Folge #17

Wenn man in der eigenen Familie unsichtbar wird

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In unserer heutigen Folge ist Lisa zu Gast. Lisa ist selbst psychisch erkrankt, aber hat auch eine psychisch erkrankte Schwester. Als ihre Schwester krank wird, merkt sie, wie ihre Eltern ihre ganze Energie in ihre Schwester stecken und Lisa wird mit ihren Themen und Problemen wie ein Geist in der eigenen Familie, denn sie muss sich mit ihren Bedürfnissen immer weiter zurücknehmen.

Wir sprechen mit Lisa darüber, wie es dazu gekommen ist und welche Rollen sie als Geschwisterkind einnehmen musste, obwohl sie auch ihren Raum gebraucht hätte. Sie erzählt von den Konflikten, unschönen Gefühlen und Beziehungsdynamiken zwischen ihren Eltern, ihrer Schwester und ihr. Und Lisa berichtet darüber, welche Wege sie für sich gehen musste, um heute eine stabile Beziehung mit Rücksichtnahme auf alle Familienmitglieder zu führen.

Weiter unten findest du einen Themenüberblick (inkl. Zeitstempel) und das Transkript der Folge.

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02:00
Thema Zwei Schwestern, zwei Erkrankungen. Lisa stellt sich vor und beschreibt ihre besondere Doppelrolle: Sie ist selbst psychisch erkrankt und gleichzeitig Angehörige ihrer Schwester. Sie erzählt von ihrer eigenen Erkrankung und von der Erkrankung ihrer Schwester. Außerdem schildert sie, wie sich dadurch die Familiendynamik grundlegend verändert hat.

06:15
Thema Unsichtbar im eigenen Zuhause.
 Lisa beschreibt, wie der gesamte familiäre Fokus auf die kranke Schwester rutschte. Sie erzählt, wie sie sich emotional zurückgestellt, übersehen und nicht mehr wahrgenommen fühlte

10:40
Thema Parentifizierung und zu viel Verantwortung. 
Lisa geht auf ihre Rolle als „zu früh erwachsen gewordenes Kind“ ein. Sie erzählt, wie sie schon in der Kindheit Verantwortung für ihre jüngere Schwester übernommen hat und wie sich dieses Muster während der psychischen Erkrankung der Schwester verstärkte.

22:30
Thema Abstand als Rettung für die Beziehung. Der Auszug von zu Hause wird für Lisa zum Wendepunkt. Sie schildert, wie räumliche Distanz den familiären Druck reduzierte und die Beziehungen langsam entspannte.

31:40
Thema Grenzen setzen und neue Nähe. Lisa reflektiert, was ihr langfristig geholfen hat. Sie spricht darüber, wie sich dadurch die Kommunikation mit ihrer ganzen Familie und insbesondere ihrer Schwester verbessert hat.

Transkript der Folge

Nele

00:08 – 00:35

Herzlich willkommen bei unerhört nah, dem Podcast des Bundesverbandes der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen. Wir, das sind einmal ich, Nele, und ich, Julia, sprechen offen mit verschiedenen GästInnen über die Erfahrungen und Herausforderungen von Angehörigen psychisch erkrankter Menschen. Erlebt mit uns, was es heißt, unerhört nah dran zu sein. Hallo und herzlich willkommen zur 17.

00:35 – 00:45

Julia

Hallo und herzlich willkommen zur 17. Folge von UNERHÖRT NAH, dem Angehörigen-Podcast. Und ich bin Julia. Ich bin heute hier mit meiner Kollegin Nele. Hallo Nele.

Julia

00:45 – 01:34

Hallo. Und wir haben heute wieder eine Gästin bei uns, die mit uns ein Thema bespricht, was wir bisher noch gar nicht besprochen haben. Und zwar ganz explizit die Frage quasi nach den Geschwisterkindern von psychisch erkrankten Menschen zu beantworten. Weil wir immer wieder feststellen in der Selbsthilfe im Allgemeinen, in Selbsthilfegruppen, dass diese Geschwisterkinder oft so eine eigene Rolle nochmal haben und gern auch übersehen werden.

Dass die manchmal sich da zurücknehmen und aber ganz oft gar nicht so viel über die gesprochen wird. Und wir haben uns so ein bisschen gefragt, wie es denen eigentlich geht und dass die auch ihren Raum brauchen. Und deswegen begrüßen wir heute bei uns Lisa. Lisa ist 32 und spricht heute mit uns über das Verhältnis und die Geschichte mit ihrer Schwester.

Hallo Lisa!

Lisa

01:34 – 01:43

Hallo! Ich freue mich sehr, heute bei euch zu sein.

Julia

01:43 – 02:00

Wir freuen uns auch sehr, dass du da bist und deswegen direkt erstmal zum Einstieg:

Lisa, willst du uns mal ein bisschen über deine Geschichte, über dein Verhältnis zu deiner Schwester erzählen und dass wir mal einen Einblick bekommen, was so die Lage war?

Lisa

02:00 – 06:13

Ja, also ich bin wie gesagt Lisa, ich bin 32 Jahre alt und ich habe eine sehr interessante Perspektive auf das Thema. Ich bin sowohl selber psychisch erkrankt als auch die Angehörige einer psychisch erkrankten Person. Meine Schwester Jules in dem Fall.

Und zu mir gibt es zu sagen, ich bin krank geworden, in Anführungszeichen, so um 2012 rum. Mir ist ein traumatisches Erlebnis passiert und das habe ich sehr lange verdrängt. Dann ist es irgendwann wieder rausgekommen und hat sich in Depressionen geäußert in symptomatischer Anorexie. Also ich bin nicht magersüchtig im klassischen Sinne gewesen.

Hat in mehreren stationären Aufenthalten resultiert und in sehr langer ambulanter Therapie. Und meine Schwester ist Mitte 2014 krank geworden. Und das hat sich bei ihr in Panikattacken, in Dysfunktionalität geäußert. Darin, dass sie das Haus sehr lange Zeit auch gar nicht richtig verlassen konnte.

Und dass sie im Allgemeinen sehr isoliert gewesen ist bei uns und sehr ans Haus gebunden. Wir haben natürlich Eltern, meine Mama Ilona und mein Papa Jürgen oder unser Papa Jürgen und unsere Mama Ilona. Und wir haben zu dem Zeitpunkt alle noch zusammen zu Hause gewohnt. Ich bin dann irgendwann ausgezogen, weil ich zu dem Zeitpunkt 2016 mir auch schon was älter war, ich war in der Ausbildung, also ich bin 2016 ausgezogen, ich war dann in der Ausbildung, bin mit meinem damaligen Freund zusammengezogen und genau und vom familiären Verhältnis war es bei uns zu Hause

so, also während meiner eigenen Erkrankung habe ich meine Eltern als sehr ambivalent erlebt, am Anfang sehr ablehnend dem ganzen Thema psychische Erkrankungen gegenüber. Ich glaube, es war auch einfach ein Schock, weil man ja nicht damit rechnet, dass das eigene Kind plötzlich dasitzt und sagt, ich habe Depressionen oder ich glaube, ich bin psychisch krank, weil man vielleicht auch gar keine Berührungspunkte bisher damit hatte oder die Berührungspunkte, die man damit hatte, auch sehr stereotypisch geprägt gewesen sind. Meine Eltern haben mich in meinen stationären Aufenthalten auch besucht.

Irgendwann gab es ein besseres Verständnis für die ganzen Themen. Sie haben sich ein bisschen mehr geöffnet. Und der große Umschwung familiär kam bei uns eigentlich zustande, als meine Schwester krank geworden ist, weil die Symptomatik eine ganz andere war als bei mir. hochfunktional, das heißt auch zu dem Zeitpunkt, wo ich sehr krank gewesen bin oder in einer sehr tiefen Depression gesteckt habe, bin ich trotzdem aufgestanden, ich bin zur Schule gegangen, ich habe meine Sachen gemacht, ich habe mein Abitur irgendwie gemacht.

Weil es war wirklich irgendwie, ich habe es gemacht, aber viel an die Zeit erinnern kann ich mich, also ich kann mich nicht gut daran erinnern, weil auch viel in diesem Depressionssumpf und in Derelisation, ja das ist das Wort, gesteckt hat. Da hat man halt ein schweres, also schwere Erinnerungen an diese Zeit genau. Und bei meiner Schwester ist es das genaue Gegenteil. Meine Schwester war überhaupt nicht mehr funktional.

Sie ist krank geworden und der ganze Alltag ist eingebrochen. Da gab es nichts mehr, was geregelt gelaufen ist. Sie ist nicht mehr zur Schule gegangen oder hat gesagt, sie ist zur Schule gegangen und ist dann aber nicht zur Schule gegangen, weil Mama ist dann morgens zur Arbeit gefahren. Und ich war in der Schule und sie ist dann einfach direkt wieder nach Hause, weil sie Panik hatte, weil sie Panikattacken hatte, weil sie es einfach nicht ertragen konnte, das Haus zu verlassen.

Und als das irgendwann aufgefallen ist, sind meine Eltern damit ganz anders umgegangen, Bei mir, weil ich halt irgendwie noch meine Sachen gemacht habe, ich habe meine Therapie gemacht und meine Schwester einfach gar nichts mehr machen konnte. Und das hat bei uns dazu geführt, dass sich so der ganze Fokus familiär verschoben hat. Es gab nicht mehr so dieses Wir haben zwei Kinder, sondern es gab plötzlich nur noch, wir haben ein sehr krankes Kind als Thema, genau.

Julia

06:13 – 06:13

Und das war dann in dem Fall deine Schwester.

Lisa

06:13 – 06:14

Richtig.

Julia

06:21 – 06:35

Kannst du so ein bisschen darüber erzählen, wie du das gemerkt hast, dass du anders behandelt wirst, also wieso dieses zurückstellen begonnen hat, was so die alltäglichen Situationen vielleicht waren?

Lisa

06:35 – 07:34

Ja, ganz zentral einfach. Es gab kein anderes Thema mehr bei uns zu Hause.

Bei jedem Essen, bei jedem Zusammenkommen, bei jedem Gespräch ging es. immer nur die ganze Zeit darum, deine Schwester ist so krank, deine Schwester hier, deine Schwester da, deine Schwester jenes. Also es gab überhaupt gar keine anderen Themen mehr in unserem Haushalt und auch im erweiterten Familienkreis nicht, weil natürlich auch alle anderen irgendwann mitbekommen haben, dass etwas nicht stimmt, also Großeltern, Tanten, Onkel, alle. Und jedes Gesprächsthema bei jedem Familientreffen hat sich ja nur noch darum gedreht.

Ich war wie so ein Mitläufer in dieser Familie, aber es gab eigentlich überhaupt keinen Fokus mehr auf meine Person und selbst wenn ich da schon was älter war, man wünscht sich das ja trotzdem von seinen Eltern, dass man halt sagt, hey, Ich bin hier noch, ich bin noch da, aber es gab gar keinen Raum mehr dafür. Und ich verstehe das zu einem gewissen Grad heute. Ich bin jetzt viel älter als damals, aber zu dem Zeitpunkt habe ich es halt gar nicht verstehen können.

Nele

07:34 – 07:40

Was für Gefühle hast du denn da empfunden, wenn du dich daran noch erinnerst? Warst du wütend, vielleicht auch sauer darauf?

Lisa

07:40 – 09:20

Ich war oft sehr, sehr wütend, weil ich oft da gestanden habe und gesagt habe, ich bin hier, warum sieht mich keiner? Oder man sieht jemanden an, aber man sieht jemanden nicht.

Also meine Eltern haben ja mit mir gesprochen, aber halt über meine Schwester, nicht über mich oder, hey, wie war dein Tag? Hey, was hast du heute gemacht? Wie geht’s dir? Was passiert gerade so in deinem Leben?

Das war überhaupt kein Thema mehr. Das war nur, ja, hallo Lisa, ja, heute war das und das mit deiner Schwester. Oder ich habe mir gedacht, das und das mit deiner Schwester. Es gab einfach gar kein anderes Gesprächsthema mehr bei uns im Familienkreis.

Dann geht man als Person halt unter, obwohl man vielleicht auch eigene Themen hätte, die man gerne besprechen möchte, weil man sich mit jemandem austauschen möchte oder weil man sich gerade mit seinem Freund gestritten hat und eigentlich mit jemandem darüber reden möchte. Und das gab es zu dem Zeitpunkt halt leider einfach gar nicht. Und dann natürlich war ich sauer. Ich war sauer, ich war neidisch.

Ich war auch wahrscheinlich unfair meiner Schwester gegenüber, mit Sicherheit, weil ich das in dem Alter und zu dem Zeitpunkt überhaupt nicht trennen konnte. Sie hat ja keine Schuld daran. Sie hat ja nicht dafür gesorgt, dass unsere Eltern nur noch sie als Thema haben. Das war ja nicht ihre Intention,weil hinter psychischer Erkrankung steckt ja keine Intention, sondern sie war einfach nur krank.

Und meine Eltern hatten quasi Scheuklappen auf oder wie so einen Tunnelblick und hinten am Ende des Tunnels gab es halt nur meine Schwester und ihre Erkrankung und alles, was drumherum passiert ist, ist unsichtbar geworden.

Julia

09:20 – 09:36

Das heißt du hast schon auch manchmal versucht noch, also so wie ich dich jetzt verstanden habe, mit deinen Eltern da irgendwie in so einen Kontakt zu gehen, ob jetzt mit Liebeskummer, Schulstress, was auch immer, aber du hast so das Gefühl, da kam manchmal nicht so richtig was zurück. Genau. Ich weiß, dass wir zu dem Zeitpunkt auch wirklich viel gestritten haben zu Hause.

Lisa

09:36 – 10:38

Und es waren auch nicht so Streits, die halt so klein sind. Es wurde auch wirklich viel gebrüllt bei uns zu Hause. Und ich glaube, bei mir war das auf jeden Fall symptomatisch dafür, dass ich gedacht habe, wenn ich lauter spreche oder wenn ich lauter bin, dann hört mich vielleicht jemand. Und meine Mutter hat natürlich als Reaktion darauf zurückgebrüllt, weil wir auch einfach sehr, glaube ich, sehr emotional sind zu Hause, was ja per se nichts Schlechtes ist, aber in der Situation halt extrem belastend.

Und diese Streitsituationen waren für uns alle belastend. Ich habe auch mit meiner Schwester viel gestritten. Wir haben ein ganz, ganz schwieriges Verhältnis zu Hause gehabt und Papa war nicht, also Papa war nicht da, aber nicht, weil er nicht da sein wollte, sondern einfach, weil er beruflich nicht da sein konnte. Der hat, mein Papa, aber Zeit seines Lebens immer auf Montagen gearbeitet und war eigentlich immer unterwegs, mal ein paar Tage, mal auch zwei Wochen am Stück.

Und der war halt einfach physisch nicht anwesend. Und dann gab es halt oft Situationen, wo wir tagelang zu dritt zu Hause waren und niemand da war, der vielleicht so ein bisschen Ruhe hätte reinbringen können, sondern nur jeder von uns mit seinen aufgewühlten Emotionen. Meine Schwester, die krank war, meine Mutter, die versucht hat, nach ihrem besten Wissen und Gewissen, davon gehe ich fest aus, alles irgendwie hinzukriegen, und ich, die da irgendwo beim Ertrinken unter der Wasseroberfläche gepaddelt hat, weil ich mich so sehr danach gesehnt habe, dass mal jemand mit mir spricht und mich mal jemand wahrnimmt.

Nele

11:12 – 11:46

Da würde mich an der Stelle mal interessieren, hast du jetzt gerade vor deiner Mutter das Kind auch mal beim Namen genannt und auch wirklich gesagt, hey, ich fühle mich hier nicht gesehen, ich fühle mich hier wie ein Geist, das hattest du ja zum Beispiel auch im Vorgespräch gesagt, oder hast du eher mit Themen, die dich beschäftigen, immer wieder versucht einen Zugang zu bekommen, oder hast du wirklich mal gesagt, Hey Mama, ganz ehrlich, ich fühle mich hier überhaupt nicht gesehen mit dem, was ich hier habe und ich bin auch deine Tochter. Es gibt nicht nur die Schwester. Oder war das irgendwie ein Thema, um das man dann eher so ein bisschen drum herum geredet hat, weil es vielleicht auch Konfliktpotenzial in sich barg?

Lisa

11:46 – 13:30

Beides. Ich habe am Anfang also sehr lange versucht, einfach mich selbst auch wieder mit einzubringen, weil ich dachte, vielleicht bin ich auch nicht so präsent. Ich bin jeden Tag, ich bin damals anderthalb Stunden immer zur Arbeit, zur Ausbildung gependelt und auch anderthalb Stunden wieder zurück und Ich habe auch Zeit bei meinem Freund verbracht und war einfach auch vielleicht physisch nicht so präsent, weil ich oft auch versucht habe, der Situation zu Hause aus dem Weg zu gehen.

Und wenn ich dann da bin, habe ich versucht, mich einzubringen. Und irgendwann habe ich aber gemerkt, das klappt einfach nicht. Und wir hatten einen sehr heftigen Streit zu dem Thema. Und das hat dann halt darin resultiert, dass ich wirklich auch laut sehr deutlich geäußert habe, Ich lebe hier, ich bin auch euer Kind und es wäre wirklich schön, wenn sich mal jemand dafür interessieren würde, wie es mir geht, weil mir geht es nämlich auch nicht gut.

Und dann habe ich danach meine Sachen gepackt und bin für zwei Wochen komplett verschwunden und habe bei meinem damaligen Freund übernachtet die zwei Wochen. Und irgendwann hat Papa mich angerufen und hat gesagt, oder ich hatte Papa angerufen und habe gesagt, hey, ich brauche noch ein paar Sachen von zu Hause, kannst du mir die vielleicht vorbeibringen? Und dann hatten wir uns quasi auf halbem Weg getroffen. Ich bin mit der Bahn hingefahren, weil ich zu dem Zeitpunkt kein eigenes Auto hatte.

Und er hatte mir die Sachen gebracht und dann hat er gesagt, willst du nicht nochmal mit deiner Mama reden? Und die ist total traurig. Ich so, ja, ich bin auch traurig. Ehrlich gesagt ist mir das gerade total egal, wie traurig sie ist, weil darum geht es überhaupt nicht.

Das ist überhaupt nicht das Thema, was hier in der Luft liegt. Er hat dann halt versucht zu vermitteln und hat gesagt, ja und wir haben dich lieb und so. Das weiß ich auch, aber es hilft mir gerade trotzdem nicht weiter in der Situation.

Julia

13:30 – 13:54

Das finde ich aber auch schon trotzdem sehr, also mutig auch von dir, so klare Grenzen auch schon relativ ich sag mal früh, in Anführungszeichen zu ziehen, war sicherlich auch nicht leicht.

Also ich immer so denke, gerade Angehörigen im Allgemeinen und ich glaube gerade diesen Geschwisterkindern fällt das manchmal besonders schwer, sich dann so ganz rauszunehmen, aus Schuldgefühlen vielleicht auch oder so.

Lisa

13:54 – 14:48

Ja, also das ist so eine ganz wilde Mischung, die man an Gefühlen, das ist so ein ganz wilder Gefühlscocktail, dass diese Wut darüber, dass man selber halt so unsichtbar geworden ist, dass man wie ein Geist im eigenen Familienkreis existiert, da ist Neid auf die Aufmerksamkeit, weil man sich denkt, hallo, warum darfst du das alles haben und ich darf das nicht haben. Und da sind auch Schuldgefühle und die sind heute manchmal immer noch da, weil ich mir ganz oft denke, ich habe mich wirklich auch schlimm verhalten in manchen Situationen und das tut mir immer noch leid.

Und heute sprechen wir auch viel darüber, wie das damals gewesen ist. Aber damals waren Schuldgefühle waren auch da, aber nicht so präsent. Also da waren die anderen negativen Emotionen zu dem Zeitpunkt präsenter.

Julia

14:48 – 15:18

Jetzt wo du es quasi selber auch wieder angesprochen hast mit dem Thema Neid und so, würde ich gerne mich auch wieder den Bogen quasi auf die Beziehung zwischen dir und deiner Schwester lenken.

Du hast gerade erzählt, was das mit dir und deinen Eltern vor allem gemacht hat, aber jetzt fragen wir uns natürlich, weil es geht ja auch heute vor allem um diese Geschwisterbeziehung. Was hat das mit dir und deiner Schwester gemacht? Weil das muss ja auch, also gerade wenn du zwei Wochen ausziehst und sie kriegt vielleicht auch irgendwie mit, das hat auch irgendwie ein bisschen was mit ihr zu tun sozusagen. So Sachen, das macht ja sicherlich auch was unter euch irgendwie.

Lisa

15:18 – 19:54

Ja, also das Verhältnis zwischen meiner Schwester und mir ist sowieso zu dem Zeitpunkt oder auch in der früheren Jugendzeit schon kompliziert gewesen. Meine Mama ist, als ich zwölf war und sie neun, an Krebs erkrankt und ganz unbewusst, also das war mir damals nicht bewusst, dass das so passiert. Es ist auch nicht, dass irgendwer hingegangen ist und gesagt hat, du bist jetzt zwölf Jahre alt und du kümmerst dich jetzt hier zu Hause um alles. Sondern im Gegenteil, also meine Oma war öfter mal da und hat gekocht und sich auch mitgekümmert, aber Mama und Papa waren halt wenig präsent.

Mama war, erst ist sie operiert worden, dann war sie im Krankenhaus, dann kam Chemotherapie, dann kam Bestrahlung. Und das ist alles extrem physisch belastend für den Körper und es ist auch psychisch belastend für den Körper oder für die Seele, weil man sich ja unweigerlich auch mit dem eigenen Tod auseinandersetzen muss. Und Papa sich halt um Mama gekümmert hatte zu dem Zeitpunkt, was vollkommen normal ist, aber ich bin so unbewusst in diese Situation reingerutscht, dass ich als Zwölfjährige gedacht habe: Hey, ich muss helfen, ich muss Mama unterstützen, weil die kann das gerade alles nicht und ich muss Papa unterstützen, damit er sich um Mama kümmern kann.

Und bin für meine neunjährige Schwester in eine Parentifizierung reingerutscht, in ein Verhältnis, was überhaupt nicht geschwistergerecht ist. Sondern ich hab mich darum gekümmert, kommt sie abends pünktlich ins Bett, steht sie morgens auf. Wir haben Nachmittagshausaufgaben zusammen gemacht. Ich hab mit zwölf Jahren angefangen, wenn Oma nicht da war, mittags zu kochen, weil wir müssen ja auch irgendwas essen und habe mich gekümmert und das hat sich halt, das habe ich nicht abgelegt, das habe ich irgendwie nie richtig ablegen können, nachdem es dann vorbei war und es

Mama besser ging und der Alltag wieder richtig eingekehrt ist, weil das halt sich so sehr verankert hat, weil das mit zwölf Jahren sehr prägend ist, würde ich sagen und weil man weil ich zu dem Zeitpunkt ja auch schon meine eigene Kindheit irgendwie aufgegeben hatte. Nicht weil das jemand von mir verlangt hat, sondern einfach weil es passiert ist. Und das hat sich auch über unsere Jugend hinweggezogen. Dann war es dann, meine Eltern sind in den Urlaub gefahren.

Ich war, müsste 18 gewesen sein, meine Schwester 15. Und dann hieß es dann ja, wir sind jetzt drei Wochen weg. Du musst aufpassen, dass Julia keine Dummheiten macht. Hat nicht gut geklappt.

Zu dem Zeitpunkt hatten wir auch immer noch kein gutes Verhältnis zueinander, weil auch für sie diese Parentifizierung natürlich schwierig gewesen ist. Man ist 15 Jahre alt, man will sich nicht unbedingt von seiner großen Schwester was sagen lassen, weil man ist ein rebellischer Teenager und dann schleicht man sich halt mal raus und verschwindet fünf Stunden ohne jemandem Bescheid zu sagen. Und am Ende hätte sie mir gesagt: Hey, ich bin bei Freund XY und mit ein paar Leuten und du findest mich da und da. Hätte ich wahrscheinlich sogar für sie gelogen am Telefon.

Ich wusste aber nichts davon. Dann hat Mama irgendwann angerufen und hat gesagt, die geht nicht ans Haustelefon, wo ist die eigentlich? Und ich war so, ich habe keine Ahnung. Und da gab es ganz viele solcher Situationen, wo ich dann halt die Verantwortung hatte und dann ins Auto steigen musste und meine 15-jährige Schwester gesucht habe

stundenlang und das hat sich in also in als wir dann als sie krank geworden ist war das halt so ein ganz wilder Mix aus ich bin ein Geschwisterkind und ich möchte auch von unseren Eltern gesehen werden aber auch dieses ich muss mich kümmern damit es ihr besser geht und das war für sie glaube ich auch ganz schwierig zu händeln, weil sie konnte sich ja um sich selbst nicht kümmern, sie hat ja auch gar nicht selber verstanden, was passiert gerade mit mir, das hat Ewigkeiten lange gedauert, auch bis sie an dem Punkt war, dass sie gesagt hat, ich mache eine Therapie und ich bin dafür offen, sondern für sie war das ein unendlich schlimmer Zustand, aus dem sie selber nicht mehr rausgekommen ist und ich hatte halt diesen wilden Mix an Emotionen aus, ich bin Ich bin auch hier und ich habe auch Probleme und ich möchte auch gesehen werden und dieses, ich muss das in den Griff kriegen, weil sie es nicht in den Griff kriegen kann für sich.

Ja und als ich dann ausgezogen bin für diese zwei Wochen, wir haben nicht viel miteinander geredet in der Zeit, weil wir uns auch einfach viel gestritten haben, weil ich viel wütend gewesen bin und sie halt viel verzweifelt, gab es da keine gute Kommunikation. Also ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir uns liebevolle Nachrichten geschrieben haben in dem Zeitraum oder dass da irgendwie ein gutes Verhältnis existiert hat.

Nele

19:54  – 20:39

Ich wollte noch mal ganz kurz auf dieses Thema Parentifizierung eingehen, die sich ja anscheinend gehalten hat oder sogar verstärkt hat, als dann ihre psychische Erkrankung auch dann Einzug gehalten hat und das Gefühl bei dir ja dann noch verstärkt wurde, sich auch kümmern zu wollen. Ich stelle mir das als ziemlichen Balanceakt vor, da diese verschiedenen Gefühle in mir drin zu haben, dass ich mich kümmern möchte, dass ich einerseits irgendwie auch neidisch bin, mich nicht gesehen, vielleicht auch negiert fühle in meinen eigenen Gefühlen sozusagen.

Ja und da hatte mich noch interessiert, ob deine Eltern dann in der Zeit auch das von dir verlangt haben, dass du dich vielleicht auch nochmal mehr verstärkt um die Schwester mit kümmerst? Oder ob das in der Phase, in der sie dann auch erkrankt war, schon eher von dir heraus kam?

Lisa

20:39 – 22:33

Ich glaube, das war beides. Und ich glaube, dass das deswegen auch so ein großes Gesprächsthema war, weil meine Eltern oder meine Mutter im Speziellen, glaube ich, auch sehr verzweifelt gewesen ist und wahrscheinlich unterbewusst dieser Gedankengang entstanden ist.

Lisa ist auch psychisch krank, vielleicht versteht sie das auch einfach besser als ich. Und ich dann halt ganz oft auch in dieser Position war, dass sie mir etwas darüber erzählt hat, weil sie meine Meinung wollte oder mein Wissen dazu wollte, weil sie es, glaube ich, zu dem Zeitpunkt selber nicht besser hat verstehen können. Das ist zum Beispiel, ich habe mich natürlich im Vorfeld auch mit meiner Schwester ausgetauscht zu dem ganzen Thema. Meine Schwester hat ganz lange das Gefühl gehabt, dass unsere Mutter denkt, dass sie das nur tut, dieses nicht rausgehen können oder das vorschiebt, weil sie nicht zur Schule gehen möchte.

Weil sie einfach keinen Bock auf Schule hat, weil sie einfach keinen Bock hat, sich da Mühe zu geben. Und ich weiß, dass das ganz oft Thema war und dass ich auch ganz oft später zu meiner Mutter gesagt habe, das ist Blödsinn. Das sucht man sich nicht aus und wenn man kann, dann geht man natürlich raus und dann trifft man seine Freunde. Geht zur Schule und macht all die Sachen, die andere Teenager in dem Alter auch machen.

Und ich glaube, unterbewusst hat meine Mutter das quasi versucht, das davon Nutzen zu haben, dass ich halt auch psychisch krank war, um besser damit umgehen zu können. Was natürlich bei mir dann ausgelöst hat, so Hate. Mama versteht das überhaupt nicht. Jetzt muss ich das halt verstehen.

Und das war dann ein ganz, ganz schwieriger Mix, weil ich eigentlich offen gesagt zu dem Zeitpunkt auch gar nichts verstehen wollte. Ich war so sauer auf, dass ich gedacht habe, ich will einfach nichts damit zu tun haben. Lass mich in Ruhe mit diesem Kram. Lass mich einfach ich sein.

Julia

22:33 – 23:22

Ich finde das ist auch, also nicht nur Parentifizierung, sondern grundsätzlich viel Verantwortungsübernahme in so Momenten quasi, dass du auch noch Beraterin quasi für deine Mutter so ein bisschen bist. Und das ist ja wirklich dieses, dass eigentlich Eltern sowas vielleicht untereinander besprechen sollten. Man sich dann außerhalb Hilfe holt und sich als Eltern beraten lässt oder so und du quasi dann so Slash Aufklärungsarbeit auch noch irgendwie geleistet hast sozusagen, weil du es ja verstehen kannst. Also gerade auch noch mit dieser quasi Doppeldiagnose, dass du dann auch noch eine Diagnose hast, deine Schwester auch.

Ja, lädt scheinbar so ein bisschen leider dazu ein, irgendwie das vielleicht dann auch unterbewusst zu nutzen, sozusagen.

Lisa

23:22 –

Ja, und ich glaube, dass meine Mutter irgendwann das selber mitbekommen hat. Sie, schon zu Zeiten ihrer Krebserkrankung, ist sie zur Therapie gegangen, einfach wegen diesem Thema, womit man sich auseinandersetzen muss, dass man einfach sterben könnte. Und ich glaube, dass das ist eine extreme psychische Belastung, wenn man sich damit auseinandersetzen muss, dass diese Erkrankung den Tod bedeuten kann.

Und dann ist sie selber auch zur Therapie gegangen, um sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Und ich weiß, dass sie später auch mit unseren Themen zur Therapie gegangen ist, einfach um mit jemandem darüber zu sprechen und Wege zu finden, wie verhalte ich mich besser und wie kriege ich das besser hin. Ich glaube, sie hätte sich oft gerne mit Papa ausgetauscht, aber dadurch, dass er einfach auch physisch sehr weit weg gewesen ist, war das nicht so möglich und mein Papa kommt aus einer Generation, da reden Männer nicht über ihre Gefühle. Also zu dem Zeitpunkt war das so, da redet man nicht über seine Gefühle, da stellt man sich einfach nicht so an und dann zieht man durch.

Heute ist das nicht mehr so, aber zu dem Zeitpunkt war das so, dann ist das so, ja. Depressionen können, also das will ich ihm nicht unterstellen, aber das ist so mein Gefühl gewesen. Depressive Menschen sollen sich einfach nicht so anstellen. Es ist auch gar nicht so schlimm.

Reiß dich mal zusammen und krieg das mal in den Griff. Und ich glaube, das ist das Mindset, was in der Generation halt noch sehr präsent gewesen ist. Und deswegen hat meine Mutter wahrscheinlich da der Austausch auch einfach gefehlt und den hat sie bei mir gesucht. Ich war ja theoretisch erwachsen.

Ich glaube, so hat sie das gedacht, dass sie sich dann mit einer anderen erwachsenen Person darüber austauscht und hat gar nicht bemerken können, wie das mich in so einer sehr blöde Position halt reinbringt.

Julia

25:15 – 25:28

Und das hebt ja auch dann quasi die ganze Beziehung zu deiner Schwester komplett aus, wo ich meinte, dieses Verhältnis zu deiner Schwester ist ja dann endgültig, also wenn du mit deiner Mutter da beratend zusammensitzt, ist ja die Augenhöhe zwischen dir und deiner Schwester überhaupt nicht mehr gegeben wahrscheinlich.

Lisa

25:28 –

Genau. Das hat sich sehr, sehr stark in unserem Zusammenleben auch geäußert.

Das war nicht so, wie bei anderen Geschwistern, wie ich das aus dem Freundeskreis kannte, dass man mit seinen Geschwistern ganz viel Quatsch macht. Das gab es zu dem Zeitpunkt bei uns einfach nicht. Eigentlich nur Streit herein. Es gab viele hässliche Worte zwischen uns.

Dann hat so eine Kleinigkeit gereicht, wie sie hat sich irgendwie einen Oberteil von mir ausgeliehen, hat mir nicht Bescheid gesagt. Und ich hab gesagt, wo ist mein Oberteil? Und sie hat gesagt, hab ich nicht. Und dann hab ich zwei Wochen später in ihrem Kleiderschrank gefunden.

Und das hat oft dann schon gereicht, damit da die nächste … die nächste Bombe geplatzt ist. Einfach weil auch die Gefühle so hochgekocht sind regelmäßig. Genau.

Nele

26:12 – 27:01

Also es ist wirklich, ich muss es an der Stelle nochmal festhalten, ein unglaublicher Balanceakt zwischen Fürsorge und Wut. Also was da in dir abgegangen sein muss, diese verschiedenen Emotionen in Bezug auf deine Schwester zu haben, das ist unglaublich komplex. Und ich hab mich jetzt gerade gefragt, ob dein Auszug das in gewisser Weise vielleicht noch mal geändert hat, ob sich da das Verhältnis, ich sag mal, ein bisschen abgekühlt hat. Konntet ihr euch dann auch wieder auf einem neutraleren Level begegnen?

Weil du bist etwas älter geworden, sie ja auch. Ich weiß nicht, ob sie dann auch in die Eigenständigkeit gegangen ist und vielleicht auch von zu Hause ausgezogen oder so. Aber hat dieser Auszug von dir und so ein bisschen dieses Abnabeln voneinander nicht mehr diese Reibungsfläche zu haben, Hat das dann noch mal was was gemacht mit eurem Verhältnis?

Lisa

27:01 – 31:36

Ja, ich glaube der Auszug hat und also mein Auszug in die erste eigene Wohnung hat unser Familienverhältnis gerettet.

Also wenn ich glaube, wenn ich ein Jahr länger noch zu Hause gelebt hätte und dann erst ausgezogen wäre, dann würden wir heute alle nicht mehr miteinander sprechen oder ich würde nicht mehr mit meiner Mama und meiner Schwester sprechen. Da haben wir auch jetzt im Vorfeld ganz viel drüber gesprochen. Das stand für mich im Raum, den Kontakt abzubrechen, weil ich einfach gesagt habe, ich ertrage das so, wie es ist, nicht. Und ich glaube auch, dass sie das nicht mehr ertragen konnten, weil das ist Es ist nicht schön, wenn man mit Menschen, die man eigentlich sehr, sehr lieb hat, ständig streitet, wenn man sich ständig anbrüllt.

Und das ist nicht nur so ein bisschen anbrüllen, das war so Anbrüllen über zwei Etagen hinweg durchs ganze Haus. Der Hund hat zitternd unter der Treppe gesessen. Also es war wirklich furchtbar. Und dann bin ich ausgezogen in meine erste gemeinsame Wohnung und auch entfernungstechnisch ein Stück weiter weg, also es waren schon so 40 Minuten Autofahrt, weil ich halt näher nach Aachen gezogen bin, um halt näher an der Arbeit zu sein, weil ich irgendwann festgestellt habe, anderthalb Stunden pendeln jeden

Morgen, das ist einfach nicht. Und diese Distanz hat, glaube ich, ganz viel dazu beigetragen, dass ich ganz viel Streit auch gelegt hat von selber. Ich war nicht mehr in diesem Familienalltag drin. Wenn mich jemand angerufen hat, dann hat mich jemand angerufen, weil er mich anrufen wollte und hat dann auch gefragt, wie ist es heute, wie ist die neue Wohnung, wie läuft es auf der Arbeit?

Und ich glaube, das hat für mich einen riesen Unterschied gemacht, dass wenn Mama mich angerufen hat, dann war sie wirklich daran interessiert, Wie ist es eigentlich gerade bei dir? Und das war dann nicht so, ja, ich wollte dir noch erzählen, deine Schwester hat aber oder so. Das ist dann halt einfach seltener geworden. Und ich glaube, meiner Schwester und mir hat es sehr geholfen, weil wir nicht mehr so eng aufeinandergehangen haben.

Wir hatten unten einen Hausflur, man kam die Tür rein. Rechts ging es die Treppe hoch nach oben und dann ging man ein Stück weiter in den Haustür rein und auf der rechten Seite war mein Zimmer und auf der linken Seite war ihr Zimmer und da war nur dieser Flur dazwischen. Also wir waren uns physisch halt auch einfach immer sehr, sehr nah. Und ich glaube, uns hat das sehr, sehr gut getan, nicht mehr zusammen unter einem Dach zu leben, weil ich bin dann nochmal intensiver selber in Therapie gegangen, weil ich halt gesagt habe, ich habe immer noch Themen, die mich beschäftigen und ich habe immer noch Sachen an denen ich

arbeiten muss, das hat mir sehr sehr viel geholfen. Auch Dinge anders zu sehen und auch öfter mal zu sagen, hey das fand ich nicht gut oder da habe ich mich nicht gut behandelt gefühlt und das besser zu kommunizieren. Sie ist in Therapie gegangen und ist irgendwann auch zu Hause ausgezogen in ihre erste eigene Wohnung und ist eigenständiger geworden, hat sich selber dafür entschieden, in ein betreutes Wohnprogramm zu gehen, weil sie festgestellt hat, hey, ich möchte eigenständig sein, aber ich brauche einfach noch ein bisschen Hilfe und Mama und Papa sind da jetzt gerade nicht die Richtigen, um mir dabei zu helfen, sondern ich muss das irgendwie alleine hinkriegen und hat aber dann auch sehr schnell gemerkt, dass sie eigentlich die Betreuerin nicht braucht, weil sie das sowieso auch selber hinbekommt, weil sie es halt dann auch

selber hinkriegen musste, weil sie an dem Punkt war, dass sie sich um sich selbst kümmern konnte und auch wollte und auch musste. Und ich glaube, das hat ganz viel geholfen. Wir sind dann viel freundschaftlicher in Kontakt getreten. Wenn wir gesprochen haben, war das wirklich auch, sie hat mich gefragt, wie ist es bei dir gerade, ich habe sie gefragt, wie ist es bei dir gerade und wir haben uns von der Therapie erzählt und wie das alles so läuft, von den stationären Aufenthalten, wir haben das erste

Mal über so Dinge gesprochen, wie sie hat einen Freund und hat mir davon erzählt und das gab es vorher glaube ich nicht, weil sie mich halt als, also in dieser ablehnenden Position als Elternteil gesehen hat, in Anführungszeichen, und man erzählt seinen Eltern ja nichts über irgendwelche Jungsgeschichten. Das macht man halt nicht so. Oder man erzählt jemandem, der dauernd mies zu einem ist, ja sowieso nicht gerne was über sich selbst. Und wir sind das erste Mal halt in so ein Verhältnis gekommen, wo wir uns ausgetauscht haben.

Auch weil wir, glaube ich, erkannt haben, hey, die andere Person ist auch psychisch krank und der Austausch kann auch total wertvoll sein, weil man hat vielleicht eine Erkenntnis in der Therapie gewonnen, die für den anderen auch spannend sein kann. Und ich glaube, das wäre ohne den Abstand, den physischen, nicht möglich gewesen.

Julia

31:36 –32:08

Kannst du ein bisschen noch darauf eingehen, weil du ja eben auch so meintest, durch die Therapie und so hast du einfach auch nochmal so Reflexionsprozesse bei dir selber quasi angestoßen, wo du so gemerkt hast, ach das sind so die Teile, da muss ich irgendwie für mich was drehen sozusagen, dass dieses Verhältnis wieder gekittet wird, also gar nicht vielleicht mit der Intention, aber das war ja dann wahrscheinlich eine sehr nette Begleiterscheinung irgendwie, aber wo du gemerkt hast, da muss ich mich für mich mal um mich kümmern und für mich Erkenntnisse gewinnen irgendwie, die mich weiterbringen können.

Lisa

32:08 – 32:49

Ganz einfach Grenzen setzen, das ist glaube ich ein Riesenthema, was ganz viele Menschen haben, weil wir das irgendwie nicht so richtig lernen, wenn wir aufwachsen. für uns selber Grenzen zu setzen und sagen, das sind meine Kapazitäten und da ist Ende von meinen Kapazitäten und das ist alles, was ich leisten kann und darüber hinaus gibt es einfach nichts. Und sich darüber bewusst zu werden, wo sind eigentlich meine Grenzen, was kann ich eigentlich leisten, was möchte ich eigentlich leisten, weil das ist ja nochmal ein Unterschied. Es gibt ja auch Dinge, da könnte man eigentlich, aber man möchte einfach nicht, weil es weil es einfach vom Gefühl her sich nicht richtig anfühlt und sich darüber bewusst zu werden.

Ich glaube, das ist ganz, ganz wichtig. Und sich auch selber abgrenzen zu können dann und sagen können, nee, also das mache ich nicht oder das möchte ich nicht. Und auch benennen zu können, wenn jemand die Grenzen übertritt und sagt, Du übertrittst gerade meine Grenzen und das fühlt sich für mich nicht gut an. Das ist sehr, sehr wichtig und da haben wir auch mit Mama viel drüber gesprochen und Mama hat das auch sehr, sehr gut angenommen.

Es gab oft Situationen, da hat sie Sachen gesagt, die sie nicht böse gemeint hat, die aber trotzdem einfach schlecht kommuniziert waren und auch wehgetan haben. Und da ist sie sehr viel in sich gegangen und hat sehr viel an ihrer eigenen Kommunikation gearbeitet, weil das für mich halt eine sehr große Grenze ist. Ich möchte nicht, also ich versuche, so gut ich kann, das gelingt einem natürlich nicht immer, aber gewaltfrei zu kommunizieren. Und wenn man dann irgendwas an den Kopf geknallt bekommt, was überhaupt nicht in dieses Kommunikationsmuster passt, dann tut das halt weh.

Oder wenn jemand halt sagt, stell dich nicht so an oder du hast keine Depression, das ist alles nicht so schlimm, das tut halt weh. Das hat sie aber nicht gesagt, weil sie mir schaden wollte, sondern weil sie es nicht besser wusste, weil sie es nicht verstanden hat. Aber da hat sie zum Beispiel sehr, sehr an sich gearbeitet und kommuniziert jetzt viel besser, so dass man, wenn es dann mal so zu so einem Ausrutscher kommt, viel besser darüber hinweg gucken kann und sagen kann und das viel besser differenzieren kann und sagen kann, hey, ich weiß, du meinst das nicht so, aber und dann im Nachgang auch darüber spricht.

Und bei meiner Schwester war mein größtes Thema und das ist auch heute noch mein größtes Thema. Ich bin nicht für ihre Regulation verantwortlich. Ich kann sie unterstützen, ich kann sie begleiten, ich kann für sie da sein, ich kann zuhören, aber ich kann nicht ihre Kämpfe kämpfen. Und das war für mich halt, das war ein großes Thema, dass ich halt auch immer versucht habe später, als das Verhältnis dann besser wurde, Triggerpunkte abzuhalten, Stress abzuhalten, weil ich halt wollte, dass sie dabei sein kann bei bestimmten Dingen, weil das oft ein Thema war, dass sie gesagt

hat, ich kann nicht mitkommen, weil ich hab dann Panik. Und dann versuchten, und das betrifft nicht nur mich, das betrifft auch Freunde und das betrifft auch unsere Eltern, haben alle möglichst immer versucht, das wie so in Watte zu packen, dass sie alles machen konnte und dass bloß nichts passiert, was irgendwie ein Stressfaktor sein konnte. Und dadurch nimmt man ihr aber ja die Möglichkeit, sich ihren Ängsten zu stellen und zu wachsen und zu lernen und zu arbeiten. Und das war mir sehr lange nicht bewusst, dass ich das tue.

Und das ist in meiner eigenen Therapie dann irgendwann Thema geworden. Das ist auch in meinem Alltag Thema geworden, als mein Partner dann gesagt hat, Was machst du da eigentlich? Warum machst du so einen Aufriss? Das ist eine erwachsene Frau.

Entweder die kann das machen, oder sie kann es nicht. Und dann kann sie es vielleicht beim nächsten Mal. Aber das kannst du nicht für sie regeln. Und das ist wirklich so ein Kernsatz dieses, ich bin nicht für ihre Regulation verantwortlich.

Ich kann es begleiten und unterstützen, aber tun muss sie es halt am Ende selber.

Julia

35:51 – 36:42

Ich finde es auch sehr spannend, weil das auch sowas ist, was bisher fast in jeder Podcast-Folge so ein bisschen durchkam, irgendwer muss halt anfangen so ein System zu verändern, weil wenn man nichts verändert, dann muss ja auch nichts passieren und dann müssen ja manchmal die erkrankten Personen auch nicht so ganz, sag mal salopp gesagt, aus ihrer Comfortzone raus, weil wenn man immer in so einer geschützten Bubble unterwegs ist, ist es ja vielleicht auch manchmal leichter drin zu bleiben und sich eben nicht den Ängsten zu stellen oder nicht den blöden Gefühlen oder so. Und ich finde das ganz spannend, weil das ja so scheint, als ob du so ein bisschen vielleicht den Stein losgetreten hast in der Familie, dass alle so ein bisschen überlegen, dass deine Schwester selbstbewusster geworden ist, dass deine Mutter anders kommuniziert.

Irgendwie finde ich ganz spannend, dass das wieder zeigt, wie viel das macht, wenn eine Person dieses System mal aufbricht und mal so ein bisschen aufräumt.

Lisa

36:42 – 38:22

Ja, wir hatten das Thema tatsächlich kürzlich, also was heißt kürzlich, vor einer Weile nochmal. Da hatte meine Schwester kommuniziert, hey, mir geht es im Moment nicht so gut. Ich fühle mich einfach, also ich bin mental nicht auf der Höhe.

Und meine Mutter ist direkt in Panikmodus verfallen, hat mich angerufen, hat gesagt, ich habe das rausgesucht, ich habe dieses rausgesucht, sie kann das machen, sie kann jedes machen. Ich habe gesagt, Mama, stopp. Wenn sie schon an dem Punkt ist, dass sie dir kommuniziert, so und so ist meine mentale Lage gerade, dann weiß sie, wie ihre mentale Lage ist und dann wird sie auch selbstständig Maßnahmen ergreifen, um das in den Griff zu kriegen und um der Situation gewachsen zu sein. Und meine Mutter war so…

Meinst du? Ich so, ja natürlich. Die ist inzwischen auf so einem Level, dass sie das kann. Und ich hab da vollstes Vertrauen, dass sie das kann.

Und du musst sie das auch machen lassen. Weil wenn du jetzt da wieder mit 7.000 Links und was auch immer um die Ecke kommst, dann nimmst du ihr halt die Möglichkeit, diese Stresssituation selber wieder zu regeln. Und am Ende hat sich rausgestellt, sie hat’s ganz wunderbar geregelt. Alleine.

Weil sie halt wusste, weil sie halt erkannt hat, ich bin in dieser Situation. Und ich kann das aber auch selber wieder schaffen. Und das, ja, das war für meine Mutter, glaube ich, noch mal so ein Weckruf, dass sie da, also sie springt da sehr schnell an und ist sehr fürsorglich. Und das ist auch total schön, dass sie sich die Gedanken macht und dass sie inzwischen auch die Ressourcen hat und das raussucht und sagt, ich habe das und das gelesen und ich habe das und das gefunden und das auch gerne möchte.

Und das ist auch in einem gewissen Rahmen vollkommen in Ordnung. Aber man darf halt nicht die Stufe drüber gehen, dass man ihr wieder die Möglichkeit nimmt, das selber zu tun.

Nele

38:22 – 38:38

Geht es dir denn auch manchmal noch so, dass du diesem alten Verhalten so verfällst? Und was machst du, wenn du merkst, jetzt rutsche ich da vielleicht auch gerade wieder rein oder denke so, wie ich vorher gedacht habe und versuche da jetzt irgendwie die Fäden zu ziehen?

Lisa

38:38 – 41:16

Ja, das passiert mir immer noch. Und das ist auch, glaube ich, etwas, wo ich noch länger mit zu tun haben werde und wo ich auch tatsächlich manchmal darauf angewiesen bin, dass jemand von außen der nicht in dieser Familienkonstellation drin ist, sagt halt Stopp, so geht’s nicht. Wir hatten die Situation, meine Schwester hat kein eigenes Auto, sie wohnt sehr in der Innenstadt, das ist auch vollkommen in Ordnung, die braucht kein Auto und wenn sie ein Auto braucht, leiht sie sich halt meins aus und wir hatten die Situation, dass sie sich das öfter mal ausgeliehen hat und ich hab alles in Bewegung gesetzt, damit dieses Auto zu ihr kommt.

Ich hab ihr das Auto gebracht, bin manchmal nach Hause gelaufen, hab mich abholen lassen, hab meinen Freund angerufen, kannst du mich da abholen? Ich hab denen das Auto gebracht und irgendwann hat er gesagt, das ist bekloppt, was du da tust. Sie möchte dieses Auto leihen und du machst dir ein Heidenarbeiten, Heidenmühe, bringst dich in eine für dich total blöde Situation, weil du dich halt darum kümmern musst. muss manchmal eine halbe Stunde nach Hause laufen, wenn dich keiner abholen kann.

Oder ich muss dich abholen, da habe ich auch nicht immer Bock drauf. Warum tust du das eigentlich? Und dann habe ich halt gesagt, naja, sie braucht halt das Auto und ich möchte halt, dass sie das hat. Und dann hat er gesagt, ja, wenn sie das Auto braucht, dann kann sie es auch abholen.

Und ich hab da gestanden und hab gedacht, ja klar, ist eine Möglichkeit, hab ich aber nicht drüber nachgedacht, weil es halt eine unangenehmere Möglichkeit für sie gewesen wäre. Und hab dann irgendwann halt mit ihr ein Gespräch geführt, das war für mich schlimm zu dem Zeitpunkt, weil ich halt, ich wollte sie nicht verletzen, ich wollte sie nicht vom Kopf stoßen, ich wollte sie nicht Und hab mir all diese Gedanken gemacht und hab dann halt gesagt, so hör, wenn du das Auto ausleihen möchtest, das ist überhaupt kein Problem, du kannst es immer haben, wenn du möchtest, das stört mich überhaupt nicht, aber du musst es dir jetzt abholen bei mir, weil ich kann das nicht mehr auf mich nehmen, mir da diesen Stress zu machen und meinen ganzen Tag umzuplanen.

Wir können es auch gerne so machen, ich fahr es runter und du fährst mich wieder zurück, ist mir auch egal, aber ich möchte nicht mehr 30 Minuten nach Hause laufen oder dass Nikolas mich abholen muss, wenn ich Ja, wenn ich halt das Auto gebracht habe. Und dann hat sie gesagt, ja, ist vollkommen in Ordnung für mich. Und ich war so, okay, das war sehr leicht, aber es war auch sehr schlimm. Und wir haben dann im Nachgang darüber gesprochen, dann hat sie auch von sich selbst gesagt, ich so, sagt sie so, ich bemerke das ja auch im Freundeskreis, das ist immer total nett und ich freue mich auch, dass Leute so aufmerksam sind und dann alles mögliche umplanen, damit es

für mich irgendwie passend ist. Aber ganz oft denke ich mir halt, ich kann so nicht wachsen. Ich kann mich so meinen Ängsten nicht stellen. Ich kann so keinen Fortschritt machen, weil die Ängste kommen ja dann gar nicht auf.

Und das fand ich sehr, sehr schön, dass das für uns beide immer noch so ein Lernprozess ist und dass sie das auch sieht, dass da auf beiden Seiten noch was passiert.

Julia

41:16 – 42:30

Aber ich finde, da sieht man auch ganz gut, wie sehr du innerlich darauf getrimmt bist, quasi deine Bedürfnisse zurückzustellen, um ihr zu helfen. Und für sie ist das gar nicht so ein Ding. Also sie hat sich da scheinbar ja gar nicht so die riesen Gedanken vorher drum gemacht, sondern du hast dich da quasi so lange reingesteigert, sage ich mal, irgendwie.

Und sie ist so, ja, okay, dann hole ich das jetzt. Also finde ich ganz faszinierend, dass man da eben diese alten Muster so noch immer sehr erkennt irgendwie. Und genau, würde deswegen gerne nochmal darauf eingehen, weil du im Vorgespräch erzählt hast, und das hat mich sehr berührt, weil es mir ähnlich geht, dass deine Schwester, deine engste Vertraute ist. Und dass ich das aber eben in Kombination mit diesen alten Mustern, die da manchmal so auftauchen, sehr spannend finde.

Und mich so frage, wie gehst du halt eben damit um, wenn dann einerseits solche Geschichten passieren, andererseits habt ihr mittlerweile aber ein Verhältnis auf Augenhöhe und dann trifft das irgendwie manchmal vielleicht noch so aufeinander. Gibt es auch Situationen, kann ja auch sein, wo sie sagt, ey, halte ich mal zurück, ich kriege das schon selber hin. Also so finde ich gerade ganz spannend, wie sich das dann heute so in eurem Verhältnis zeigt, wie ihr da gemeinsam auch vielleicht als Schwestern mit umgeht.

Lisa

42:30 – 45:05

Ja, das stimmt.

Meine Schwester ist meine beste Freundin. Ich habe irgendwann mal scherzhaft zu meinem Lebensgefährten gesagt, dass wenn unser Haus brennt und meine Schwester da drin ist, ich sie zuerst retten würde und dann erst ihn. Fand er voll okay, weil er würde nämlich unsere Hunde zuerst retten und dann erst mich. Fand ich fair.

Heute ist es so, ich würde meine Schwester in jeder Lebenslage anrufen, egal was mit mir passiert. Sie wäre die erste Person, die ich anrufen würde, weil ich weiß, egal was ich erzähle, das wird nicht gewertet. Das wird nicht bewertet, ich werde nicht verurteilt. Wir gehen sehr offen mit unseren eigenen Erkrankungen gegeneinander gegenüber um.

Wir tauschen uns sehr, sehr viel aus. Wir verbringen unsere Freizeit auch oft zusammen, physisch wie auch online. Wir zocken beide sehr gerne und dann, wenn man es gerade nicht schafft, sich so zu treffen, Hängt man halt den ganzen Abend mal im Discord und unterhält sich. Ich glaube, das Schlüsselwort ist, wir kommunizieren sehr, sehr viel.

Wir haben uns auch da verschiedene Techniken angeeignet. Wenn jemand zum Beispiel etwas erzählen möchte, was für den anderen vielleicht ein schwereres Thema ist, dann fragen wir vorab immer, ist gerade die Kapazität dafür da? Hast du gerade die Kapazität, meine Probleme mit anzuhören. Und es ist auch vollkommen in Ordnung, wenn jemand sagt, nein, das kann ich gerade nicht oder mir geht es gerade selber nicht so gut, ich weiß nicht, ob ich das schaffe.

Das ist vollkommen in Ordnung. Das ist sehr, sehr wichtig für uns, dass man vorher immer kurz abcheckt, wie ist gerade die Lage beim anderen, weil nichts ist schlimmer, als wenn jemand dieses Traumadumping betreibt und man selber gerade sagt, kann ich nicht, kann ich nicht. Genau, das ist ein wichtiger Kommunikationsmechanismus, den wir haben und wirklich auch miteinander sprechen. Und das ist, da muss ich selber noch dran arbeiten, dass ich wirklich dann auch sage, hey, das ist mir gerade zu viel.

Das ist aber was, was in mir liegt. Sie macht das sehr gut. Finde ich. Kann ich jetzt auch nur sagen, wie das für mich rüberkommt.

Genau, aber dieses Sagen, hey, da passiert grad was, das übersteigt meine Grenzen oder meine Kapazitäten, das ist halt sehr, sehr wichtig, dass man wirklich miteinander spricht, dass man kommuniziert und dass es nicht nur Smalltalk ist, sondern dass man wirklich auch sagt, was Sache ist. Ja.

Nele

45:05 – 46:08

Ich würde fast sagen, Grenzen setzen hat eure Beziehung zueinander gerettet, unstabilisiert und auf ein neues Level gebracht, kann man ja fast schon auch sagen. Also diese Kommunikation über das Grenzen setzen auch, wie das Beispiel eben mit dem Auto und auch insgesamt über alle anderen Situationen darüber hinaus noch, das macht einfach jetzt auch dieses Verhältnis, wie ihr es habt, möglich, dass man sich gegenseitig diese Grenzen auch steckt.

das funktioniert jetzt gerade nicht oder geht das gerade bei dir und dann muss die andere Person auch akzeptieren, wenn man vielleicht gerade keine Kapazitäten hat, um sich einem Thema anzunehmen. Finde ich übrigens einen super Satz, deshalb war ich auch gerade so yes, weil ich das auch ganz gerne in meine Beziehung mit einbringe. Dieses Fragen hast du Zeit, hast du Kapazitäten dafür, also das war auch ein einen super guten Rahmen steckt für ein Verhältnis und dann kann das ja auch wieder super gut funktionieren und gesund funktionieren auf Augenhöhe, wie du das jetzt mit deiner Schwester beschrieben hast. Das fand ich gerade nochmal sehr, sehr schön zu hören.

Julia

46:08 – 46:48

Finde ich echt, also ganz eindrucksvoll irgendwie, wie das auch trotz eurer eigenen Erkrankung, Struggles, irgendwie sich so entwickelt hat, das finde ich echt. Können vielleicht hoffentlich andere ein bisschen was mitnehmen an der einen oder anderen Stelle für sich, für ihre Beziehung, ob sie unter Geschwistern ist oder auch mit anderen Angehörigen, Zugehörigen. Deswegen würden wir jetzt mal zum Ende kommen, aber die letzte Frage an dich wäre natürlich, was würdest du anderen Geschwisterkindern gerne mitgeben? Hast du was, wo du denkst, das ist ein Learning oder das ist Das müsst ihr einfach einmal vielleicht gehört haben von jemandem, dem es auch lange so ging.

Nele

46:48 – 46:49

Und das ist vielleicht auch nicht gut gelaufen.

Julia

46:49 – 46:57

Genau, was du möchtest. Aber gibt es irgendwas, wo du sagst, ja, das möchte ich gerne loswerden?

Lisa

 46:57 – 49:49

Ja, ich würde gerne den Satz nochmal wiederholen und das finde ich ganz wichtig und das muss man sich immer wieder vor Augen führen.

Du bist nicht für die Regulation deines Gegenübers verantwortlich, ob es jetzt ein Geschwisterkind, ein Partner, ein Elternteil ist, aber das ist nicht deine Verantwortung und diese Verantwortung muss man auch nicht übernehmen und die darf man auch nicht übernehmen, weil dann rutscht man nicht nur in eine parentifizierende Rolle, man rutscht auch in eine Therapeutenrolle und dafür ist man überhaupt gar nicht qualifiziert. Und das finde ich sehr, sehr wichtig. Ich würde jedem empfehlen, auch wenn man selber keine Diagnose hat, wenn man in so einer Situation steckt, geht zu einer Beratung, geht zu Selbsthilfegruppen, macht vielleicht auch selber eine Therapie.

Es kann sich ja auch so eine Co-Mobilität entwickeln oder eine Co-Abhängigkeit, je nachdem, was die Themen sind. Und da ist es ganz, ganz wichtig, sich selber auch Unterstützung zu suchen, um an so Themen wie Grenzen setzen und auch Selbstregulation zu arbeiten. Deswegen würde ich das immer sehr, sehr empfehlen. Ich weiß, Therapieplätze sind unglaublich

knapp, aber es gibt auch ganz tolle Leute, die Coachings anbieten, die vielleicht keinen therapeutischen Hintergrund haben, aber dir trotzdem Anreize dazu geben können, wie kann ich mich selber besser abgrenzen, wie kann ich Grenzen setzen, wie kann ich das in meinen Alltag mit aufnehmen und das wäre eine ganz, ganz große Empfehlung. Ich bin sowieso der festen Überzeugung, dass die Welt ein besserer Ort wäre, wenn jeder Therapie machen würde. Das würde glaube ich jedem Menschen einfach guttun, sich da mit jemandem auszutauschen, der das fachliche Wissen hat und auch die Methodiken, die einem weiterhelfen können.

Ja, und ansonsten lest viel. Mich hat, glaube ich, auch Lesen viel gerettet. Nicht nur Sachbücher und nicht nur Bücher über das Thema, aber alleine sich Räume zu schaffen, in denen man selber existieren kann. Und man kann auch von Fantasyhelden ganz viel lernen und ganz viel Stärke mitnehmen.

Deswegen lest viel.

Ich würde gerne noch einen Satz sagen zu Mama und Papa. Und zwar finde ich, dass Veränderung ist nicht nur zwischen mir und meiner Schwester passiert, sondern Veränderung ist auch bei meinen Eltern passiert. Das habe ich ja schon erwähnt, Mama hat sich sehr viel belesen, hat sich sehr viel informiert, ist viel offener, viel weniger ängstlich dem Thema Psychiaterkrankungen gegenüber.

Ich glaube, ganz viel ihrer frühen Reaktion war auch einfach Angst vor dem Thema, vor dem Tabu. vor der Größe dieser ganzen Thematik und Papa ist einfach viel präsenter geworden in unserem Alltag und ist aus diesem Muster rausgekommen von ich rede nicht über meine Gefühle, ist interessiert, ist informiert, ist offen, hört zu und ist einfach viel mehr anwesend und vielmehr da, weil er es jetzt halt einfach kann und weil er, weil es ihm wichtig gewesen ist, da auch für uns mit rein zu gehen.

Nele

49:49 – 50:42

Ja und ich möchte an der Stelle auch noch mal die Lanze brechen für Selbsthilfe, also für den Austausch mit mit Peers, denen es vielleicht ähnlich geht, die Erfahrungen gehabt haben oder gemacht haben.

die vergleichbar sind mit den eigenen, um sich da vielleicht auch auszutauschen. Also das ist für mich immer so der erste niederschwellige Schritt, wenn das jetzt auch nicht direkt klappt mit einer Therapie oder so, das wäre natürlich ganz ganz ganz toll, aber eben das ist nicht für alle möglich und da diesen niederschwelligen Austausch erstmal mit anderen Menschen zu haben, die sich ziemlich gut vorstellen können, wie du dich fühlst und auch von eigenen Erfahrungen berichten, von denen man dann wiederum auch profitieren kann, wenn man sie Wenn man da selbst mal Strategien anwendet, finde ich auch immer ganz wichtig nochmal zu sagen, dafür stehen wir ja auch so ein bisschen mit der Arbeit, die wir machen für die Angehörigen.

Julia

50:42 – 51:46

Deswegen auch nochmal in den Shownotes findet man dann auch vielleicht noch ein paar Tipps von dir, Lisa, wenn du was hast, das eine oder andere Buch oder was auch immer, von uns natürlich auch weiterführende Informationen zum Thema Geschwisterkind und wohin ihr euch wenden könnt. wenn das für euch ein Thema ist. Und damit würde ich sagen, sind wir am Ende dieser Folge angekommen. Lisa, wir danken dir sehr, dass du da warst.

Ich fand deine Geschichte sehr eindrucksvoll und ich finde es auch toll, dass du über diese Themen von Wut und Neid und all das gesprochen hast, was vielleicht sich viele trauen auch nicht so offen zuzugeben und hoffe wir konnten die ein oder andere Person ein bisschen inspirieren im Umgang mit der angehörigen Person neue Wege einzuschlagen vielleicht auch mal das System zu verändern und ja freuen uns auf eine nächste Folge und erst mal noch einen schönen Tag.

Julia

51:39 – 51:56

Das war Unerhört Nah, der Podcast für Angehörige psychisch erkrankter Menschen. Dies ist ein Projekt des BAPK mit Unterstützung der Baumer Krankenkasse. Hört nächstes Mal wieder rein, wenn wir mit Menschen sprechen, die verdammt nah dran sind.

Der Podcast „Unerhört nah“ wird gefördert durch

#verdammtnahdran

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