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Mehr InformationenIn der achtzehnten Folge ist Nora zu Gast. Sie steht dem Begriff „Angehörige*r“ mit gemischten Gefühlen gegenüber und tut sich schwer damit, ihn für sich selbst zu verwenden. Obwohl sie familiär betroffen ist und sich auch beruflich mit dem Thema beschäftigt, bleibt die Selbstbezeichnung für sie kompliziert.
Wir sprechen darüber, warum sie das Gefühl hat, „nicht genug Angehörige“ zu sein. Unter anderem, weil es in ihrer Familie keine klare Diagnose gibt. Gleichzeitig beschäftigt sie die Frage, ob sie durch ein persönliches Outing nicht auch ihre Familienmitglieder sichtbar machen würde, die vielleicht gar nicht gesehen werden möchten. Gleichzeitig stellt sich für sie die Frage, was es bedeuten würde, sich öffentlich als Angehörige zu zeigen und welche Auswirkungen das haben kann.
Wann ist man eigentlich Angehörige*r? Wie eng oder weit sollte dieser Begriff gefasst sein? Und welche Rolle spielen dabei Unsicherheiten und die Angst vor Stigmatisierung?
Gemeinsam diskutieren wir, warum es schwerfallen kann, sich als Angehörige oder Angehöriger zu bezeichnen und ob der Begriff an Klarheit verliert, wenn ihn viele unterschiedlich für sich nutzen. Nora gibt Einblicke in ihren persönlichen Umgang damit und erzählt, warum sie ihren eigenen Bezug oft ausklammert, obwohl sie sich gleichzeitig für das Thema engagiert.
Weiter unten findest du einen Themenüberblick (inkl. Zeitstempel) und das Transkript der Folge.
Weiterführende Links:
Chatberatung PEER4U:
https://www.portal-junge-selbsthilfe.de/online-angebote/chatberatung-peer-for-you/
Selbsthilfegruppen finden im Selbsthilfenetz:
https://www.bapk.de/angebote/selbsthilfenetz-psychiatrie.html
Unsere Jugendbroschüre:
https://www.bapk.de/publikationen/produkt/psyche-was-geht.html
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Falls du direkt zu einem Thema in der Folge springen möchtest:
02:48
Thema Identifikation. Warum es schwerfallen kann, die Bezeichnung Angehörige*r für sich selbst zu verwenden.
06:47
Thema Stigmatisierung und Raum nehmen. Wir sprechen mit Nora darüber, ob eine Angst vor Stigmatiserung sie davon abhält, sich angehörig zu nennen oder ob sie anderen Angehörigen nicht den Raum nehmen möchte.
15:04
Thema „Outing” als Angehörige. Wenn man sich selbst als angehörig outet, wird die betroffene Person ebenfalls indirekt geoutet. Wird dadurch die Privatsphäre der betroffenen Person verletzt, weil sie zwangsläufig in Beziehung zur eigenen Angehörigkeit gesetzt wird?
21:49
Thema Ein Begriff, viele Perspektiven. Der Begriff „angehörig” klingt sperrig, meint Nora. Das ist jedoch nicht der einzige Diskussionspunkt: Die Frage ist auch, ab wann man sich so bezeichnen „darf” und ob der Begriff zu verwässern droht, wenn ihn zu viele Personen ihn als Betitelung für sich beanspruchen?
Transkript der Folge
Nele
00:08 – 00:30
Herzlich willkommen bei unerhört nah, dem Podcast des Bundesverbandes der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen. Wir, das sind einmal ich, Nele, und ich, Julia, sprechen offen mit verschiedenen GästInnen über die Erfahrungen und Herausforderungen von Angehörigen psychisch erkrankter Menschen. Erlebt mit uns, was es heißt, unerhört nah dran zu sein.
Julia
00:32 – 01:00
Hallo und herzlich willkommen zu unserer 18. Folge von Unerhört nah, dem Podcast für junge Angehörige. Und heute haben wir mal ein ganz neues Thema, was wir so noch gar nicht besprochen haben, weil es gar nicht so um persönliche Geschichten geht, sondern es geht viel eher auch um die Positionierung von Angehörigkeit. Also warum will man sich so nennen? Warum will man sich vielleicht auch nicht so nennen?
Und warum ist der Begriff vielleicht auch sperrig oder schwierig für einige? Und da freue ich mich sehr, dass wir heute hier sind, Nele. Hi Nele.
Nele
01:01 – 01:26
Hallo Jule und hallo Nora. Ich freue mich sehr auf die heutige Folge, weil ich das auch ein sehr spannendes Thema finde. Ich hatte da nämlich auch längere Zeit Schwierigkeiten mit, mich mit diesem Begriff so zu identifizieren oder damit was anzufangen und bin sehr gespannt, da heute mal mit dir in den Austausch drüber zu gehen, Nora. Und ja, stell dich doch gerne einfach mal vor.
Nora
01:26 – 02:48
Ich bin selbst im Kontext von Psychiatrie und Psychotherapie beruflich tätig und auch angehörig und in meiner Familie sind konkret meine Eltern auch im Psychiatrie- und Psychotherapie-Kontext tätig, weshalb genau dieses Thema der Positionierung als Angehörige für mich immer so eine Gratwanderung ist, je nach Person, mit der ich mich austausche, je nach Raum, in dem ich mich bewege. Und das hat auch private Hintergründe, warum es mir manchmal selbst schwerfällt mich der Gemeinschaft der Angehörigen zum Beispiel zugehörig zu fühlen oder mich so zu bezeichnen, weil ich auch ehrenamtlich in der Angehörigenbewegung mal mehr, mal weniger tätig war und bin und da auch eben manchmal das Gefühl habe, darf ich jetzt überhaupt hier sein oder gehöre ich dazu, kann ich mit meinen Themen hier überhaupt ankommen, wenn ich manchmal den Eindruck habe, dass die Themen der anderen da doch nochmal anders sind und ob ich da genau so viel zu sagen kann und darf.
Julia
02:48 – 03:27
Das ist, finde ich, schon mal eine gute Einordnung auf jeden Fall. Und auf all das versuchen wir heute nämlich einzugehen. Danke für deine Vorstellung, Nora. Deswegen würde ich direkt mal mit der ersten Frage starten. Und zwar der Begriff Angehörig, hast du ja gerade auch schon anklingen lassen, war für dich lange Zeit nicht so wirklich ein Identifikationsmerkmal, sagst du.
Kannst du vielleicht ein bisschen darauf eingehen, was es dir so schwermacht, dich da irgendwie mit zu identifizieren? Oder willst du das vielleicht gar nicht für dich annehmen? Kannst du es nicht annehmen? Was sind da so deine Gedanken und Gefühle?
Nora
03:28 – 04:20
Ich glaube, das hat vor allem was mit meinem Aufwachsen zu tun, weil ich erst relativ spät auf den Begriff und die ganze Bubble der Angehörigen gestoßen bin. Als Kind meiner Eltern habe ich das Thema quasi schon immer auf dem Küchentisch gehabt, aber eben eher aus der sozusagen Fachpersonenperspektive. Und die hat mich natürlich sehr geprägt. Also das waren viele Geschichten, die ich so mitbekommen habe und dadurch auch ein Interesse für den Themenbereich Psychiatrie und Psychotherapie entwickelt habe und durch betroffene Familienmitglieder aber dann eben auch immer wieder das schwierig fand mich selbst jetzt als Angehörige zu sehen, weil ich so schnell diese Perspektive meiner
Eltern im Kopf hatte und Ich habe mich da immer so ein bisschen zwischen den Stühlen gefühlt, was mir später in der Angehörigenbewegung auch geholfen hat, weil ich da auch häufig das Gefühl hatte, dass die Gräben so groß sind zwischen Angehörigen und Fachpersonen Betroffene und Angehörige eher weniger. Die halten ja viel zusammen, was auch wichtig ist. Aber ich habe mich da oft so gefühlt, dass ich die Perspektive der Fachperson nochmal aus meinem privaten familiären Kontext vielleicht ein bisschen anders eingeordnet habe. Das war manchmal hilfreich, weil ich auch irgendwie so ein bisschen vermitteln konnte und manchmal fand ich das schwierig, weil ich eben die Perspektive von Angehörigen nicht so nachvollziehen konnte.
Nora
05:12 – 06:47
Das hat auch was damit zu tun, dass ich keine Erfahrung damit habe, meine angehörigen Familienmitglieder in Kliniken zum Beispiel besucht zu haben oder eben da so eine Klinikerfahrung gemacht habe, die ja in dem Themenfeld häufig besprochen wird. Und da konnte ich einfach nicht so viel teilen. Genau. Und was ich auch schwierig finde, ist, wenn Angehörige, also meine Angehörigen, meine Familie oder auch Freundschaften oder Partnerschaften, wenn die zum Beispiel gar nicht in der Behandlung sind, oder keine Diagnose vorliegen haben, wie kann ich mich dann als angehörig bezeichnen, wenn aber doch ich immer wieder merke, dass
das Thema auch einen gewissen Leidensdruck bei mir hervorruft oder eben auch mich beschäftigt. Ich glaube, das ist so das, was es mir schwierig macht, mich zu identifizieren als nur Angehörige, weil wir ja auch generell als Menschen mehr sind als nur unser Beruf oder unsere Ausbildung oder unsere Hobbys. Und genau, ich glaube, dieser Begriff, den habe ich manchmal so als eine Einschränkung oder eine Schublade verstanden, auch weil man ja manchmal auch so behandelt wird, als wäre man als Angehöriger, als wäre ein Angehörige so eine homogene Gruppe, die sie ja gar nicht sind.
Julia
06:47 – 08:04
Das sind super viele sehr spannende Gedanken, finde ich, gerade auch aus unserer Bubble, weil wir das ja ganz anders leben in unserem Verbandsleben, dass wir ja gerade uns damit identifizieren und das auch nach außen tragen. Ich finde den Gedanken, den du angebracht hast, auch super spannend. Ab wann ist man überhaupt angehörig? Weil wir natürlich immer versuchen, nach außen zu bringen. Wer sich angehörig fühlt, ist auch angehörig.
Also wenn ich belastet bin von jemandem, der oder Impact mitbekomme von jemandem, der eine psychische Erkrankung hat, dann darf man sich auch als angehörig betiteln. Finde aber den Gedanken super spannend, das auch nochmal vielleicht zu hinterfragen und zu sagen, ist das überhaupt mein Ding? Irgendwie fühle ich das wirklich so? Und was uns da aber auch interessieren würde, weil es einfach was ist, was wir immer wieder erleben, dass auch die Betitelung Angehörigkeit, du hast ja gerade auch gesagt, man ist mehr als nur Angehörig, auch zu einer Stigmatisierung
bringen kann, entweder von sich oder auch von den Familienmitgliedern, von den Angehörigen eben, die irgendwie davon mit betroffen sind. Hattest du da auch Angst vor oder hast du da Angst vor? Ist das für dich überhaupt ein Thema?
Nora
08:04 – 09:16
Das finde ich eine spannende Frage, weil ich das auch häufig so erlebe, aber selbst habe ich keine Angst vor der Stigmatisierung.
Ich würde sagen, es ist eher ein bisschen, ich weiß nicht, ob das umgekehrt ist, aber es geht eher bei mir auch viel um so eine Daseinsberechtigung in der Gemeinschaft. was ich auch schon angesprochen hatte, mit den Diagnosen. Manchmal habe ich das Gefühl, in meinem Kopf ist so eine Stimme, die sagt, nee, also wenn jetzt keine harte, in Anführungszeichen, Diagnose vorliegt, dann bist du ja gar nicht angehörig so sehr oder so krass. Ich denke, Nehme ich da einen Platz weg oder gehe ich in Räume rein, in die ich vielleicht gar nicht gehöre oder wo ich vielleicht auch störe, weil meine Geschichten gar nicht so in Anführungszeichen hart sind wie die von anderen.
Also die Angst vor Stigmatisierung ist bei mir gar nicht so drin, sondern eher, dass ich denke, nehme ich einen Raum weg.
Nele
09:16 – 10:56
Das finde ich ist ein sehr interessanter Punkt und da kann ich dir sagen, so ging es mir auch. Also ich habe auch relativ spät erst für mich diesen Begriff gefunden und mich dieser Gruppe dann so untergeordnet oder mich zugehörig gefühlt. Und es gab mal eine interessante Situation, als ich in einer Selbsthilfegruppe war und dort auch andere Angehörige saßen, die dann ihre Geschichten vom Stapel gelassen haben und ich dachte, wow, das ist echt zum Teil ganz schön krass und da liegen bei den jeweiligen Betroffenen richtig einschlägige Diagnosen vor.
Ich halte jetzt hier erstmal hinterm Berg mit meiner Geschichte, weil in meinem Fall zum Beispiel die betroffene Person auch keine Diagnose hat. Die habe ich mir selbst in Verbindung mit anderen so ein bisschen gedacht und habe das jetzt für mich auch so festgestellt, dass da auf jeden Fall irgendwas nicht stimmt, dass die Person erkrankt ist. Aber das hat es für mich auch am Anfang schwierig gemacht, mich so da einzuordnen. Ich hatte das jetzt nicht so wie du, dass ich dachte, ich nehme da einen Raum weg unbedingt, aber ich dachte, es gibt vielleicht Leute, die es jetzt noch mal eher brauchen.
Ich warte jetzt mal ein bisschen ab, ich nehme mich etwas zurück. Und ich finde, das ist sehr wichtig, dass wir dann mal darüber sprechen, weil jeder, der sich so fühlt, der sich belastet fühlt, der hat ein Recht, sich angehörig zu nennen. Das, finde ich, ist wirklich sehr, sehr wichtig und deshalb auch wirklich toll, dass wir mal darüber sprechen, weil ich glaube, dass es vielen anderen vielleicht auch so geht.
Julia
10:56 – 12:05
Auf jeden Fall. Also weil bei mir ist es ja eher sogar anders. Also ich bin damit sehr safe, mich so zu nennen und merke aber gerade, also dadurch, dass wenn ich dann sowas von dir höre, Nora zum Beispiel, wo du eben sagst so, boah, weiß ich gar nicht so genau, ob ich dann so angehörig bin. Die Frage habe ich mir quasi nie gestellt. Für mich war das immer so ganz transparent irgendwie und vielleicht auch, weil es oft sehr offensichtlich war, dass es das auch erleichtert hat.
Ja, aber ich finde das irgendwie so, ich habe noch nie darüber nachgedacht, dass es vielleicht auch einen Zeitpunkt geben könnte, wo ich mich nicht so identifizieren kann oder will. Auch zum Beispiel, und das finde ich auch ein Punkt, den hatten wir im Vorgespräch angesprochen und den möchte ich gerne hiermit aufgreifen, auch im Gespräch mit anderen Personen, dass man ja quasi durch sein eigenes Outing dann, also durch die Tatsache, dass man sagt, ich bin angehörig, auch ja immer sich in Relation mit einer betroffenen Person setzt. Und da fände ich mal spannend, nochmal deine Gedanken zuzuhören, Nora, wie du das für dich einordnest.
Nora
12:06 – 12:45
Ja, ich finde das auch. Ich finde diese Erfahrung, von denen du gerade erzählt hast, Nele, wenn man in den Austausch mit anderen geht, das ist, glaube ich, diese Hürde, die ich irgendwann dann überwunden habe, die es mir sehr viel leichter gemacht hat, mich dann eben auch als Angehörig zu bezeichnen. Und das war letztlich die Gemeinschaft. Die Angst davor, nicht Teil zu sein, nicht berechtigt zu sein, ein Teil dieser Gemeinschaft zu sein, die zu überwinden und in das Gespräch zu gehen, das hat total viel losgelöst, weil eben der Austausch mit anderen dazu geführt hat, dass man sich ja auch auf einer emotionalen Ebene begegnet.
Und natürlich geht es auch oft dann um Geschichten von, wie du eben meintest, mit einschlägigen Diagnosen, aber das, was darüber steht, drunter steht, irgendwie immer mitschwingt und am Ende eigentlich auch die Gespräche ausmacht, sind ja die Erfahrungen, die wir als Angehörige machen. Und die, finde ich, sind häufig ähnlich auf so einer emotionalen Ebene. Und da habe ich viel so Unterstützung erfahren, wenn auch die Hintergrundgeschichte eine ganz andere ist, dass man sich gegenseitig fängt, zuhört, bestärkt, auch Tipps gibt. Und diese Tipps für Angehörige, fand ich, waren irgendwie immer diagnoseunabhängig.
Nora
13:35 – 14:29
Also, dass man um sich selbst, für sich selbst sorgt, sich um sich selbst sorgt, dass man schaut, wo kann man unterstützen, wie kann man sich abgrenzen. Das sind alles Themen, die alle Angehörigen betreffen, diagnoseunabhängig. Und das war so für mich der Knackpunkt, wo ich mich mehr getraut habe, irgendwie in diese Richtung und in diese Gemeinschaft zu gehen. Es war tatsächlich auch während einer ehrenamtlichen Tätigkeit, da war ich aber auch schon so halb in diesem beruflichen Kontext und hatte in dem Austausch mich oft so, ich würde sagen, so ein bisschen gescripted und sehr professionell positioniert, bis dann eben die Leute, mit denen ich gesprochen habe, bis
wo die sich dann emotional so geöffnet haben und ich gemerkt habe, Moment, ich kann zu dem Thema selber auch ganz viel sagen. Es ist ja gar nicht so, dass ich hier nur stehe, um irgendwie was zu vermitteln und anderen zu helfen, sondern durch meine eigene Geschichte und durch meine Empathie, die ich mit den anderen empfinde, die empfinde ich ja nicht nur, weil ich empathisch bin, sondern weil ich das nachvollziehen kann. Und genau, das hat mir total geholfen und das hat eben dann auch ganz viel losgelöst.
Also so bin ich auch dann mehr in das Thema gekommen.
Julia
15:04 – 15:35
Und quasi daraus resultierend ist ja aber auch, hast ja auch eben gesagt, es gibt jetzt Momente, da outest du dich sozusagen als Angehörige, gerade wenn du im Kontext anderer Angehöriger bist. Es gibt aber auch Momente, da machst du das noch immer nicht und du hast im Vorgespräch auch gesagt, das hat auch durchaus was damit zu tun, dass man ja auch dann immer in Relation zu einer erkrankten Person sozusagen dir mitoutet. Also selbst wenn man nicht sagt, wer es ist, ist ja damit klar, es gibt irgendwo im Umfeld eine psychisch erkrankte Person.
Und das finde ich auch einen ganz spannenden Gedanken, den wir auch im Podcast mit Lucia schon genauer besprochen haben. Deswegen war sie ja da. Aber du sagst, für dich hat das eben auch was damit zu tun, ob du dich jetzt angehörig nennst oder nicht. Kannst du das nochmal ein bisschen ausführen vielleicht?
Nora
15:53 – 18:32
Das Outen als Angehörige, also das finde ich einen schönen Begriff, den du da dafür verwendet hast, weil genau, man outet ja irgendwie dann auch noch eine andere Person oder im Zweifelsfalle mehrere. Und ich habe eure Folge mit Lucia auch gehört und fand das total spannend, was sie gesagt hat. dass man, wenn man über die eigenen Erfahrungen als Angehörige spricht, auch immer irgendwie über eine andere Person mitspricht. Und die Frage, inwiefern bin ich berechtigt dazu?
Wo verletze ich die Privatsphäre dieser Person? Ist sie damit einverstanden? Darüber hatte Lucia viel gesprochen. Mir geht es auch dabei manchmal darum, dass ich denke, Was du auch gerade gesagt hast, Nele, wenn jemand jetzt keine Diagnose zum Beispiel vorliegen hat, du aber sagst, naja, ich habe mir das so erschlossen, darf man das denn überhaupt?
Also da kommen dann, glaube ich, wieder so meine Kindheitserfahrungen mit Fachpersonen in den Hintergrund, in den Vordergrund, dass ich denke, na, ich bin ja keine Psychotherapeutin, ich bin keine Psychiaterin, ich kann doch jetzt hier nicht einfach eine Diagnose für jemanden stellen. Und das, finde ich, ist auch so ein Balanceakt, den man oft hat in diesen Kontexten, wenn man sich mit anderen Angehörigen austauscht. Natürlich geht es auch vordergründig viel um das eigene Leiden und die eigenen Erfahrungen. Aber Kontext ist trotzdem wichtig und dann eben zu erzählen, was man erlebt hat, ist ja auch immer aus der eigenen subjektiven, also aus der subjektiven Perspektive.
Und genau, das ist irgendwie was, was ich durchaus schwierig finde und auch nicht unbedingt immer teilen. möchte. Ich finde auch tatsächlich, dass manchmal so eine Art Voyeurismus bei anderen mitschwingt. Das heißt, wenn ich mich oute, wie du das gerade gesagt hast, Julia, dann ist das total kontextabhängig und nicht nur Kontext im Sinne von bin ich jetzt gerade beruflich tätig oder ehrenamtlich oder in einem privaten Kontext, sondern auch welche Person steht gerade vor mir, wie sicher fühle ich
mich mit dieser Person. Wie sicher möchte ich vielleicht auch, dass die Person sich mit mir fühlt? Und geht es jetzt gerade wirklich darum, meine Story rauszuhauen und zu erzählen, was ich gesehen habe, was ich erlebt habe, wo eine andere Person gecracked ist? Muss das wirklich geteilt werden?
Nora
18:32 – 20:25
ist das gerade nicht relevant. Also das kann auch im Kontext von Angehörigkeit, finde ich, wichtig sein, dass man sagt, es geht jetzt gerade nicht darum zu erzählen, was passiert ist, sondern wir können uns als Menschen begegnen und füreinander da sein, ob das eine Episode war, die mich immer noch beeindruckt, die mich immer noch beschäftigt oder ob es vielleicht ein neues Thema ist, was gerade aufgekommen ist und vielleicht auch gar nichts damit zu tun hat, dass ein Familienmitglied von mir betroffen ist und mich das irgendwie meine Kindheit geprägt hat oder so, sondern Vielleicht auch einfach, weil ich gerade unter dem Druck meines Partners leide, den er vielleicht oder sie auch erlebt in der Erkrankung oder so.
Und wenn es dann immer um diese eine Geschichte der Angehörigkeit geht, die einen geprägt hat, dann wird das dem irgendwie auch nicht gerecht. Genau, aber es ist total kontextabhängig und tatsächlich muss ich auch sagen, dass ich das beruflich eben manchmal auch einsetze, wenn es hilfreich ist. Also wenn ich die Person erreichen möchte, dann ist es eben manchmal wichtig, sich auch auszuziehen und sich zu begegnen und eben auch sich verletzlich zu zeigen. Und manchmal aber eben auch nicht.
Und manchmal muss ich mich da gerade im beruflichen Kontext auch schützen. Und die Stigmatisierung, von der du gesprochen hast, die ist einfach schon da und ich bin mir dessen bewusst, ich habe davor keine Angst, aber ich muss manchmal auch einschätzen, wie die Person, in welche Schublade sie mich dann steckt und dann teile ich es vielleicht nicht.
Julia
20:26 – 20:48
Voll, ja.
Also finde ich wirklich super spannende Gedanken, weil ich glaube, da können vielleicht auch andere Angehörige so ein bisschen was von lernen Also sich auch zu hinterfragen, wann spreche ich das an, in welchen Kontexten, wann schütze ich mich auch selber vielleicht wirklich damit, es mal nicht zu erzählen oder auch andere Personen und so weiter. Also finde ich ganz, ganz spannende Gedanken.
Nele
20:48 – 21:49
Du hast ja eben einmal ganz kurz angesprochen, dass es ja nicht auch nur unbedingt diese eine Geschichte gibt, die einen vielleicht auch angehörig, also zu einer angehörigen Person macht, die man dann vielleicht auch immer und immer wieder erzählt, sondern es gibt natürlich auch noch verschiedene angehörigen Perspektiven und Positionen.
Also man zählt ja nicht nur Familienmitglieder dazu, man zählt auch PartnerInnen dazu, beispielsweise befreundete Personen. Also es ist ja wirklich auch sehr breit aufgestellt und da haben wir uns jetzt tatsächlich auch schon öfter die Frage gestellt, Ich habe auch keine gute Antwort dafür gefunden, ob dadurch auch dieser Begriff vielleicht so ein bisschen verwässert, wenn man sagt, naja, im Grunde ist jede Person von uns irgendwie so ein bisschen angehörig. Also es gibt jetzt vielleicht diese eine Geschichte oder prägnante Erfahrung, die man damit gemacht hat, aber wenn man sich mal so umschaut, im näheren oder auch im weiteren Umfeld kann man diesen Begriff ja auch noch irgendwie ausweiten und auch vielleicht noch auf weitere Personen beziehen.
Nele
21:49 – 22:11
Und da haben wir uns dann auch so die Frage gestellt, ob der dadurch vielleicht auch in gewisser Weise an Bedeutung verlieren könnte, ob das dann gegebenenfalls auch die eigenen Geschichten abmildert, obwohl es gar nicht so unbedingt passieren sollte. Ja, finde ich auch spannend. Denkst du, das hat auch so ein bisschen was damit zu tun?
Nora
22:11 – 22:47
Ja, total.
Also ich finde einmal auf so einer sprachlichen Ebene den Begriff Angehörig, Angehörige oder Angehörige ist auch irgendwie sperrig. Ich habe auch keine bessere Lösung. Ich sage meistens An- und Zugehörige. Weil eben in der Bubble, sage ich mal, das häufig auf Familien oder Partnerschaften bezogen wird, ganz häufig Familien, weil das eben Leute sind, die am nächsten dran sind oder vermeintlich am nächsten dran sind.
viel auch an Care-Arbeit und ja auch an so bürokratischen Fragen häufig beantworten müssen. Ich finde aber in Freundschaft, also ich bin an meinen Freundschaften manchmal näher dran als an meiner Familie und deswegen finde ich die Erweiterung des Begriffs schon sehr wichtig, eben weil sich ja auch viele Leute nicht angesprochen fühlen, genauso wie ich das ja auch lange nicht getan habe, dass wir auch diese Menschen mitnehmen können und dass wir sie mit in unsere Gemeinschaft quasi nehmen können, weil auch, das ist in der ehrenamtlichen Tätigkeit, habe ich das auch mitbekommen, dass ich dachte, naja, wenn KlassenkameradInnen betroffen sind, psychisch erkrankt, dann ist man doch auch irgendwie zugehörig, wenn man mit dieser Person fünf Tage die Woche im besten Falle noch daneben sitzt in der Schule, dann kriegt man da doch ganz schön viel mit und das macht auch was mit einem.
Und gleichzeitig sehe ich aber eben auch diese Schwierigkeit, Begriffe immer weiter aufzumachen und dadurch auch zu verwässern, wie du schon gesagt hast. Die Abgrenzung ist ja auch ganz häufig wichtig zwischen den Angehörigen und den Betroffenen als nicht als Gegenpole, aber als unterschiedliche Erfahrungen, während es da ja auch Überschneidungen gibt. Ganz klar, irgendwie ist es ganz oft so, dass Menschen, die halt angehörig sind, auch selber vielleicht erkranken oder genau, irgendwie mal in eine Therapie gehen oder so. Und dann, wie weit will man es aufmachen?
Also da finde ich zum Beispiel das schon auch wichtig, dass man da die Themen immer wieder trennt. Aber was ich schon schön finde, ist, was du, Julia, gesagt hast, wenn man sich angehörig fühlt, dann ist man das. Und dass man den Begriff als eine Selbstbezeichnung wahrnimmt und nicht als etwas, was Wie das, was mich eben lange daran gehindert hat mit meinen Eltern als Fachperson, dass es irgendwie was ist, wofür man einen Stempel braucht, wofür man eine Klinikaufnahme braucht, wofür man das Okay von einer Fachperson braucht, die sagt, okay und jetzt bist du angehörig, herzlich willkommen.
Weil das, was ich eben auch selbst erlebt habe und auch viel gehört habe, ist, dass ganz viele Leute sagen, hätte ich das mal früher gewusst, hätte ich das mal vor drei Jahren gewusst, vor vier Jahren, vor fünf Jahren, dass es so was gibt wie Angebote auch für Angehörige, wie Selbsthilfegruppen. Und nicht erst, als mein Familienmitglied in der Klinik gelandet ist und ich dann den Flyer irgendwie in die Hand gedrückt bekommen habe, im besten Falle so. Und genau deshalb ist es vielleicht auch wichtig, Begriffe ein bisschen weiter zu machen und ein bisschen einfacher zugänglich zu machen für mehr Menschen, damit die Leute auch abgeholt werden können.
Nele
25:59 – 27:15
Ja, sorry. Ich wollte nur sagen, damit auch die Verantwortung einfach kollektiver wahrgenommen wird. Und ich meine, wem steht es jetzt zu, also steht es Angehörigen zu, zu sagen, du bist jetzt aber nicht angehörig und du bist es, also wer kann das überhaupt entscheiden, ob man sich so fühlen kann oder nicht? Eben, weil es eine gefühlte Angelegenheit ist.
Gerade deshalb finde ich es auch total schwierig. Und ich würde grundsätzlich auch eher es nicht als etwas Negatives sehen, wenn man es ausweitet oder wenn sich mehr Leute als angehörig bezeichnen würden. Ich glaube, man muss einfach einen Zugang zu diesem Begriff auch bekommen, was das eben bedeutet, auch angehörig zu sein. Und ich denke schon, das ist heilsam.
sein kann, wenn man sich einer Gruppe zugehörig, angehörig fühlt, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie man selbst und in deren Rahmen man sich sicher fühlt und da wirklich auch einfach über das Erlebte anders sprechen kann. Und ich denke, je größer diese Gruppe ist, umso mehr Verantwortung kann dann eben auch und mehr Care-Arbeit für diese Angehörigen auch übernommen werden, dass die eben mehr Sichtbarkeit bekommen. Deshalb finde ich das persönlich sehr wichtig.
Julia
27:15 – 28:40
Ich merke da immer so, ich finde das super spannend eben, diese Abgrenzung auch zu ziehen, weil, wie du sagst, Nora, es ist irgendwie wichtig, dass man auch diesen Safe Space hat für diese Positionierung, dass das irgendwie auch einen guten Sinn hat. Und ich finde es gleichzeitig so lustig, weil ich oft in Interviews nämlich auch irgendwie in so eine Richtung gefragt werde und ich dann immer sage, aus unserer Sicht, das hat unser alter Vorstand, Herr Dr. Hannig, oft gesagt, eigentlich sind wir alle angehörig. Und irgendwo stimmt das ja auch, weil wir haben alle irgendwie einen Nachbarn, der zu viel Alkohol trinkt. Wir haben alle eine Kollegin, die irgendwie kurz vorm Burnout hängt oder was auch immer. Das ist gar nicht so selten.
Und dass ich den Gedanken so interessant fand, auch zu denken, eben diese kollektive Verantwortung, auch eben für die Betroffenen. Also, weil wenn es nicht nur die Familienmitglieder sind, die sich immer um alles kümmern müssen, wenn es nicht nur die Partnerin ist, die dafür zuständig ist, dass die Person jetzt irgendwie versorgt wird, sondern wenn alle sich ein bisschen mehr davon angesprochen fühlen und sagen, ich gucke auch mal nach meinem Nachbarn, ich frage die Kollegin mal, was gerade bei der los ist oder versuche, der irgendwie helfen zur Seite zu stellen, soweit es in dem Kontext dann quasi Sinn ergibt.
Frage ich mich manchmal, also im Gegensatz zu dieser Verwässerung, wäre es das vielleicht auch eine Erleichterung für Angehörige, das zu öffnen?
Nora
28:40 – 32:20
Voll. Also voll. Ich habe nur, diese ganzen Vorbehalte haben sich ja bei mir auch gar nicht bestätigt.
Also ich wurde immer mit offenen Armen empfangen, was du gerade von eurem ehemaligen Vorstand gesagt hast, dass man geht vielleicht so ein bisschen schüchtern in den Raum rein, weiß noch nicht so genau, was man machen soll und alle sagen, hey, schön, dass du da bist. Und wir sehen dich. Und wenn du reden willst, kannst du mit uns reden. Wenn nicht, ist auch nicht schlimm.
Und das ist wirklich so die Erfahrung, die ich gemacht habe, die ich von vielen anderen gehört habe. Also ich kann nur dazu ermutigen, diese Vorbehalte zu überwinden und das eben genau, wie du gerade beschrieben hast, in alle Richtungen. Also wenn wir uns alle einfach mit ein bisschen offeneren Armen empfangen und ein bisschen mehr aufeinander schauen, dann fallen viel weniger Menschen hinten rüber. Und ich glaube, dass gerade in der Fachwelt, in der behandelnden Welt, auch da eine gewisse Scheu ist.
Eben aufgrund dieser Stigmatisierung, weil das schon einfach die anstrengenden Angehörigen immer sind. Das ist eben dieses Bild, was häufig vorliegt. Und ich habe das Gefühl, und auch im Austausch mit Fachpersonen habe ich das schon gehört, dass die auch nicht so genau wissen, wie sie es machen sollen. Da geht es gar nicht mal darum, dass sie davon ausgehen, dass Angehörige anstrengend sind, sondern dass sie gar nicht so genau auch so eine gewisse Scheu davor haben.
Sie sind völlig geschult, wenn es um Diagnosen geht, wenn es um Behandlung geht. Ja, aber was mache ich jetzt mit einem 14-jährigen Kind? Ich bin ja gar kein, weiß ich nicht, Kinder-Jugend-Psychotherapeut. Und dann ist das ja nicht meine Kiste.
Aber ich glaube schon, dass auch viele, und da kommt wieder so mein Aufwachsen und die Empathie, die ich auch für die Fachpersonen habe, hoch. Ich glaube schon, dass viele das machen möchten, dass viele auch die Kinder der Betroffenen abholen möchten oder Freundschaften, aber vielleicht gar nicht so genau wissen, wie und da Berührungsängste haben. Und es gibt ja so viele Kontexte. in denen dieser Kontakt ja auch gar nicht entsteht.
Also wenn man jetzt in einer Psychiatrie ist, okay, dann hast du meistens auch mit den Angehörigen zu tun als Fachperson. Aber wenn man jetzt Psychotherapeutin ist und du hast deine Patientinnen, die kommen Dann sagst du ja nicht, ja dann bringen sie doch mal ihren Partner mit. Es gibt Leute, die das tun, also es gibt auf jeden Fall Psychotherapeuten, die das machen und auch anbieten, aber viele sind da ja auch sehr an ihrer Geheimhaltung und an an diese Beziehung zwischen Patientin, Klientin und Therapeutin gebunden oder fühlen sich gebunden und sehen das dann nicht als ihren Arbeitsaufgabenbereich.
Und dann wird es halt schwierig. Und wenn die Angehörigen dann eben nicht so Selbsthilfegruppen schon gefunden haben oder das kennen, und sich eben dann nicht mitteilen, dann sind wir nicht so gut füreinander da. Aber wenn wir eben auf die Nachbarn gucken, auf die, auf den Klassenkameraden, auf die Kommilitonin, die jetzt seit Wochen schon nicht mehr in der Vorlesung war und man fragt vielleicht doch nochmal nach, was ist los, dann, dann kriegen wir, glaube ich, viel mehr mit.
Julia
32:20 – 32:45
Ich finde das super interessant, was du auch gerade meintest, weil ich mal einen Workshop gegeben habe in der LVR-Klinik Köln mit Johannes Kirchhoff zusammen. Ich glaube, der ist Pflegeleiter. Und der meinte einfach nur wirklich offen in den Raum, dass Fachkräfte ja auch angehörig sind, dadurch, dass sie jeden Tag mit den Patienten zu tun haben. Und das war, finde ich, eine ziemlich steile These. Ich weiß auch bis heute nicht, was ich damit anfangen soll, ehrlich gesagt.
Aber ich finde auch, das mal in den Raum zu werfen, gar nicht so schlecht, sich auch dazu zu fragen, naja, welchen Impact hat das vielleicht eben doch auch auf mich, vielleicht auch nach Feierabend, wenn dann ein Patient immer wieder auftaucht und ich denke, ach verdammt, ich habe eigentlich gehofft, dass er es diesmal schafft oder wie auch immer. Also auch das kann ja durchaus was mit einem machen, obwohl man professionell ist und obwohl das ein professioneller Kontext ist sogar. Ich habe da keine Meinung zu, so ganz ehrlich.
Ich habe mich damit nicht genug auseinandergesetzt. Aber wollte ich gerade mal in den Raum werfen, falls auch Professionelle zuhören, ist das eine Frage, die man sich scheinbar stellen kann, auch nach dem, was du gerade angesprochen hast. Genau. Ja, ich würde jetzt aber langsam zum letzten Themenkomplex kommen.
Julia
33:30 – 34:23
Und zwar, na ja, also wir haben jetzt sehr viel darüber gesprochen, dass du dich eben mit der Bezeichnung lange beschäftigt hast, gestruggelt hast und so weiter. Du hast auch schon anklingen lassen, wo du die Unterschiede ziehst, also wann es für dich sinnvoll ist, dich so zu bezeichnen, wann aber auch nicht. Ja und mein Gedanke war auch im Vorgespräch, naja aber, also wir sitzen halt heute hier zusammen und wir nehmen Podcasts auf und du bist als Angehörige da, sonst wärst du nicht bei uns zu Gast sozusagen. Ja, auch gerade in dieser Angehörigenarbeit hast du auch schon erzählt, wann es sinnvoll ist, das zu tun.
Was bewegt dich in so Momenten, beziehungsweise was hat dich auch dazu bewegt, das dann offen zu legen, das doch irgendwie zu nutzen auch vielleicht, um gerade, wie du auch schon erzählt hast, gerade an andere Angehörige auch besser ranzukommen?
Nora
34:23 – 35:21
Die Gespräche, also mich hat immer der Austausch bewegt, wenn ich mit Menschen über ihre Erfahrungen gesprochen habe und über meine und das, was da in dem Zwischenraum passiert ist, also was wir an Emotionen geteilt haben, was an Verbundenheit. entstanden ist, was an neuen Ideen entstanden ist und an Strategien und auch kreative Projekte. Das hat mich immer wieder ermutigt und ich bin generell jemand, der sehr gerne mit Menschen in den Austausch tritt.
Der auch Menschen fühlt und fühlen kann. Und genau das, was da passiert in diesem zwischenmenschlichen Raum, das ist das, was mich immer wieder dazu bewegt hat, da weiterzumachen und weiterzugehen.
Nele
35:28 – 35:26
War es dann auch in gewisser Weise so ein Gefühl von Erleichterung?
Nora
35:27 – 35:45
Total, ja. Bei mir und bei anderen auch. Ich gehe immer wieder auf diese Gemeinschaft zurück, wo ich mich am Anfang nicht getraut habe, mich ein Teil dessen zu nennen und durch diese Erfahrung sage, Total schön. Und genau.
Julia
35:52 – 36:07
Dann noch die Frage, bei anderen Situationen bezeichnest du dich ja eben nicht als angehörig.
Kannst du beschreiben, was für Situationen das sind? Also wir haben ja schon darüber gesprochen, dass du sagst, es hat auch was mit Eigenschutz zu tun oder so. Aber gibt es so, gerade weiß ich nicht, vielleicht sogar konkrete Situationen, wo du sagst, nee, da ist das für mich echt ein No-Go, da mache ich das nicht.
Nora
36:07 – 38:43
Ja, also wenn sich Fachpersonenbehandelnde als eigentlich auch angehörig bezeichnen, dann finde ich das schon wieder, also du hast ja auch gesagt, du hast da keine richtige Meinung zu.
Ich merke so Widerstände, weil ich glaube, da ist vielleicht dann doch irgendwo eine Grenze, die ich halt aufmachen würde oder die ich ziehen würde beim Verwässern des Begriffs. Weil dann geht es ja irgendwie doch ein bisschen zu weit. Also ich finde, das Mitgefühl und die Empathie und die Fürsorge und ja auch Verantwortung, die Fachpersonen tragen, Die ist halt damit gegeben, also die sollte gegeben sein und dass man bewegt ist und sich sorgt auch um die Betroffenen und auch um die Angehörigen. Das finde ich jetzt irgendwie Grundvoraussetzung, aber dann quasi zu sagen, damit bin ich auch angehörig.
finde ich dann doch wieder schwierig, weil die Aufgaben und die Bereiche, nämlich den gesamten privaten Bereich und im Zweifelsfall auch berufliche Unterstützung oder so, die Angehörige und Zugehörige, also auf Freundschaften tragen, der geht doch noch mal viel weiter als die Behandlung in der Klinik oder meinetwegen auch jahrelange Therapie. Also das ist einfach, das sind größere Räume, die gefüllt werden und gefüllt werden müssen. Und genau, also da würde ich glaube ich schon eine Grenze ziehen.
Das finde ich dann auch wieder schwierig. Ich finde es ist was anderes, wenn man sich als Fachperson auch als Angehörig bezeichnet. Wenn man sagt, übrigens, man muss die Story nicht unbedingt teilen, aber wenn man sagt, ich habe auch Betroffene in der Familie, in meinem Freundeskreis, in meiner Partnerschaft. Und ich bin übrigens auch noch Fachperson, was ja bei mir der Fall ist.
Also das ist ja genau der Grund, warum es mir manchmal schwerfällt, manchmal auch gut ist, dass ich sage, ich arbeite in dem Feld, aber bin eben auch angehörig. Und genau das schafft ja die Verbindung ganz oft, auch von jetzt Fachpersonen. Also ich würde mich sehr viel wohler bei jemandem fühlen, der sagt, ich kann nachvollziehen, was du da durchmachst. Weil ich kenne das so oder so ähnlich.
Julia
38:43 – 39:18
Und ich dachte gerade auch noch mal zu diesem Thema, ob jetzt Fachkräfte auch angehörig sind. Jetzt nach dem, was du gesagt hast, denke ich auch, naja, die werden ja auch plump gesagt dafür bezahlt, dass sie da sind. Das sind wir Angehörige nicht. Also die Mutter mit dem psychisch erkrankten Sohn, die wird im Normalfall nicht dafür bezahlt, dass sie sich um den kümmert.
Also vielleicht kriegt die ein bisschen Pflegegeld, wenn es gut läuft, aber mehr kommt daher nicht. Und das, glaube ich, ist schon ein großer Unterschied. Also ja, finde ich sehr spannend, deine Einordnung.
Nora
39:18 – 40:18
Ja, und die Freundin, die seit Jahren immer wieder das gleiche Thema durchkaut und eben auch ganz viel Coaching, Care-Arbeit leistet, die bekommt eben auch kein Pflegegeld dafür. Also das sind schon so Sachen, die müssen da… Dafür finde ich es wichtig, den Begriff zu weiten, dass es eben sehr viel mehr ist als die Pflege und Versorgung des psychisch erkrankten Kindes mit dieser Diagnose, sondern dass das eben Das ist ja sowieso ein Thema, das Care-Arbeit sehr schwer zu messen ist und häufig eben übersehen wird. Aber genau deshalb finde ich das manchmal wichtig, das zu weiten, zu sagen, da gehört sehr viel mehr dazu, als nur die Klinikunterlagen auszufüllen oder so und nach der Entlassung sich zu kümmern, sondern genau, die Zugehörigen eben auch.
Nele
40:18 – 41:03
Ich würde jetzt tatsächlich schon mal so ein bisschen das Ende des Gesprächs hier einleiten. Und da hatten wir uns jetzt noch eine ganz wichtige Frage aufgeschrieben, die wir auch immer so ein bisschen als Ausblick auch nutzen oder als Tipp für diejenigen, die vielleicht auch jetzt zugehört haben. Und zwar wäre das, was würdest du anderen Angehörigen mitgeben, die gegebenenfalls auch Probleme mit diesem Begriff haben? Sei es jetzt, weil der Begriff zu sperrig ist oder weil man vielleicht auch wirklich Angst vor einem Outing hat. Also gibt es da so einen Impuls oder einen Gedanken, den du da mitgeben könntest, der dir so direkt kommt?
Nora
41:03 – 42:16
Hängt euch nicht an einem Begriff auf. Also ich bin eine Freundin von Sprache und mag es auch manchmal komplizierte Begriffe zu benutzen und kann das auch verstehen, wenn die abschreckend sind, aber letztlich geht es ja darum, wie wir uns fühlen und Labels und Begriffe sind sowieso Schwierig und versucht einfach in den Austausch zu gehen. Guckt nach Angeboten, aber es müssen auch nicht immer nur die Institutionen und Selbsthilfegruppen sein. Sprecht miteinander, teilt euch mit euren Familienmitgliedern, euren Freundinnen
und dem Umfeld da, aber, und das würde ich noch halt einfach hinzufügen, immer nur da, wo ihr euch sicher und wohl fühlt. Weil auch eine Selbsthilfegruppe, die einen mit offenen Armen empfängt, aber in der man sich halt nicht wohl fühlt, aus welchen Gründen auch immer, das ist halt auch nicht die, muss nicht die einzige Lösung sein. Sondern, genau, geht in die Gemeinschaft, sprecht drüber und mein Gott nennt euch halt, wie er wollt.
Nele
42:19 – 42:28
Das finde ich ein super Schlusswort.
Nennt euch, wie ihr wollt. Es kommt ja auch einfach auf das Gefühl an, was man dazu hat. Ja, ganz lieben Dank, Nora, für diesen sehr, sehr spannenden Input hier heute.
Julia
42:34 – 43:09
Ich finde es auch super, dass wir jetzt die ganze Zeit über diesen Begriff diskutiert haben und das Ende ist, hängt euch nicht an dem Begriff auf.
Ich finde, das umfasst es aber vielleicht auch eigentlich ganz gut eben diesen Komplex und dass es um Fühlen geht und nicht um irgendein Wort. Und wir danken dir sehr für deinen Input, Nora. Das war, finde ich, ein sehr spannendes Gespräch auf einer ganz anderen Ebene mal, weil es sehr philosophisch auch irgendwie war, mal dem allen so nachzugehen und vielleicht nicht nur die persönliche Betroffenheit quasi mitzudenken, sondern eben auch darüber hinaus über den Tellerrand zu gucken. Wir freuen uns, dass du da warst und damit verabschieden wir uns für heute.
Nora
43:09 – 43:12
Ja, danke, dass ich hier sein durfte. Es hat Spaß gemacht.
Nele
43:12 – 43:15
Danke. Tschüss.
Julia
43:16 – 43:31
Das war UNERHÖRT NAH, der Podcast für Angehörige psychisch erkrankter Menschen. Dies ist ein Projekt des BAPK mit Unterstützung der Baumer Krankenkasse. Hört nächstes Mal wieder rein, wenn wir mit Menschen sprechen, die verdammt nah dran sind.
