Dank, dass ich heute hier sein darf. Ich bin Sarah Jane. Ich habe meinen damaligen Partner in der siebten Klasse kennengelernt.

Sarah Jane
02:07 – 02:40
Ich bin nämlich irgendwie nach der sechsten Klasse vom Gymnasium zu einer Gesamtschule gewechselt und wurde einer Tischgruppe zugeteilt. Und an dieser Tischgruppe saß er halt auch, recht schüchtern, mit einem Buch. und wurde von einer Mitschülerin irgendwie in die Seite geboxt und ich bin aufgestanden, weil ich das nicht mehr sehen konnte und habe ihr gesagt, dass sie das sofort unterlassen soll, sonst kriegt sie ein Problem mit mir. Und dann hat er aufgeguckt und sich leise bei mir bedankt und ich habe diese blauen Augen gesehen und war hin und weg.

Sarah Jane
02:40 – 02:58
Ja, das war, weiß ich nicht mehr wann, das war 2007 oder 2000… Nee, das muss vorher, 2007. Weil irgendwie, wir haben dann angefangen, sehr viel miteinander zu reden und früher noch so über MSN nachzuschreiben. Ich wusste dann recht bald, hat er mir auch gestanden, dass er Gefühle für mich hat.

Sarah Jane
02:58 – 03:09
Ich war mir da aber nicht so sicher. Ich hatte irgendwie Sorge, dass das irgendwie das Falsche wäre, weil ich hatte auch nicht so ein gutes Selbstbild, was mich selbst anging. Und hab ihn dann warten lassen. Bis 2008.

Sarah Jane
03:09 – 03:28
Also sind wir dann 2008, am 12.12.2008 zusammengekommen nach einem langen Spaziergang durch einen Park in Köln und weitere viele Gespräche. Ja. Ich war danach ziemlich geflasht, das weiß ich noch. Ich hab gedacht, alle in der Bahn können meinen ersten Kuss ansehen.

Sarah Jane
03:28 – 03:41
Ich bin zu der Geburtstagsfeier nicht gekommen, zu der ich eigentlich gehen wollte, weil ich die Hausnummer nicht gefunden hab. Naja, und so hat das dann mit uns begonnen. Im zarten Alter von 16 Jahren. Das ist schon echt irgendwie süß.

Julia
03:41 – 04:12
Sarah Jane, wir kennen uns ja auch persönlich und so genau habe ich noch nie diese Geschichte gehört und finde das irgendwie, ja klingt auf jeden Fall erstmal so nach erster großer Liebe, das was man sich halt so erst mal so mit 16 halt wünscht. Und genau deswegen nur noch so die Frage zum Einstieg auch, wie hat sich denn so eure Beziehung erst mal denn überhaupt gestaltet? Was habt ihr so gemacht? Wie war das so mit dem ersten Freund?

Sarah Jane
04:12 – 04:30
Was haben wir so gemacht? Wir sind mit dem Moped rumgefahren, er war in Simichan, Ziemlich begeistert, was so Motorräder und Roller anging. Er hatte erstmal noch kein Motorrad, sondern erstmal einen Roller und hat da viel drum geschraubt. Sind wir zusammen losgefahren zu einem alten Haus, was abgelegen war und haben da mit einer Steinschleuder die Fenster eingeschmissen.

Sarah Jane
04:30 – 04:45
Das ist jetzt verjährt, das darf man jetzt erzählen. So was haben wir gemacht. Ja, viel gelesen und sehr viel unterhalten, weil wir uns sehr gut verstanden haben. Ich glaube, wir waren beide so Außenseiter, was unsere Interessen anging.

Sarah Jane und Julia
04:45 – 05:11
Wir haben beide so Metal und Gothic gehört und haben uns oft unverstanden gefühlt und haben dann sehr viel existenzialistische Themen durchgesprochen und das erste Bier zusammen getrunken. So was man dann halt in diesen Jahren dann irgendwie macht. Das klingt auch nach so Deep Diving irgendwie. Also wenn du sagst, es ging auch direkt um so existenzialistische Themen und sowas.

Julia und Sarah Jane
05:11 – 05:37
Ich weiß halt, in manchen ersten Beziehungen, da versucht man, dass bloß nichts irgendwie den anderen belastet oder bloß keine schweren Themen anzusprechen. Das klingt ein bisschen so, als hättet ihr da den anderen Weg genommen und wärt eher direkt tief eingestiegen miteinander. Ja, also wir haben uns von Anfang an irgendwie sehr viel über Trauer und über das Alleinsein und über Probleme unterhalten. Er hat ja dann auch sehr früh seinen Vater verloren.

Sarah Jane
05:37 – 05:54
Also war die Trauer um den Vater irgendwie, da war er ja auch 16 oder so rum muss er gewesen sein, als er seinen Vater verloren hat. Auch einfach Thema in der Beziehung. Aber auch dieses Gefühl, irgendwie anders zu sein. Auch dieser Wunsch, irgendwie mehr im Leben zu haben als die bürgerlichen Leute.

Sarah Jane und Nele
05:55 – 06:12
Irgendwie so diese Idee von, wir werden nicht wie unsere Eltern, wir gegen den Rest der Welt. Wir werden irgendwie das System ändern, scheiß Kapitalismus und so. Das war halt auch von Anfang an eigentlich mit drin. Also es klingt nach einer sehr turbulenten Beziehung.

Nele
06:12 – 06:43
Also irgendwie so ein bisschen, wie man das auch aus Filmen und Büchern kennt, von dem auch, was du eben so beschrieben hast. Und auch Themen, mit denen man sich sonst vielleicht nicht unbedingt mit 16 schon auseinandersetzt. Und dann vielleicht gezwungenermaßen, wenn man schon Frühschicksalsschläge oder so erlitten hat. Da scheint er ja anscheinend auch bei dir eine gute Ansprechpartnerin gefunden zu haben, weil du ja auch meintest, ihr habt euch immer gut verstanden, ihr konntet da viel drüber reden, also dass ihr da so ein bisschen auch gut zueinander gefunden und anscheinend auch gut zueinander gepasst habt für diese Zeit.

Nele und Sarah Jane
06:43 – 07:05
Mich würde interessieren, ab wann du wahrgenommen hast, dass dein damaliger Partner psychische Probleme oder auch Suizidgedanken gehabt hat. Wie hat sich das geäußert und ab wann ging das los, falls man das so sagen kann? Ja, da ist die Frage irgendwie, muss ich gerade mal überlegen.

Sarah Jane
07:05 – 07:35
Es gibt einen großen Unterschied zwischen dem, wie ich jetzt als erwachsene Person darauf gucke und wie ich in der Zeit damals darauf geguckt habe. In der Zeit damals erschien mir das alles nicht pathologisch. Also ich habe das alles nicht als problematisch gesehen, weil ich selber so düstere Gedanken hatte oder einfach irgendwie sehr existenzialistisch drauf war. Heute, da ich auch mit Schülerinnen und Schülern arbeite und selber jetzt 33 Jahre alt bin, denke ich mir, das war schon mit 16 teilweise auffällig.

Sarah Jane
07:35 – 08:02
Es fing eigentlich an, dass er, als wir uns kennengelernt haben, sich schon sehr viel für Waffen interessiert hat. verschiedene Darstellungen von Amokläufen. Ich tatsächlich habe damals diese Bücher aber auch gelesen, so Columbine und was da alles war, aber mehr aus so einem Interesse, was Menschen bewegt, die da zu diesen Taten nachher übergehen. Ich wollte verstehen, warum Menschen so verzweifelt sind, dass sie nachher sich selbst und vor allen Dingen auch anderen Menschen so viel Schmerz zufügen.

Sarah Jane
08:02 – 08:23
Und bei ihm kam das halt auch aus so einem Gefühl von Hilflosigkeit, dadurch, dass er auch sehr stark gemobbt wurde in der Schule. Und das war etwas, was ich auch wurde. Und irgendwie war dann so, dass für mich zu dem Zeitpunkt gar nicht so auffällig, wie es für die Menschen in der Umgebung teilweise war. Er wurde dann auch ausgegrenzt, weil viele Menschen das eben nicht verstanden hatten und Angst hatten.

Sarah Jane
08:23 – 08:44
Mir hat das irgendwie nie Angst gemacht, irgendwie. Heutzutage würde ich schon sagen, das war auffällig. Das war irgendwie schon nicht das, was man vielleicht mit 16 mit sich herumtragen sollte thematisch. Dann irgendwie wurde das, also ich glaube das erste Jahr unserer Beziehung war noch recht rosarot und stabil.

Sarah Jane
08:44 – 09:02
Irgendwie. Und ab dann kam es immer wieder dazu, dass er die Beziehung beendet hat und sich für mehrere Tage gar nicht mehr gemeldet hat, sehr zurückgezogen hat. Wir gar keinen Kontakt in der Zeit hatten. Und er auch so emotional immer unerreichbarer wurde.

Sarah Jane
09:02 – 09:21
Also er war dann in diesen Situationen sehr, er wirkte sehr leer und sehr weit weg. Also auch so irgendwie… Spannenderweise war das, dass er 2008 auch meinte, dass er Angst hat, mich zu verletzen, dass es irgendwann dazu kommt. Und ich habe das gar nicht einordnen können, weil ich war so, ja, wie soll denn das passieren?

Sarah Jane
09:21 – 09:41
Und in diesen Phasen war es dann oft so, dass er körperlich halt anwesend war, aber geistig irgendwie sehr weit weg. Aber er ist immer wieder zurückgekommen. Also wir hatten dann immer so dieses on and off, also er hat dann die Beziehung von sich aus beendet. Und ich habe dann aber auch irgendwie trotzdem daran festgehalten und ihm Nachrichten geschrieben und versucht ihn zu verstehen.

Sarah Jane und Julia
09:41 – 10:21
Und er ist dann meistens so nach drei, vier Tagen wieder zurückgekommen mit einer unglaublichen Positivität, die er auch hatte und Lebensfreude, sodass wir dann jedes Mal so Berg- und Talfahrten hatten aus unglaublich glücklich und unglaublich verzweifelt. Das ist auch, also ja, ich kriege gerade ehrlich gesagt ein bisschen Gänsehaut, wenn ich das höre, weil ich das sehr, ja auch krass finde, gerade so im jungen Alter, irgendwie das so intensiv mitzuerleben. Ich denke gerade aber so, gab es irgendwie einen Punkt für dich, wo du vielleicht auch so gemerkt hast, okay, Das ist jetzt nicht normal. Also was auch immer normal sein mag.

Julia und Sarah Jane
10:21 – 11:13
Aber das klingt ja schon einfach sehr extrem, sag ich mal, wie man es jetzt auch immer einordnen mag genau. Aber gab es so einen Punkt, wo er vielleicht auch wirklich dann schon merklich in eine Richtung ging oder wo du Situationen im Kopf hast, wo du sagen kannst, da fiel dir das vielleicht auch schon als Teenagerin, junge Frau auf, dass das hier gerade Tendenzen annimmt, die gefährlich werden könnten, auf welche Art auch immer? Ganz deutlich geworden ist mir das Ende 2012, Anfang 2013, also kurz nach dem Abitur, dass irgendwie Sätze einfach gefallen sind, wie, wenn ich ihn dann mal angerufen habe, weil er wieder diese Phasen hatte, in denen er sich nicht gemeldet hat, ist er dran gegangen mit, ich lebe noch.

Sarah Jane
11:13 – 11:31
Und das hat mich halt irritiert. Man muss dazu sagen, wir hatten da durch die Gothic- und Metal-Szene einen sehr düsteren Humor, sodass viele Dinge gar nicht so problematisch wirkten, wie sie jetzt im Nachhinein für mich sind. Aber auch dieser Satz wirkte irgendwie komisch. Ich habe dann auch gesagt, glaube ich so, ja zum Glück lebst du noch.

Sarah Jane
11:31 – 11:50
Irgendwie wäre schlimm, wenn es anders wäre, aber irgendwie… Und dann weiß ich noch, dass er einmal irgendwie gesagt hat, ich kann an nichts mehr Freude empfinden, an der Umwelt nicht und auch nicht mehr an dir. Und das war schon ziemlich hart. Vor allem, weil ich zu dem Zeitpunkt damals erst mal dachte, ich müsste nur besser sein.

Sarah Jane
11:50 – 11:59
Ich muss nur irgendwie… mehr sein als Freundin. Ich muss nur irgendwie glücklicher sein, mehr leben. Ich hab halt stets versucht, das Leben in diese Beziehung zu bringen.

Sarah Jane und Nele
11:59 – 12:39
Dann hab ich gedacht, ich muss einfach noch bunter werden, noch mehr Lebensfreude reinbringen, damit es reicht. Und ich hab nicht verstanden, dass bei einem Menschen, der gar keine Freude mehr an der gesamten Welt finden kann, dass man als Freundin so toll oder so viel Liebe geben kann, wie man möchte, und es wird trotzdem nicht genügen. Hast du das Gewicht dieser Aussagen dann überwiegend mit dir rumgeschleppt oder hast du ihn da auch darauf angesprochen, also auf das, was das auch mit dir gemacht hat, diese Angst, ihn dazu verlieren und diese Bedürfnissache noch besser machen zu wollen, war das etwas, was dann so in dir verschlossen war oder konntest du das thematisieren?

Sarah Jane
12:40 – 13:00
Ich glaube, ich habe es thematisiert. Ich habe viele E-Mails auch geschrieben in diesen Phasen, wo wir keinen Kontakt hatten, aber wir haben nicht offen darüber gesprochen, weil er auch irgendwie meistens meinte, ich verstehe ihn ohne Worte und wüsste doch, was gemeint wäre. Und er hat sich zu diesen Dingen nicht geäußert. Also habe ich das mit mir selber rumgetragen.

Sarah Jane
13:00 – 13:37
Ich habe aber auch tatsächlich immer gedacht, dass wenn es zu einer Trennung, dass es eher zu einer Trennung kommt, einer endgültigen Trennung, dass er dann die Beziehung beendet. Ich habe mir nicht vorstellen können, dass er wirklich sein Leben beendet. Im Nachhinein ist mir das dann aufgefallen, aber währenddessen halt, weil er so auf mich auch dann in manchen Phasen so überzeugt von sich selbst und seiner Stärke und seinem Zielen-Buddy erreichen wollte, dass ich dachte, okay, das Schlimmste, was mir passieren könnte, sag ich mal, wäre, dass er diese Beziehung jetzt wirklich mal für immer beendet.

Sarah Jane
13:37 – 13:47
Und dahingehend haben sich meine Verlustängste gerichtet. Hat mich sogar an dem selben Tag mal gefragt, warum ich eigentlich am Leben wäre. Und ich hab… Also, was mich denn halten würde.

Sarah Jane
13:47 – 13:59
Und ich hab gesagt, dass… Ja, ich das Gefühl hab, noch ne Aufgabe hier zu vollenden für meine Freunde und auch für meine Familie. Und dass ich Menschen helfen möchte und so. Auch diese, dass diese Frage komisch wird.

Sarah Jane
13:59 – 14:10
Auch, dass er gefragt hat, irgendwie, wie es so um mich steht da so. Das kam mir auch erst später komisch vor. Das kam mir zu dem Zeitpunkt nicht so komisch vor. Auch, dass er sich mit so vielen Filmen…

Sarah Jane
14:10 – 14:31
Wir haben ja so viele Filme, die wir im Kino geguckt haben, in denen es um so starke Themen ging. So Cloud Atlas haben wir gesehen, The Fountain haben wir gesehen. Und immer wieder in den Filmen, die er mit mir geguckt hat, ging es darum, dass bei einem Paar eine Person zurückgelassen wird und eine Person stirbt. Und die zurückgelassene Person ihr Leben weiterführt.

Sarah Jane und Julia
14:31 – 15:08
Und ich hab mich halt gewundert und ich hab mich mit dem Thema auseinandergesetzt, aber ich dachte, das ist so dieses Gothic-Ding irgendwie, das sind so die Gedanken, die wir alle mal haben, aber niemand von uns wird das jemals in die Tat umsetzen. Suizid ist etwas, was so in unserem Kopf herumspukt, aber nichts, was wirklich gemacht wird irgendwie. Das stelle ich mir aber auch so verwirrend vor, eben auch wirklich auf dieses Alter bezogen, wo ja, also Pubertät ist ja für viele einfach eine unglaublich, oder Erwachsenwerden, irgendwie eine unglaublich anstrengende Zeit. Und es gibt ja super viele, die da irgendwie mit sonst was für Themen kämpfen, die sich mit den Eltern abkämpfen, mit dem Leben und sonst was allem.

Julia
15:08 – 15:32
Und dass ich auch so denke, es ist ja auch eine, eben so eine große Umbruchszeit, wo man einfach auch sich selber und der ganzen Welt oft gar nicht so sicher ist. Und ich kann mir nicht vorstellen, wie es dir ging. Also das kann ich ehrlich sagen, weil ich so eine Beziehung nicht geführt habe. Aber ich kann gut nachvollziehen, wie viel Verwirrung das vielleicht auch in dir gestiftet haben muss.

Julia
15:34 – 16:21
Also im Sinne von Du hast selber irgendwie deine Baustellen und ordnest Sachen ganz anders für dich ein. Und er meint das vielleicht viel ernster oder viel existenzieller, wie du so schön auch sagst, als das, was so der normale Teenager vielleicht so durchmacht. Irgendwie mal die Mutter hassen oder keine Ahnung was. Kannst du da was zu sagen, wie du vielleicht auch jetzt so ein bisschen auf die jüngere Sarah Janes zurückblickst mit diesen ganzen Dingen, die sie getragen hat und kannst du da irgendwie vielleicht noch mal so einordnen, was du heute für sie, also wo du so Baustellen siehst sozusagen

Julia und Sarah Jane
16:21 – 16:45
irgendwie, wo du siehst, was das vielleicht auch eben mit dieser jungen Person so gemacht hat. Ja, also ich habe mich damit lange auseinandergesetzt. Ich bin ja auch selber zurzeit noch in Traumatherapie und begegne da auch quasi dieser Sarah irgendwie auf traumatherapeutische Art und Weise. Und was ich gebraucht hätte, wäre ein Mensch, dem ich mich anvertrauen konnte.

Sarah Jane
16:45 – 17:02
Ich habe damals meine Eltern aus dieser ganzen Thematik rausgelassen. Einfach auch, weil meine Schwester erkrankt ist und es da andere Baustellen gab. Und Fabian hat auch nicht mit seiner Mutter über diesen Tiefgang gesprochen. Das heißt, irgendwie habe ich mich mit der ganzen Thematik sehr alleine gefühlt.

Sarah Jane
17:02 – 17:15
Und unser Freundeskreis hat irgendwann die Dinge auch als problematisch angesehen. Und die Lehrer auch. Also die Lehrer haben irgendwann gesagt, wir wären eine unheilvolle Allianz. Wir haben uns eher als Seelenverwandtschaft betrachtet.

Sarah Jane
17:15 – 17:50
Und das hat diesen jugendliche Idee von wegen, ihr versteht uns alle nicht und wir gegen den Rest der Welt sehr gestärkt. Aber ich hätte mir, also jetzt im Nachhinein würde ich dieser Sarah einfach mehr Menschen in ihrem Leben wünschen, die ihr Halt geben, denen sie sich anvertrauen kann, mit denen sie darüber sprechen kann und die auch irgendwie nicht direkt gegen diese Beziehung argumentieren. Weil klar, ich war halt total verliebt und da zu sagen, das Beste wäre eine Trennung, da macht man halt als Teenager dicht. Aber zu sagen, hey, euch beiden geht es vielleicht besser, wenn ihr Therapie sucht.

Sarah Jane
17:50 – 18:08
Und Therapie bedeutet auch nicht, dass ihr sofort die Beziehung beenden müsst. Die Therapeuten sagen nicht als erstes, macht Schluss. Und die Therapeuten sagen auch nicht als erstes, ihr seid als Gothics, als Gesellschaftskritiker voll falsch, werdet Teil des Systems und der Maschine. Und das waren ja damals unsere Ängste.

Sarah Jane
18:08 – 18:29
Wir hatten gar niemanden, der uns das erklärt hat, wie Psychotherapie funktioniert. Wir hatten damit gar keine Berührungspunkte und haben uns sowas angeguckt wie bei A Clockwork Orange und dachten, oh Gott, wir werden an Elektroschocks angeschlossen. Totaler Bullshit. Nur dadurch haben wir halt sehr viel Verurteilung von Erwachsenen gespürt, die uns gesagt haben, ja okay, ihr seid anders, ihr seid komisch und wenig Hilfestellung.

Sarah Jane
18:31 – 18:56
Ich wusste ja dann auch nicht, womit ich, also mit wem ich überhaupt reden konnte über, ja, über Dinge, die da damals passiert sind. Wenn er im Streit, ich glaube, das war dann ganz gegen Ende, hat er mal in einem Streit gesagt, dass er gerade darüber nachgedacht hat, mit dem Fahrrad in den Bus reinzufahren. Und ich war davor total erschrocken, aber ich dachte, das sagt er nur so, das meint er nicht ernst. Und ich hatte niemanden, mit dem ich darüber reden konnte.

Sarah Jane
18:56 – 19:16
Oder als ich dann gesehen habe, dass er sich selber verletzt hat, ich hatte niemanden, mit dem ich darüber sprechen konnte. Und ich hatte das Gefühl, ich trage so ein Geheimnis mit mir rum, weil er sich ja auch gewünscht hat, dass ich mit niemandem rede. Und das war viel zu viel Last für eine Person in dem Alter. Also das war für jeden zu viel irgendwie.

Nele
19:17 – 19:40
Dann hast du dich wahrscheinlich schon auch für ihn verantwortlich gefühlt, schließe ich jetzt daraus, oder? Ja. Du sprachst davon, dass du da so ein bisschen die Mitwissende warst und dann hat er auch noch zu dir gesagt, behalte das für dich, sag das keiner Person weiter. Das ist ja auch eine enorme Last, die der angehörigen Person da auferlegt wird.

Nele
19:40 – 20:01
Also hattest du dann wirklich auch das Gefühl, ich musste jetzt ständig anrufen, vielleicht sogar auch vor der Tür stehen. Ich kriege ständig irgendwie so einen Panikmoment, wenn er sich nicht sofort zurückmeldet oder so. Weil so stelle ich es mir vor, dass es einem geht, wenn man die einzige Person ist, die das so mitbekommt. Ja, vor allem richtig heftig war es dann.

Sarah Jane
20:01 – 20:35
Ich hab mich ja dann auch selber irgendwie sehr mit dem Thema Depressionen und Partner mit Depressionen beschäftigt, sehr viel Literatur selber dazu gelesen, weil ich ihn verstehen wollte und weil ich auch lernen wollte, wie man mit depressiven Menschen besser kommunizieren kann. Und hab dann mehr und mehr diese Anzeichen erkannt und hab dann gesagt auch dem Freundeskreis, hey, der trinkt gerade extrem viel und dass er nach außen hin so glücklich wirkt, das ist eine Form von Maskierung, dem geht’s gerade gar nicht gut. Und der gibt so viel aus und so, das sind auch Notsignale, dass der gerade irgendwie alles rausprasst, weil ihm alles egal ist. Aber man hat mir halt nicht mehr geglaubt.

Sarah Jane
20:35 – 20:53
Ich habe gegen Ende auch seinen besten Freund eingeweiht und gesagt, hey, der ist, glaube ich, depressiv. Da hat Fabian mir auch schon gesagt, ich bin sehr krank, ich suche Hilfe. Also er wollte in Therapie, er hat dann auch einen Psychologen am Ende gehabt. der ihm leider nur Medikamente verschrieben hat, es kam zu keiner richtigen Psychotherapie.

Sarah Jane
20:53 – 21:28
Aber ich dieses Gefühl von, ich habe dann wirklich am Ende wirklich das gebrochene Geheimnis und jetzt nicht die Mutter eingeweiht, aber die anderen Freunde, zumindest seine engsten Freunde versucht einzuweihen. Und ich bin da nicht durchgekommen, weil er zu dem Zeitpunkt halt auch seinen Freunden erzählt hat, dass ich voll die panische Alte bin, die ständig eifersüchtig ist, vollkommenen Schaden hat und sich in alles reinsteigert, sodass man mir wirklich nicht geglaubt hat. Ich weiß noch, am Ende hat sein bester Freund gesagt, Depressionen sind eine Volkskrankheit, die hat jeder. So, da muss man sich jetzt auch nicht irgendwie so anstellen.

Sarah Jane
21:28 – 21:53
Und ich habe mich noch mehr alleine gefühlt und habe halt das so auch versucht, denen zu sagen, nein, es ist wirklich immens, wir müssen was tun, bis zu dem letzten Anruf, wo ich gesagt habe, ich muss da eigentlich hinfahren. Und mein Umfeld hat mir suggeriert, nee, du musst das Handy mal weglegen, aufhören, ständig zu kontrollieren, aufhören, immer anzurufen. Du machst den armen Mann ja total Banane mit deinem Verhalten. Lass los und warte ab.

Sarah Jane
21:53 – 22:04
Und das habe ich dann am Ende gemacht. Ja, ging nicht so gut aus für mich. Aber ja, ja. Das ist schon krass, wenn man sich…

Julia
22:05 – 22:26
Wir hatten eben die Frage auch aufgeschrieben, wie dein Umfeld darauf reagiert hat, wie euer Umfeld reagiert hat, ob dich jemand angesprochen hat. Und ich finde diese Mischung so krude merke ich so. Einerseits dieses, dass das irgendwie offensichtlich war und Sprüche gefallen sind wie, ach, Depressionen hat ja jeder. Oder Lehrkräfte, die irgendwie suggeriert haben, ja, da stimmt was nicht.

Julia
22:26 – 23:03
Und gleichzeitig diese andere Seite von, ach ja, aber stell dich nicht so an und so ernst ist es gar nicht. Also das muss ja auch total anstrengend sein ständig in dieser in diesem Zwischending irgendwie zu leben und dich immer wieder selber zu regulieren, weil es niemanden sonst gibt, der das macht und dein Partner ja leider auch nicht, weil er halt mit sich selber so beschäftigt war. Ja, also ich weiß auch noch, ich glaube, es gab eine Lehrerin, die Schuldirektorin, die die Probleme nachher ein bisschen direkter gesehen hat. und die hat mich aber dann um Rat gefragt.

Sarah Jane
23:03 – 23:44
Also generell fand ich es spannend, dass mich erwachsene Lehrkräfte um eine Einschätzung gebeten haben, zu einem Zeitpunkt, wo ich selber noch minderjährig war und es gar nicht meine Verantwortung ist. Also es ist eher schade, also man sollte dann nicht seine Schülerinnen und Schüler fragen, sondern selber sich vielleicht den Schulpsychologischen Dienst zu Rate ziehen und mit denen sprechen. Ja, und dann hat man mich gefragt, irgendwie auch mit Hinblick, dass er das Abitur abgebrochen hatte und zur Bundeswehr gehen wollte, wie ich das denn einschätzen würde. Und ich hab natürlich gesagt, hey, es gibt gar keine Probleme und alle reden denen nur, weil er Waffen mag, machen die Leute da so ein Hehl, das ist alles Bullshit und hab halt da auch gelogen und mich auf seine Seite gestellt, weil ich wusste, dass es ihm so

Sarah Jane
23:44 – 23:57
wichtig war, zur Bundeswehr zu gehen. Ich habe dann einfach gehofft, dass die Bundeswehr diese Probleme sieht und sieht, wie viele psychologische Päckchen er mit sich zu tragen hat und wie schlecht es ihm ging. Das haben die leider nicht. Und auch die Lehrer.

Sarah Jane
23:57 – 24:26
Ich hatte das Gefühl, es haben viele Menschen zugesehen, aber nicht gehandelt. Später haben die Lehrer mir auch gesagt, dass sie auch nicht so richtig wussten, was sie hätten tun sollen. Und das fand ich halt so erschreckend, weil so, dass ich das nicht weiß im Alter von 18 oder 17, ist verständlich. Aber dass erwachsene Kräfte da sich keine Beratungen holen, dass niemals ein Schulpsychologe mit uns gesprochen hat oder sonst wie.

Sarah Jane und Julia
24:26 – 24:57
Ich meine, klar hat man uns nahegelegt, uns selber Therapie zu suchen, aber es hätte nur eine Schulpsychologin oder Sozialarbeiterin gebraucht, die einen freundschaftlichen Zugang hatten, die sagt, hey, ich glaube, ihr habt gerade echt Probleme. Und komm, wir quatschen mal eine Runde miteinander. Und das hat leider gefehlt. Also, ich bin wirklich mal wieder vor den Socken, weil ich das so krass finde, dass die Erfahrung, die du teilst, die kennen wir auch von so vielen anderen Geschichten, wo es jetzt gar nicht um Suizid gehen muss.

Julia
24:57 – 25:38
Aber dieses Geheimnis so für sich tragen, so viel Verantwortung zu übernehmen, auch in so jungen Jahren, dass Fachkräfte überhaupt nicht wissen, was sie mit diesen Themen überhaupt anfangen sollen. die Kinder oder Jugendlichen danach zu fassen. Also wie du sagst, da müssten die sich irgendwie fortbilden oder Beratung suchen oder den Schulpsychologischen Dienst einschalten, aber nicht das über dich laufen lassen eigentlich. Und ich bin da jedes Mal so Ja, angefasst, wenn ich höre, dass auch deine Geschichte in so ein Muster fällt, sozusagen, ohne jetzt zu starke Kritik ausüben zu wollen, aber es ist einfach so eine Auffälligkeit irgendwie, die da ist.

Sarah Jane
25:38 – 26:12
Wir waren nachher auch sehr irgendwie erschrocken darüber, dass als er sich dann einen Psychologen endlich gesucht hatte, dieser direkt Antidepressiva verschrieben hat, ohne dass er in einer therapeutischen Behandlung war. Und das haben wir im Nachhinein halt auch als schwierig empfunden, weil die Medikamente, die ihm verschrieben wurden, eigentlich Medikamente sind, die man in der Klinik nimmt. Medikamente sind die halt, die solche Handlungen begünstigen, da sie halt erstmal den Antrieb steigern, bevor sie halt die Stimmung aufhellen. Und ja, so vielleicht hätte da auch der Therapeut vorsichtiger sein können.

Sarah Jane und Nele
26:12 – 26:42
Wir haben mit ihm nachher gesprochen. Er meinte, er hätte das nicht als so drastisch eingeschätzt. Das klingt wirklich, als hätte das Unterstützungsnetzwerk komplett versagt, wenn ich das jetzt mal so ganz platt ausdrücken darf. Also ob das jetzt die Lehrkräfte sind, die jetzt vielleicht auch nicht unbedingt gezielt wissen, wie gehe ich jetzt mit so einem Schüler um, die ja aber durchaus wissen können, dass sie sich wiederum woanders eine Beratung holen können, wie gehe ich in so einem Fall damit um.

Nele
26:42 – 27:24
Aber auf mich wirkt es so, als hättest du das eigentlich dann schon geteilt, hättest Hilfe gebraucht, aber das hat dir eigentlich nicht wirklich was gebracht. Du warst am Ende trotzdem ziemlich allein damit und zusätzlich hat man dir eigentlich noch mehr Verantwortung aufgedrückt, weil das, was du jetzt erzählst und preisgibst über das, was ihr da zu zweit besprochen habt, Auf dieser Grundlage wird jetzt irgendwie eine Annahme gemacht, ob das jetzt ernst zu nehmen ist, wie er sich verhandelt oder nicht. Also das ist ja so viel Verantwortung und Belastung, die dir da zugeschoben wurde und das habe ich wirklich in der Form so auch noch nie persönlich erzählt bekommen.

Nele und Julia
27:24 – 27:36
Das finde ich wirklich sehr krass. Gerade auch auf das Alter bezogen. Also auch hier noch mal eins zu ordnen, diese ganze Zeit war zwischen 16 und 21. Das darf man ja auch nicht vergessen.

Julia
27:36 – 28:02
Irgendwie, dass ich immer denke, also auch für jeden erwachsenen Menschen wäre das ja viel zu tragen. Aber wenn man sich dann überlegt, was für eine Entwicklungsphase du auch selber noch gesteckt hast. Irgendwie ist das ja, ja, dann die nächst stehende Person zu sein quasi, die das so miterlebt. Wenn du sagst, der beste Freund, die Mutter, die haben davon nicht so viel mitbekommen, irgendwie zumindest nicht in dem Moment realisiert.

Julia
28:03 – 28:21
Er hat es nicht geäußert, was auch immer. Aber dass ich mich kurz noch gefragt habe, Weil er ja wiederum anderen gesagt hat, dass du quasi spinnst. Dass du dir das irgendwie einbildest. Hat dich das nicht auch sauer gemacht?

Julia und Sarah Jane
28:22 – 28:45
Wie bist du damit umgegangen, dass du irgendwie versuchst, da Hilfe reinzukarren und diese ganze Last mit ihm trägst? Und er sagt, ach ja, hört man nicht auf die. Zum einen wollte ich noch, irgendwie fällt mir gerade noch ein, sagen, dass das mit der Mutter, dass ich habe noch einen sehr guten Kontakt mit seiner Mutter bis heute, dass sie mich auch mal gefragt hat, warum wir uns nicht bei ihr Hilfe gesucht haben. Das Problem ist das Alter.

Sarah Jane
28:45 – 29:06
Wir waren so dieses, mit den Eltern wird erst recht nicht geredet, wie die verstehen uns nicht. Und er hat aus irgendwie einem Grund eine Distanz aufgebaut, irgendwie, wahrscheinlich unbewusst. Das ist halt so, die Dinge haben sich dann so ergeben. Also er hat dann irgendwie so Irgendwie mir gesagt, ja, meine Mutter würde nicht verstehen, dass wir jetzt doch wieder zusammen sind, deswegen solltest du auch nicht mit ihr reden.

Sarah Jane
29:06 – 29:36
Also er hat auch zwischen mir und ihr eine Distanz aufgebaut, sodass ich da auch keinen Kontakt hatte. Dass sie mich verstanden hätte und so den Kontakt, das alles hatten wir erst nach seinem Tod wieder. Und ich glaube, dieses Isolieren, dieses verschiedene Dinge normalisieren, wie dieses sich zurückziehen, dann wiederkommen und auch sowas wie häufige Kontaktabbrüche oder dass ich halt nachher niemanden mehr hatte, der mir wirklich geglaubt hat, hat die Dinge dann letztendlich auch einfacher gemacht irgendwie. Also ich glaube nicht, dass er da jetzt bewusst taktisch vorgegangen ist.

Sarah Jane
29:36 – 30:10
sondern dass das vielleicht irgendwo ein Muster ist, was irgendwie da mit drin war, was ihm halt auch, vielleicht wäre es ihm auch zu nah gewesen, wenn wir mit der Mutter wirklich gesprochen hätten, aber dass er sich zurückzieht, dass er kälter wird, dass er manchmal nicht aus dem Zimmer kommt, das hat sie natürlich auch gemerkt, ist nur dann auch schwer als Mutter mit einem pubertären Sohn, glaube ich, irgendwie da einzuordnen, was ist Liebeskummer, was ist jetzt irgendwie introvertiertes Verhalten und was ist jetzt irgendwie Problematisch. Jetzt wollte ich auf deinen anderen Punkt gerade noch eingehen und habe den vergessen. Was war der kurze Stichwort?

Sarah Jane
30:10 – 30:39
Passt auch ein bisschen dazu, was diese Distanz angeht. Ach, ich weiß ihn wieder. Ja, okay, man muss dazu sagen, ich hatte ja auch so meine Baustellen und mein Psychologe meinte mal zu mir, dass wenn ich nicht so von meiner Geschichte her so wäre, wie ich bin, hätte die Beziehung auch nicht so lange gehalten. diese Beziehung zu meiner Lebensaufgabe gemacht.

Sarah Jane
30:39 – 31:02
Also für mich war mit ihm zusammen zu sein der Sinn meines Lebens. Und ich wollte diese Beziehung auf jeden Fall beibehalten und ihn verstehen. Und ich habe alles versucht, mich anzupassen, noch mehr zu verstehen, so passend zu reagieren, dass wir auf jeden Fall zusammenbleiben. Und natürlich hat mich das gekränkt irgendwie, aber ich habe mir dann halt bei allem die Schuld selber zugesprochen.

Sarah Jane
31:02 – 31:26
Zum einen war ich damals, was manche Dinge anging, aufgrund meines Selbstwertgefühls wirklich krass eifersüchtig, also wirklich so, dass man sagen würde Red Flag, heutzutage so. Das war schon schwierig. Andersrum fehlten mir halt auch die Sicherheiten und ich habe so stark reagiert aufgrund der Dinge, die passiert sind, die das Umfeld nicht mitbekommen hat. So müsste sich das für das Umfeld, die dachten dann, okay, warum dreht die schon wieder so ab?

Sarah Jane
31:26 – 31:41
Aber ich weiß auch nicht, ich hab ihm das verziehen. Selbst wenn er schlecht über mich gesprochen hat, weil er dann immer dieses, du weißt ja, wie ich das meine, hab ich das irgendwie… Ja. Ich hab halt diese Beziehung, diese Bindung über alles andere gestellt.

Julia
31:41 – 31:56
Auch darüber, wie… Ja, über mich selbst, über meinen Selbstwert und darüber, wie ich gesehen werde. Das war mir dann ab einem gewissen Punkt einfach alles egal. Ich finde, wir haben jetzt ganz gut beleuchtet, wieso diese Zeit war und was das mit dir gemacht hat.

Julia
31:56 – 32:29
Und deswegen würde ich jetzt gerne zu dem Teil überleiten, wo wir auf dein heutiges Dasein gucken. Das ist jetzt über zehn Jahre her mittlerweile alles. Der Suizid ist auch über zehn Jahre her. Wie gesagt, es geht hauptsächlich darum, dass wir gucken, wie eben die Zeit davor war, wie du auch verarbeitet hast, wie es ist mit all diesen Suizidgedanken, mit den schweren Themen, mit der, ich würde auch sagen, rückblickend sowas wie toxischen Beziehungen zu leben, was das mit dir auch im

Julia
32:29 – 33:04
Nachhinein alles gemacht hat, deswegen. Ja, hast du schon auch zum Teil beantwortet, aber kannst du noch mal so ein bisschen zusammenfassen, wo du mittlerweile Warnzeichen siehst, jetzt heute im Nachhinein, was du alles bearbeitet hast in Therapie, was du dir selber angeguckt hast, was du vielleicht auch mit seiner Mutter oder seinen besten Freunden noch besprochen hast oder so, wo ihr sagt, doch, da im Nachhinein, da fallen Dinge auf, da hätte man vielleicht anders drüber denken können. Ja, also zum einen irgendwie starke Gefühlswechsel.

Sarah Jane
33:04 – 33:48
Irgendwie, es ging ja von, ich sehe keinen Sinn mehr, hin zu, hey, irgendwie, lass uns eine Wohnung kaufen und wir ziehen zusammen und wir machen das so und so, hin zu, ich gehe zur Bundeswehr und rette Deutschland irgendwie, vor was auch immer, obwohl er eigentlich anti-autoritär war, irgendwie. Und das hat er dann auch eingesehen zu so starken Impulsiven, starke impulsive Handlungen und starke Hochphasen. Ich weiß nicht, ob sie manisch waren, aber auf jeden Fall starke Hochphasen, in denen auf einmal alles bunt und lebhaft war, hin zu starken Tiefphasen mit Leere, wo er dann nicht aus dem Bett kam und irgendwie die Vorhänge zugezogen hat. Und halt auch so apathisch wirkte, gar keine Mimik, monotone Sprache.

Sarah Jane
33:48 – 34:05
und sich sehr zurückgezogen hat. Auch dieses Zurückziehen, dieses häufige Aus-der-Beziehung-rausnehmen-für-drei-Tage-und-dann-wieder-kommen. Das normalisiert ja, dass Menschen einfach verschwinden können. Und dann denkt man, also, beim Anfang irgendwie hab ich mich gewundert.

Sarah Jane
34:05 – 34:16
Aber nachher dachte ich, er kommt halt immer wieder zurück. Und das hat er auch betont. Also er hat gesagt, wir kommen immer wieder zusammen und wir finden uns immer wieder. Das heißt, so Phasen, wo ich heute denken würde, Das geht nicht.

Sarah Jane
34:16 – 34:46
Also wenn sich mein heutiger Partner jetzt für drei Tage ohne Handy, ohne alles zurückziehen würde und ich ihn nicht erreichen würde, dann würde ich denken, okay, das ist auch mir gegenüber einfach nicht fair. Und das macht man nicht. Also man sagt wenigstens, man gibt ein Lebenszeichen von sich oder macht eine Notiz und sagt, ich brauche jetzt ein paar Stunden. Aber dieses sich komplett aus einer Bindung rausziehen und dann aber auch erwarten, dass man jederzeit wieder in diese Bindung neu reingehen kann, sehe ich heutzutage als problematisch.

Sarah Jane
34:46 – 35:14
Dann irgendwie dieses Idealisieren von Dingen, auf jeden Fall, auch von mir in der Beziehung. Ich glaube, wir haben uns beide sehr stark idealisiert am Anfang. Aber das ist halt auch keine gute Grundlage für eine Beziehung. Also vor allen Dingen nicht, wenn zwei Menschen Probleme haben, dann ist es wie wenn zwei ertrinkende Menschen versuchen würden, sich zu halten.

Sarah Jane
35:14 – 35:32
Das kann nicht funktionieren. Und irgendwie eine Beziehung sollte ja, glaube ich, eine Bereicherung sein für das Leben, habe ich gelernt, aber nicht der einzige Lebensinhalt. Weil sobald es der einzelne Lebensinhalt wird, sind natürlich auch Streitigkeiten viel immenser. Weil dann kommt dieses, ich kann ohne den anderen nicht leben, ich kann nicht mit, ich kann nicht ohne dich.

Sarah Jane
35:32 – 36:02
Und das bringt halt diese Schwere und diesen Schmerz halt auch mit rein. Und ich weiß, dass das alles Themen sind, die gerade in der Pubertät, so diese Extreme und Sturm und Drang, einfach sehr stark vorhanden sind und irgendwo vielleicht auch normal sind, dass man die so ein bisschen hat, gerade wenn man sich für Gothic und Metal interessiert. Aber ich würde jedem, jedem jugendlichen Menschen einfach nur empfehlen, sich da frühzeitig Unterstützung zu holen. Und da auch mit Menschen drüber zu sprechen.

Sarah Jane
36:02 – 36:19
Weil ich hab eine Therapie gemacht, ich mache seit 2013 Therapie. Habe jetzt erneut eine Traumatherapie angefangen. Bin da auf einem ganz guten Weg. Und hab dadurch erst mal erkannt, wie sehr mich das in meiner Beziehung und meinem Denken geprägt hat.

Nele und Sarah Jane
36:21 – 36:47
Kannst du denn sagen, inwiefern dich das Erlebte in deinen heutigen Beziehungen prägt, wenn man wirklich mal auf die Gegenwart schaut? Vielleicht gibt es da Zeiten oder Situationen, wo du das besonders merkst? Ich finde es irgendwie krass, dass keine Woche vergeht, in der es nicht Thema wird. Ich habe das Gefühl, dass dieser Schmerz geblieben ist, sich das Leben aber drum herum gebaut hat.

Sarah Jane
36:47 – 37:09
Und wir von seinen engeren Angehörigen sagen immer, es gibt ein Leben vor ihm und ein Leben jetzt nach ihm. Und das ist irgendwie komisch, weil 2013 hatte ich das Gefühl, das ganze Leben ist stehen geblieben, wie unter so einer Käseglocke. Ich hatte das Gefühl, ich bin eingefroren. Und dann habe ich irgendwie weitergemacht.

Sarah Jane
37:09 – 37:38
Und 2017 habe ich meinen jetzigen Partner kennengelernt und da hat das Leben wieder so Fahrt aufgenommen, aber nicht gänzlich. Irgendetwas von mir ist stehen geblieben. Ich habe ein unglaubliches Problem damit, mir eine Zukunft vorzustellen. Ich habe Probleme damit, Ja, Lebensträume zu haben, weil ich immer damit rechne, dass Dinge sich jeden Tag ändern können.

Sarah Jane
37:40 – 38:04
Ja, es geht wieder. Und ich komme nicht so gut mit dem Rückzug. Also, wenn sich mein Partner zurückzieht, weil er auch eher introvertiert ist, und dann irgendwie für einen Tag oder so schon nur sagt, er braucht Ruhe, glaube ich, muss dazu sehen und bekomme Angst und muss da auch dran umgehen, dass ich dann halt auch ihm die Freiheit lasse und nicht alles überanalysiere.

Sarah Jane
38:04 – 38:30
Also, ich habe auch so eine Fokussierung entwickelt auf Psychologisches, auf das Verstehen von Depressionen, dass ich jetzt irgendwie, glaube ich, meinen Partner küchentischpsychologisch komplett durchanalysiere, nur um auf jeden Hinweis zu achten, der vielleicht nochmal in diese Richtung geht. Das auf jeden Fall. Und die Leichtigkeit. Ich fand, mit 21 war die ganze Leichtigkeit weg.

Sarah Jane
38:30 – 38:58
Also nicht die ganze, aber es war schon so, dass jetzt jeder Moment sich viel kostbarer anfühlt. Ich meine, das hat auch was Positives. Aber dieses, uns gehört die Welt und wir sind jung, wir können alles machen, das war seitdem halt irgendwie nicht mehr da. Und das hat sich halt auch so weit ausgewirkt auf alle Bereiche, irgendwie Studium und Arbeit finden und alles, dass ich halt für alles etwas länger brauche und einfach therapeutisch bis heute noch sehr viel aufarbeite.

Sarah Jane
38:58 – 39:31
Aber ich merke, dass es leichter wird. Und dass es bei all dem Schmerz auch irgendwo eine Ressource ist, weil ich jetzt die Möglichkeit habe, ich arbeite in der Schule und ich weiß auch nicht warum, aber andere Menschen, die jetzt in einer ähnlichen Situation sind wie ich, öffnen sich mir und vertrauen sich mir an und ich kann jetzt ein bisschen die Person sein, die ich glaube ich damals gebraucht hätte irgendwie. und zu Hilfestellen vermitteln und Verständnis irgendwie entgegenbringen und hab da meine kleine Gothic-Gruppe, mit denen ich Dungeons & Dragons spiele in der Schule.

Sarah Jane und Julia
39:31 – 39:57
Und ja, das ist was Positives. Ich find’s aber krass, wie man noch immer merkt, wenn du jetzt erzählst über deine jetzige Beziehung und so, dass dieses Verantwortungsgefühl dich bis heute nicht loslässt. Also, weil … Also wir haben ja auch als Frage stehen noch, glaubst du überhaupt, dass du etwas hättest ändern können?

Julia
39:57 – 40:16
Also es ist ja auch immer dieses Hätte, hätte, Fahrradkette. Hätten wir dies, hätten wir jenes, dann wäre. Und in vielen Fällen ist es ja so, und das versuchen wir Angehörigen auch immer mitzugeben, nein, in vielen Fällen kannst du leider nichts ändern. Aber dieses Gefühl der Verantwortung, das bleibt ja oft trotzdem.

Julia
40:16 – 40:50
Das ist ja irgendwie, man kann sich das rational klarmachen, alles getan hat, vielleicht auch was in der eigenen Macht stand, gerade in den jungen Jahren. Du hast mit seinen Freunden gesprochen, du hast versucht, ihn zu unterstützen, aber irgendwann ist ja auch Ende. Aber dass ich es krass finde, wenn du sagst, dass du auch heute noch mit deinem jetzigen Partner am Küchentisch sitzt und dieses Verantwortungsgefühl nicht so ganz loslassen kannst, dass immer diese Sorge da ist und immer dieser Gedanke von, wenn ich jetzt aber so und so bin, dann passiert vielleicht nichts.

Julia und Sarah Jane
40:50 – 41:11
Oder wenn ich jetzt genau hingucke, dann passiert dem jetzt nichts oder wie auch immer. Und das finde ich gerade nochmal, das ist so das, was ich so sehr mitnehme, gerade, dass diese Verantwortung so bleibt. Das ist halt irgendwie, da muss sie auch, ich musste lange, ich habe jahrelang irgendwie daran gesessen, Ich habe jedes Gespräch analysiert, jeden Schritt. Ich habe gedacht, da hätte ich anders handeln können, das hätte ich anders machen müssen.

Sarah Jane
41:12 – 41:37
Ich hätte es verhindern können, ich hätte es verhindern müssen. Es hat lange gedauert, dass ich in der Therapie begreifen konnte, dass es nicht an einem perfekten Satz gelegen hat oder an einer Situation. D.h. wenn das Krankheitsstadium so weit fortgeschritten ist und es da keine eigene Einsicht gibt, sich Hilfe zu suchen, ich gar nichts hätte machen können.

Sarah Jane
41:37 – 42:14
Also was mir da auch geholfen hat, ich habe damals eine Selbsthilfegruppe auch besucht nach Fabians Tod mit seiner Mutter und da habe ich auch gehört, wie viele Angehörige sogar irgendwie Ich sage, ich weiß nicht, ob es Glück ist, aber sogar die Möglichkeit haben, bis hin zu dem Ort, wo es dann passiert, hinzugehen oder bis zum Schluss nochmal zu kommunizieren und all das ändert nichts. Wenn diese Entscheidung einmal getroffen ist, sagen ja selbst die Betroffenen manchmal, dass es sich anfühlt wie ein Zug, den sie nicht mehr steuern können. habe ich so weit akzeptiert, glaube ich, dass ich es nicht mehr…

Sarah Jane
42:14 – 42:28
Ich muss mich da immer noch mal daran erinnern, dass ich es nicht verhindern konnte. Aber klar, das mit der Verantwortung. Ich muss auch im schulischen Kontext immer wieder gucken, okay, bin ich noch in einer professionellen Position? Wo muss ich mich schützen, wenn es in so ähnliche Situationen mit Jugendlichen kommt?

Sarah Jane
42:28 – 42:39
Weil natürlich eine Stimme in mir sagt, das wird nie wieder passieren. Nie wieder wird ein Mensch, den ich liebe, wird das noch mal passieren. Und auch das kann ich natürlich nicht kontrollieren. Und was auch spannend ist, ist, dass…

Sarah Jane
42:39 – 43:03
Ich glaube, durch dieses Trauma, was mir widerfahren ist, suche ich mir aber auch ähnliche Menschen, die so sind, wie Fabian gewesen ist. Und das irgendwie vergleicht mein Therapeut immer so ein bisschen mit den Leuten, die im Krieg waren und zum Krieg zurückgehen als Soldaten. Ich habe sehr viele Freunde, die depressiv sind. Ich suche mir sehr oft Menschen, die emotional unnahbar sind.

Sarah Jane und Julia
43:03 – 43:38
Auch da kann ich nur allen raten, sich vorsichtig in dem Bereich zu verhalten und zu gucken, dass man nicht in so einen Loop reinkommt, dass man diese Erfahrung immer wieder macht. Einfach weil man dazu neigt, diese Verantwortung stets zu übernehmen. Das ist auch jetzt immer noch eine Aufgabe für mich, in der Therapie zu gucken. Ich finde aber auch ein guter Merksatz vielleicht für alle, die zuhören, dass man sich vielleicht auch manchmal, also es ist natürlich völlig in Ordnung, mit Menschen mit psychischen Erkrankungen befreundet oder zusammen zu sein, aber dass es auch schön ist, Menschen im Umfeld zu haben, wo man diese Verantwortungsgefühle

Julia und Sarah Jane
43:38 – 44:16
manchmal weniger spüren muss und wo es auch andere Wege geben kann, aus Mustern auszubrechen. Natürlich, was aber gut war, war, dass dieser Freundeskreis, den ich zum Beispiel jetzt habe, dass ich offen über diese Sachen, also nicht währenddessen, aber nach seinem Tod offen darüber reden konnte und auch offen trauern konnte. Und dass die, ich sag jetzt mal normalen, was weiß ich, aber die Menschen, die keine psychologischen Erkrankungen oder Belastungen haben, oft dieses Thema sehr stark meiden. Selbst wenn ich nicht darüber rede, sie war mit einem zu jemandem zusammen, der depressiv war und der dann halt verstorben ist, schreckt die Menschen so sehr ab, dass sie mich in einem anderen Licht sehen, weil sie sich mit dieser Thematik nicht auseinandersetzen wollen.

Nele
44:17 – 44:50
Ich würde gerne an das anknüpfen, was du eben gesagt hast, auch zu diesem Thema Verantwortung, weil ich glaube, das kennen echt eine Vielzahl von Angehörigen, dass man sich von so einem Verantwortungsgefühl nicht so ganz frei machen kann. Gibt es etwas, dass du jungen Menschen, die das jetzt vielleicht hören, sagen möchtest, die gerade ähnliche Erfahrungen gemacht haben oder sie machen? Was würde ich den jungen Menschen raten? Alles möglich.

Sarah Jane
44:50 – 45:18
Sucht euch Menschen, denen ihr vertraut, mit denen ihr offen darüber reden könnt. Behaltet so ein Geheimnis nicht für euch, sobald es etwas ist, wo es um wirklich Fremd- oder Eigengefährdung geht. Sollten solche Geheimnisse nicht von einer Person getragen werden, das habe ich jetzt auch in meinem Freundeskreis schon seit Jahren etabliert, sucht euch ein paar Freunde, das muss jetzt nicht irgendwie die Runde in der ganzen Schule machen, aber guckt, dass ihr als Gruppe, dass mehrere Menschen einfach eine Person im Blick haben.

Sarah Jane
45:19 – 45:43
Und das könnt ihr der Person auch sagen. Versuche dann der Person zu sagen, hey, ich mache mir Sorgen, gerade weil ich mit dir befreundet bin oder gerade weil ich dich lieb habe oder dich liebe, möchte ich, dass es dir gut geht. Glaube ich auch, dass du möchtest, dass es mir gut geht. Und gerade deswegen kann ich diese Last nicht für mich behalten und das nicht alleine tragen.

Sarah Jane
45:43 – 46:04
Du bist auch nicht alleine mit deinem Problem. Wir können das gemeinsam tragen. Ich glaube, das hilft dann sowohl der Person, die betroffen ist, als auch einem selber zu wissen, dass man das nicht mit sich selbst ausmachen muss. Und wenn es gerade niemanden gibt, irgendwie einen besten Freund oder jemanden, mit dem man sprechen kann, dass man sich anonym vielleicht erstmal Hilfe sucht.

Sarah Jane
46:04 – 46:33
Bei diesen Stellen, das wusste ich nämlich auch nicht, es gibt voll viele psychologische Stellen, auch vom Jugendamt für junge Menschen, auch Jugendberatungen, bei denen man auch anonym anrufen kann, bei denen man sagen kann, ich bin in einer Situation, mein Partner sagt die und die Dinge oder die und die Sachen passieren. Und dann kann man sich beraten lassen, ohne dass irgendwelche Schritte folgen, also ohne, dass direkt die Polizei bei der Person vor der Tür steht oder irgendwas Schlimmes passiert. Natürlich sollte es zu aktuellen Drohungen kommen.

Sarah Jane
46:33 – 47:17
Und man macht sich wirklich Sorgen, kann nicht nur jedem empfehlen, wirklich den Krankenwagen zu rufen, dass die dann halt vorbeikommen. Und das ist dann auch kein Verpetzen, weil letztendlich ist es halt irgendwie die Verantwortung, die jeder von uns dann wirklich, das ist so der Bereich, in dem es dann wirklich ist, den Krankenwagen zu rufen und alles andere dann den Fachkräften zu überlassen und sich auch selber zu schützen. Ich kann nur empfehlen, irgendwie zu gucken, dass man, wenn man dann älter vielleicht ist, schon zu Angehörigengruppen geht und sich da mit anderen Menschen verbindet und sich selbst psychologische Hilfe sucht als angehörige Person, weil es ist unglaublich kräftezehrend. mit jemandem zusammen zu sein, der depressiv ist, der im Alltag immer weniger Kraft hat, immer mehr Freude hat.

Sarah Jane
47:17 – 47:48
Vor allen Dingen, wenn man in jungen Jahren irgendwie da noch sehr vieles auf sich selbst bezieht, dass man da mit einer professionellen Kraft das anspricht. Und diese professionelle Kraft ist ja auch wieder zur Verschwiegenheit verpflichtet. Die wird das dann auch nicht irgendwie den Eltern oder sonst wem erzählen. Also, dass man irgendwie weggeht von diesem Wir gegen den Rest der Welt oder zumindest erweitert hin zu nicht der Partner und ich, sondern wir als Gemeinschaft, wir als Gruppe gegen die Krankheit, also gegen dieses Problem irgendwie für ein glückliches gemeinsames Leben.

Julia
47:51 – 48:10
Mega Ende, Sarah-Jane. Also wirklich ganz tolle Appelle, die du da noch mal gesagt hast. Und wir verlinken natürlich auch noch mal gerade Adressen für Jugendliche in den Shownotes. Und auch Sarah-Jane, wenn du da ein, zwei Tipps für uns hast, nehmen wir die gerne an.

Julia
48:10 – 48:40
Wir hoffen, dass das dem einen oder anderen geholfen hat, der vielleicht mit suizidalen Menschen zu tun hat, sich weniger allein zu fühlen, auch um sich zu kümmern, sich auch Hilfe zu holen und dass man das, wie du so schön gesagt hast, gemeinsam trägt und nicht wie gegen den Rest der Welt, weil das kann leider in manchen Fällen ganz, ganz übel enden. Sarah Jane, wir danken dir sehr, dass du da warst. Es war eine wahnsinnig bewegende Folge.

Julia und Nele
48:40 – 49:05
Ich habe die ganze Zeit Gänsehaut. Und ich bin sehr froh, dass du uns so viele Einblicke in diese Zeit gegeben hast und dass du jungen Menschen Mut machst, einen anderen gesunden Umgang, gesünderen Umgang mit solchen Themen zu finden. Danke für das Vertrauen, das du uns entgegengebracht hast, Sarah Jane. Und wir verabschieden uns dann für heute.

Julia
49:07 – 49:22
Das war Unerhört Nah, der Podcast für Angehörige psychisch erkrankter Menschen. Dies ist ein Projekt des BAPK mit Unterstützung der Baumer Krankenkasse. Hört nächstes Mal wieder rein, wenn wir mit Menschen sprechen, die verdammt nah dran sind.

Der Podcast „Unerhört nah“ wird gefördert durch

#verdammtnahdran

Nach oben scrollen